Frauenhäuser Helfer in Not

Jährlich fliehen 40.000 Frauen und Kinder vor ihren gewalttätigen Freunden, Männern und Vätern. Schutz finden sie in Frauenhäusern. Doch nun sollen aus Kostengründen Notunterkünfte geschlossen werden - es geht um Hunderte Schicksale.

Corbis

Von , Lübeck


Acht Stunden Zugfahrt trennen Sarah* von ihrem alten Leben. Acht Stunden, in denen sie sich von ihrem Peiniger entfernt hat. Endgültig, hofft sie. Am Ende der Reise trat sie über die Türschwelle eines hellblauen Gebäudes, eines Frauenhauses im Zentrum von Lübeck. "Du hast es geschafft", dachte Sarah.

Es ist nicht leicht für Sarah, sich an den Tag zu erinnern, der alles verändert hat. Die 30-Jährige knetet ihre Hände, im Gesicht blühen rote Flecken. "Ich musste warten, bis er die Wohnung verlassen hat", sagt sie. 'Er' ist der Mann mit dem sie acht Jahre lang zusammenlebte. Der Mann, der ihr Kontakt zu Freunden und Telefonate mit ihrer Mutter verbot. Der Mann, der ihr mit der Faust ins Gesicht schlug.

Sarah nennt ihn ihren Ex-Freund.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, packte sie hastig die Koffer und machte sich auf den Weg zum Bahnhof. Sarah und ihre drei Kinder hatten Angst. Schreckliche Angst, ihn auf der Straße zu treffen, ihm wieder zurück in die Wohnung folgen zu müssen. "Erst als der Zug losfuhr, kam ich wieder zu mir, konnte ruhiger atmen", sagt Sarah. "Das war der Schlussstrich." Drei Monate sind seitdem vergangen.

Sarah wurde eingesperrt, erniedrigt und geschlagen. "Das hat sich ganz langsam entwickelt", sagt sie. "Es ist schwer zu beschreiben, ich war wie gelähmt." Irgendwann musste sie ihre letzte Kraft zusammennehmen, wie sie sagt, vor allem wegen der Kinder. "Ich wollte nicht, dass sie weiter leiden müssen oder dass sie so werden wie er. Kalt und respektlos." Sie wählte die Notrufnummer des Lübecker Frauenhauses der Arbeiterwohlfahrt (AWO), wurde am Telefon beraten und konnte am nächsten Tag einziehen.

Sparmaßnahmen in Schleswig-Holstein

Doch für das notorisch klamme Schleswig-Holstein sind Gewaltopfer wie Sarah zum Problem geworden. "30 Prozent der Frauen, die in unseren Frauenhäusern Schutz suchen, kommen aus anderen Bundesländern", sagt ein Sprecher des Ministeriums für Gleichstellung. Die Frauen legen bewusst Hunderte Kilometer zurück oder fliehen gezielt in Großstädte, um ihren gewalttätigen Partnern entkommen zu können. Der Fluchttourismus ist dem Ministerium jedoch ein Dorn im Auge - aus Kostengründen. "Schleswig-Holstein ist auf Dauer finanziell nicht in der Lage, reichere Bundesländer zu entlasten."

Der Vorwurf bezieht sich in erster Linie auf Hamburg. Von dort aus, so heißt es im Ministerium, suchten viele Schutzbedürftige das nahe an der Stadtgrenze gelegene Frauenhaus Wedel auf. In Schleswig-Holstein gibt es 16 Frauenhäuser - zwei davon sollen Ende 2011 im Zuge von Sparmaßnahmen geschlossen werden.

"Der Schutz vor Gewalt für Frauen und Kinder darf nicht an den Landesgrenzen enden", klagt eine Mitarbeiterin einer betroffenen Einrichtung.

300 Unterkünfte weniger

Neben Wedel ist auch das Haus der AWO in Lübeck von den geplanten Kürzungen betroffen. In einem Entwurf zur "Umstrukturierung bei Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen" plant das Justiz- und Gleichstellungsministerium die Einsparung von 563.000 Euro ab dem Jahr 2012. Das Konzept sieht konkret die Streichung von 48 Frauenhausplätzen vor - in Wedel und Lübeck.

Ein Frauenhausplatz wird in Schleswig-Holstein pro Jahr von mehr als sechs Hilfesuchenden genutzt, die Kürzungen beträfen also knapp 300 Frauen.

