Fotograf David Becker in Las Vegas "Das Gefühl der Panik, die mich umgeben hat"

David Becker sollte ein Country-Festival in Las Vegas fotografieren, nun gehen seine Bilder um die Welt: Er wurde Zeuge des schlimmsten Massenmords durch Schusswaffen in der jüngeren US-Geschichte.

Getty Images

Selbst als die Menschen schon in Panik flohen oder kauernd am Boden lagen, wusste David Becker noch nicht, was genau er da gerade fotografierte. Er war im Auftrag der Nachrichtenagentur Getty Images in Las Vegas unterwegs, er sollte auf dem Country-Festival "Route 91 Harvest" fotografieren.

Das tat Becker auch. Nachdem er den Beginn des letzten Auftrittes fotografiert hatte, den von Jason Aldean, zog er sich in eins der Zelte für Journalisten zurück, um seine Bilder zu sichten und eine Auswahl an die Agentur zu schicken. Nach etwa zehn Minuten habe er draußen Knallgeräusche gehört. So schildert es Becker in einem ausführlichen Statement, das zahlreiche US-Medien veröffentlichten.

"Ich bin rausgegangen um zu sehen, was los war, und ein Sicherheitsmann hat gesagt, es seien nur Böller, also bin ich zurück an die Arbeit gegangen." Beim zweiten Mal habe ihm jemand gesagt, die Geräusche stammten von Lautsprechern oder dem Soundsystem. Wieder kehrte Becker ins Zelt zurück. "Dann kamen die Geräusche wieder, und das war der Moment, als die Menschen geflohen sind."

Becker nahm seine Kamera, stieg draußen auf dem Festivalgelände auf einen Tisch und begann, zu fotografieren. Die ganze Zeit habe er gedacht, Ursache für die Panik seien die Lautsprecher gewesen. "Es war so dunkel, ich konnte kaum sehen, was passierte."

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Fotograf David Becker: Bilder des Massakers

Eine Frau sei direkt vor seinen Füßen hingefallen, ein Mann habe eine andere Frau mit seinem eigenen Körper geschützt, bevor beide davongerannt seien. "Ich habe versucht, alles festzuhalten, was sich bewegt hat und gutes Licht hatte." Es sei schwer gewesen, weil es so dunkel gewesen sei. "Zu dem Zeitpunkt dachte ich immer noch, dass ein Lautsprecher so knallte, also habe ich versucht, die Emotionen der Menschen einzufangen und das Gefühl der Panik, die mich umgeben hat."

Er sei dann zurück ins Zelt gegangen und habe einen Kollegen angerufen. Dann habe er sich seine Fotos genauer angesehen: "Und was ich sah, war unfassbar." Draußen im Dunkeln habe er Details kaum wahrgenommen. "Aber jetzt konnte ich Menschen sehen, die blutüberströmt waren", erst da habe er realisiert, dass Menschen gestorben waren.

Er habe weiter am Laptop gearbeitet und sei etwa zehn Minuten später zu seinem Auto gebracht worden. Dann fotografierte Becker die Polizei und den Rettungseinsatz.

"Es ist schwer zu verstehen, was ich gesehen habe. Ich war wie im Autopilot-Modus, ich habe meinen Job gemacht und das festgehalten, was um mich herum passierte, ich denke, das ist wichtig. Eindrucksvolle Fotos wie diese erzählen eine Geschichte." Er mache seinen Job schon seit Jahren, "und es ist ein Instinkt, erst zu fotografieren und später nachzufragen". Es wirke vielleicht irrational, einfach rauszugehen und Fotos von Menschen zu machen, die in Sicherheit rennen, "aber das ist für Fotojournalisten selbstverständlich".

aar



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