Frauen in der Türkei Gewalt im Drei-Minuten-Takt

Die Zahlen sind alarmierend: Laut jüngster Polizeistatistik wird in der Türkei alle drei Minuten eine Frau geschlagen oder misshandelt. Die Zahl der weiblichen Opfer ist um 76 Prozent auf rund 73.000 gestiegen. Oft bleibt den Frauen nur die Wahl zwischen Selbstmord - und Mord.

Von Dilek Zaptcioglu, Istanbul


Istanbul - Ihr Name ging vor vier Jahren um die Welt: Die Kurdin Güldünya war in ihrer ostanatolischen Heimatstadt nach einer Vergewaltigung durch den Mann ihrer Cousine schwanger geworden. Die Familie übte so lange Druck auf sie aus, bis sie einer religiösen Trauung mit ihrem Peiniger zustimmte. Dieser hatte jedoch keine Lust, Güldünya als zweite Frau zu nehmen - und besiegelte mit seiner Entscheidung ihr Schicksal.

Protest in Istanbul am Weltfrauentag: Allein im Jahr 2006 wurden 842 Frauen getötet
REUTERS

Protest in Istanbul am Weltfrauentag: Allein im Jahr 2006 wurden 842 Frauen getötet

Die junge Schwangere wurde nach Istanbul, zu ihrem Onkel geschickt. Hier merkte sie aber bald, dass sie getötet werden sollte, und floh. Sie fand Unterschlupf bei einem Imam, bei dem sie ihren Sohn gebar. Sie gab ihm den Namen "Umut" - Hoffnung. Aber um Güldünya war es hoffnungslos geworden. Ihre beiden Brüder kamen und schossen mitten in Istanbul auf sie. Da sie es nicht beim ersten Versuch schafften, die 22-jährige Schwester zu töten, "besuchten" sie sie anschließend noch einmal im Krankenhaus. Durch einen gezielten Kopfschuss kam der Tod. Die Ehre der Familie war gerettet.

Über Dunkelziffern braucht man nicht mehr zu reden. Erstmals hat die türkische Polizei eine genaue Statistik über Gewalttaten gegen Frauen angefertigt. Die Untersuchung umfasst den Zeitraum 2005 und 2006. Demnach wird in der Türkei alle drei Minuten eine Frau geschlagen oder misshandelt. Insgesamt registrierte die Polizei in den beiden Jahren mehr als 333.000 "mit Gewalt verbundene Straftaten" gegen Frauen.

Allein im vergangenen Jahr wurden 842 Frauen getötet. Stark zugenommen haben die "Selbstmordversuche", zu denen Frauen aus Gründen der Familienehre gedrängt werden - auch ihr Onkel hatte Güldünya zuerst einen Strick gegeben, damit sie sich selbst aufhängt. Mit 5852 Fällen im Jahr 2006 hat sich die Zahl der Selbstmordversuche von Frauen und Mädchen im Vergleich zum Vorjahr ungefähr verdoppelt.

Die "verletzte Ehre" gilt nicht mehr als strafmildernd

Warum dieser erschreckende Anstieg der Gewalt gegen Frauen in der Türkei? Die Rechtsanwältin Meral Danis Bestas hält die Behauptung, dass der "Terror gegen Frauen" drastisch zugenommen habe, für übertrieben. "Es gehen jetzt viel mehr Frauen zur Polizei und zeigen die Täter an", sagt sie. "Dadurch wird die Gewalt erstmals sichtbar." Tatsächlich wurde in den letzten Jahren gerade "Ehrenmorden" der Kampf angesagt. In allen Großstädten gibt es mittlerweile kommunale und privat betriebene Frauenhäuser, die Gesetze wurden den EU-Normen angepasst. So gilt die "verletzte Ehre" des männlichen Familienmitglieds nicht mehr als strafmildernder Grund. Mord ist Mord, entscheiden die Richter, egal aus welchem Antrieb heraus er begangen wurde. Jugendliche Täter unter 18 kommen nicht mehr nach ein paar Jahren heraus wie früher. Es gibt eine Kampagne nach der anderen.

Aber es ist bestimmt keine Fata Morgana. Jeden Tag berichten die Istanbuler Zeitungen von einem neuen Fall. Die Schicksale der Opfer sind identisch. Das Erschreckende ist, dass sich die Erzählung endlos und dramatisch in die Länge zieht, ohne zu einem Ende zu kommen. Gewalt gegen Frauen wurde in der Türkei lange als ein Relikt aus der Vorzeit gehandelt. "Je höher der Bildungsstand, desto zivilisierter die Gesellschaft", hieß es. Republikgründer Atatürk hatte es selbst vorgemacht, als er im Frack schöne Tanzpartnerinnen auf das Parkett führte: Die Türkin sollte in der Gesellschaft gleichwertig ihren Platz einnehmen. Die Jahrhunderte alten, islamisch-konservativen Vorstellungen sollten geändert, die Türkin "befreit" werden. Ein Problem, das sich mit der Modernisierung selbst erledigt. Jetzt müssen alle erschrocken feststellen, dass dem nicht so ist.

"Das türkische Wort namus für Ehre stammt von dem griechischen nomos", sagt die feministische Aktivistin Leyla Pervizad. "Und nomos bedeutet Macht, Gesetz, Regel. Es symbolisiert die männliche Macht über die Frauen". Interessant auch das türkische töre für die "strenge Tradition", die weitgehend im Land herrscht, und den Frauen das Leben so schwer macht. Die Feministin führt ihren Ursprung auf die jüdische "Thora" und die strengen sittlichen Regeln zurück.

Frauen spielen in diesem archaischen Spiel oft auch eine unrühmliche Rolle. Die bekannte türkische Feministin Ayse Durukan erzählt über eine Familie: "Der Mann wollte seine Frau nicht töten. Seine Mutter animierte ihn dazu, indem sie ihm ständig vorwarf: "Was bist du für ein Mann, du hast deine Frau am Leben gelassen." Schließlich hatte er keine andere Wahl mehr."



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