Straßenfotografie in Italien Magnificos zerzauste Helden

Giulio Magnifico ist jung und neugierig. Stundenlang zieht der Fotograf durch die Straßen seiner Heimatstadt Udine, macht Bilder von lachenden, trinkenden oder pöbelnden Antitypen. Alle haben ein Geheimnis.
Obdachloser aus Udine: "Ja, komm, mach ma Jungchen"

Obdachloser aus Udine: "Ja, komm, mach ma Jungchen"

Foto: Giulio Magnifico

Wenn es kalt wird in Udine, zieht Maria ihre Strickmütze tief ins Gesicht und versteckt ihr mächtiges Kinn hinter einem dicken Schal. Alles, was sie besitzt, trägt sie in zwei Taschen mit sich herum. Zum Schlafen legt sie sich auf eine der Bänke am Busbahnhof, da kann es schon mal zugig werden. Woher sie kommt, weiß niemand so richtig. Aber sie soll im Gefängnis gewesen sein. Warum? Ihren Mann soll sie ermordet haben, im Schlaf.

"Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt", sagt Giulio Magnifico, der Maria fotografiert hat. Aber es ist ihm auch nicht so wichtig. Die wenigen Details, die seine Helden aus ihrem Leben preisgeben, sind für den jungen Norditaliener ohnehin nur Beiwerk. Weil alles geschrieben steht in ihren Gesichtern.

Magnifico ist ein blasser Brillenträger mit durchdringendem Blick, eher vom Typ braver Student als grübelnder Kreativer. Wenn er über seine Leidenschaft, die Fotografie, redet, tut er das ohne eitle Posen und mit einer großen Leichtigkeit.

Als Künstler ist Magnifico Flaneur. Stundenlang läuft er durch die Straßen und Bars von Udine, immer auf der Suche nach einem beeindruckenden Gesicht oder einem fesselnden Moment. Seine Protagonisten sind die Verlierer der Gesellschaft, trinkende, pöbelnde, aus der Bahn geworfene Antitypen. Aber auch anrührende Freidenker, notorische Katzenretter oder schwer vom Leben Gezeichnete, die einfach Pech hatten oder den Überblick verloren haben, als er bitter nötig gewesen wäre.

"Meine Modelle sind manchmal ein bisschen schwierig", sagt er liebevoll. "Gerade lächeln sie noch, im nächsten Moment werden sie plötzlich wütend oder gehen einfach weg." Oder sind so besoffen, dass man sie nicht fotografieren kann, weil sie so heftig hin und her schwanken. Wie der Mann mit dem von Glasscherben zerschnittenen Gesicht, der ihm seine frisch genähten Wunden zeigte.

"Sie wollen das sogar"

Magnifico ist den Menschen dankbar dafür, dass sie ihn teilhaben lassen an ihrem Leben. Einem Leben, das seine ganz eigene Ästhetik hat. "Ich will die Schönheit des Daseins einfangen", sagt der 26-Jährige, der laut eigener Einschätzung "keine große Lebenserfahrung" hat. Die aber wird zur Nebensache, wenn sein Finger auf dem Auslöser liegt. Magnifico versucht, sich beim Fotografieren zurückzuhalten, unauffällig zu sein. Die Leute lachen und machen Witze, sie erzählen ihre Geschichten, lustige und sehr traurige, wie die vom dem Mann, der nicht schlafen kann und den alle nur "das Gespenst" nennen.

Was irritiert, ist die Diskrepanz zwischen dem sehr jugendlichen, fast arglosen Fotografen, und den sehr eindringlichen Aufnahmen, die er produziert. Magnifico fragt seine Protagonisten nicht aus, er entlockt ihnen keine Tragödien oder Geheimnisse. Er schaut nicht in sie hinein, er schaut auf sie drauf.

In den Bars trifft Magnifico auf Gesichter, in die das Leben Erinnerungen gegraben hat. Er mag alte Menschen genau aus diesem Grund: "Vielen jungen Leuten fehlt diese Einzigartigkeit, sie sehen alle gleich aus. Und das Schlimme ist: Sie wollen das sogar." Es gibt viele Senioren in Udine, jeder Vierte ist 65 oder älter. Magnifico hat nicht nur Freude daran, die Alten zu fotografieren, er verdient auch seinen Lebensunterhalt mit ihnen, seit er in einem Pflegeheim jobbt.

Etwa 40 Prozent der jungen Leute in Udine sind arbeitslos, da muss man flexibel sein. Und von der Kunst allein kann der 26-Jährige noch nicht leben. Da nützt auch der schöne Nachname nichts, der so klingt, als hätte er ihn sich ausgedacht: "Magnifico" bedeutet "herrlich" oder "prachtvoll", so durfte sich Lorenzo de' Medici aus Florenz nennen, einer der größten Kunstmäzene der Renaissance. Ein Omen? "Nein, nein", wehrt der Fotograf lachend ab, "ich kann nichts dafür, ich heiße einfach so, das ist kein Pseudonym."

Die Abwanderung der Intelligenz

Udine liegt im äußersten Nordosten Italiens, nur wenige Kilometer von Slowenien entfernt. Von den etwa 100.000 Einwohnern haben 20.000 einen Migrationshintergrund, viele von Magnificos Protagonisten kommen aus Rumänien oder Albanien, aber auch aus Afrika. Probleme gebe es kaum, sagt Magnifico. "Die jungen Leute sind offen und tolerant gegenüber Fremden." Nur die älteren Mitbürger hätten Schwierigkeiten, sich an die neue Situation zu gewöhnen: "Ach, all diese Afrikaner", stöhnten sie manchmal.

Udine gönnt sich mit Furio Honsell einen Bürgermeister, der im richtigen Leben Mathematiker ist und in seinem Regierungsprogramm Aristoteles bemüht, um klarzustellen, dass er seinen Job nicht als Selbstzweck sondern als Dienst am Volk versteht. Honsell setzt auf Solidarität, Ökologie und die Jugend, wenn es um die Zukunft seiner Stadt geht.

Doch auch in Udine hat die Krise ihre Spuren hinterlassen. "Die Rezession hat uns schwer getroffen, vor allem den Mittelstand und die kleinen Unternehmen", sagt er. Zu viele junge Leute hätten keine berufliche Perspektive, was dazu führe, dass sie irgendwo anders in Europa ihr Glück suchen. "Die Abwanderung der Intelligenz macht uns zu schaffen. Unsere Ergebnisse in den Pisa-Studien waren ausgezeichnet, aber was nützt die beste Ausbildung, wenn danach alle weggehen?"

Giulio Magnifico bleibt. Weil er seine Stadt liebt. Und ihre zerzausten Helden.

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