Frankreich Träumen mit Zizou, Aufwachen mit Chirac

Frankreich weint um seinen gefallenen Helden: Das Fußballfest ist vorüber, Weltmeister sind die anderen. Doch die Niederlage schmerzt die Menschen weniger als der traurige Abgang ihres Nationalhelden Zidane.

Von Kim Rahir, Paris


Paris - Die Fahnen blieben diesmal eingerollt. Kein Jubelschrei ertönte in den Straßen von Paris, als das Spiel zu Ende war, es ist mehr wie ein beleidigtes Raunen, was da den Kehlen all derer entsteigt, die eine rauschende Nacht erleben wollten. Trotzige Fans, die sich mit Knallfröschen bewaffnet hatten, ließen es dennoch krachen. Doch während nach Frankreichs Siegen halb Paris zu den Champs-Elysées stürmte, quälen sich die Menschen schleppenden Schrittes die Avenue Wagram hoch in Richtung Etoile-Platz. Dort, am Triumphbogen, stehen kurz nach Abpfiff schon Dutzende Polizisten der Anti-Aufruhr-Einheiten CRS bereit.

Viele dieser wie Ninja-Turtles verpackten Beamten haben allerdings ein Lächeln auf den Lippen: "Es ist viel weniger wahrscheinlich, dass heute Schlägertrupps kommen", sagt einer von ihnen zu SPIEGEL ONLINE. "Die Schläger profitieren nämlich von den Menschenmassen, um sich zu verstecken."

Von Massen kann an diesem Abend kaum die Rede sein, insgesamt Hunderttausend Menschen finden sich im Laufe der Nacht der Polizei zufolge auf der Prachtstraße ein: Verstörte Paare und Familien, die sich mit Fahnen und Tröten ausgestattet haben, schleichen enttäuscht um den Triumphbogen herum. "Ich esse nie wieder Spaghetti", ruft ein junges Mädchen, und es ist nicht sicher, ob ihr nach Lachen oder Weinen zumute ist. Ein Junge schleift seine Fahne mutlos über den Boden.

"Helden machen sowas nicht"

Auf der Prachtstraße Champs-Elyées entzünden ein paar Unermüdliche bengalische Feuer und skandieren "Merci, Zizou", den Spitznamen des begnadeten Mittelfeldspielers, der sein letztes Spiel im Nationaltrikot mit seinem unwürdigen Abgang gründlich verpatzt hat. Die rund 50-jährige Léa sagt: "Dass Zidane sich auf diese Weise verabschiedet, das ist wirklich schade." "Er hat für Frankreich soviel Gutes getan", sagt die Frau, die eine Frankreich-Perücke trägt.

Auf den Triumphbogen werden Bilder der Nationalspieler projiziert: Zidane macht den Anfang und oben auf dem Fries steht "On t'aime Zizou" - Zizou, wir lieben Dich. Doch der Nimbus des Nationalhelden, für den "Le Parisien" vor wenigen Tagen noch "ein Denkmal, jetzt gleich" gefordert hatte, ist beschädigt. Die Menschen diskutieren über das Foul, das einen so schlechten letzten Eindruck hinterließ. "Der hat ihn doch provoziert, immer wieder, mit denen kann man nicht Fußball spielen", sagt ein junger Mann. Doch sein Freund schüttelt mit dem Kopf: "Helden machen sowas nicht."

Auch die Pariser Morgenzeitungen gehen mit Zidane streng ins Gericht. Allen voran das Sportblatt "L'Equipe", das von einem "verpatzten Abgang" spricht, vor allem aber Zidane zuruft: Das Schwierigste werde es, "Millionen Kindern auf der ganzen Welt zu erklären, wie Sie sich zu diesem Kopfstoß gegen Marco Materazzi hinreißen lassen konnten". Beinahe wäre der französische Mittelfeldspieler in den illustren Kreis von Helden wie dem Boxer Muhammad Ali oder dem Fußballer Pelé vorgedrungen, bedauert das Blatt. Doch von diesen habe "keiner die einfachsten Grundregeln des Sports so verletzt". Das Foul sei "dumm", "irreparabel" und "schwer zu verzeihen", so das Urteil der Sportzeitung.

Land der Gegensätze

"Das Land verliert einen Star, ohne einen Stern zu gewinnen", heißt es in "Libération", der Kopfstoß "verdirbt den Abschied und den Ruf" von Zidane, schreibt der "Figaro". Die Regionalzeitung "La République du Centre" sieht die Gründe für Zidanes Fehltritt in "zu viel Druck und zu viel Götzendienst für einen Spieler, der für Schlichtheit und Ruhe gemacht ist".

Trotz der verheerenden Titelgeschichten - "Zerstörter Traum" ("Figaro"), "Grausames Ergebnis" ("Parisien"), "Ewige Reue" ("L'Equipe") - gibt es auch Danksagungen, sogar an den unglückseligen Zidane. "Und dennoch Bravo", so titelt das kommunistische Blatt "L'Humanité", das sich auch zu einem "Merci Zizou" hinreißen lässt. Doch die "Libération" legt den Finger gnadenlos in die Wunde: "Einen Monat lang hat Frankreich mit Zidane geträumt - heute morgen wacht es mit Chirac auf", heißt es mit Blick auf den alternden Staatschef. "Frankreich, das Land der Gegensätze, das nicht einmal beim Ballspielen noch die Welt beherrschen kann."



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