Das Kieler Ministerium rechtfertigt die geplanten Schließungen mit einem vermeintlichen Überangebot an Plätzen. Aus Sicht der Frauenhäuser eine unangebrachte Perspektive, wenn es um den Schutz von Gewaltopfern geht. "Es sollte besser eine bundesweite und einheitliche Finanzierung angestrebt werden, um Konflikte zu vermeiden", sagt eine Mitarbeiterin des Frauenhauses Wedel.

"Ein Frauenhaus ist kein Hotel"

Das AWO-Frauenhaus in Lübeck traf es, weil es zwei Einrichtungen in der Stadt gibt. Im Vergleich sei die Zufluchtsstelle der AWO weniger gut besucht, die Frauen hielten sich dort zudem erheblich länger auf, so das Ministerium. Die Auslastung der Häuser wird von der Landesregierung in Prozentzahlen erfasst - doch genau da liegt das Problem.

Die Zahlen schwanken stark. Manchmal sind die Frauenhäuser geradezu überfüllt, dann ziehen an einem Tag zwei Mütter mit insgesamt acht Kindern aus. "Ein Frauenhaus ist kein Hotel, sondern eine Kriseninterventionsstelle", sagt eine Betreuerin.

In Lübeck ärgern sich die AWO-Mitarbeiterinnen vor allem über den Vorwurf, die Frauen hielten sich zu lange in der Notunterkunft auf. "Hier findet man Obdach", sagt eine Betreuerin. "Das ist kein Luxusleben."

In dem Haupthaus gibt es zehn Zimmer mit je drei Betten. Derzeit leben hier auf engstem Raum elf schwer traumatisierte Frauen und 19 Kinder, zwischen 2 und 14 Jahren, verschiedener Nationalitäten zusammen. Das bedeutet Lärm und tägliche Auseinandersetzung - keine Wohlfühlsituation in der man sich länger als nötig einnistet.

40 Tage für ein neues Leben

Im Durchschnitt bleiben die Frauen für 40 Tage in den Einrichtungen. Das ist nicht lang, um sich ein neues Leben aufzubauen. Wird die Unterstützung zu früh beendet, bedeutet das meist ein hohes Risiko, dass sich die Frau erneut einer Gewaltsituation aussetzt - und damit auch einen Anstieg der Hilfskosten.

Doch die kurzfristigen Einsparungen bei den Frauenhäusern könnten das Land Schleswig-Holstein noch teuer zu stehen kommen. Die Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser (LAG) hat beispielhaft die Kosten errechnet, die im ersten Jahr nach einer Gewalttat gegen eine Frau und ihre Kinder durch psychische Betreuung, Gerichtsverfahren, Arztbesuche und andere Hilfsmaßnahmen entstehen können: 114.205 Euro. Die jährlichen Kosten häuslicher Gewalt beliefen sich bundesweit auf 14,5 Milliarden Euro, so die LAG.

Ohne Unterstützung der Frauenhäuser müsse man mit einer rasanten Erhöhung der Folgekosten häuslicher Gewalttaten rechnen, so eine AWO-Mitarbeiterin. Es würden zum Beispiel erheblich mehr Psychiatrieplätze für Frauen und spezielle Kriseneinrichtungen für Kinder benötigt, ganz abgesehen von einem Mehraufwand für Polizei und Behörden.

Ein greifbares Ziel

Die nach Lübeck geflüchtete Sarah sucht jetzt nach einer Wohnung. Ab April will sie ihren Hauptschulabschluss nachholen, danach möchte sie eine Ausbildung machen, das ist schon lange ihr Traum. "Jetzt ist es ein greifbares Ziel geworden", sagt Sarah und strahlt. Noch vor ein paar Monaten war das undenkbar: eine eigene Wohnung, Zeit mit ihren Kinder, einen Beruf zu erlernen.

"Das ist mein Leben", platzt es plötzlich aus ihr heraus. Sarah zieht die Schultern hoch, strafft ihren Rücken. Eine Bewegung, als hätte sie den ganzen Tag schwere Kisten geschleppt. Sie wiederholt mit festerer Stimme: "Mein Leben. Das kann ich gestalten, wie ich es will."


* Alle Angaben, aus denen sich Rückschlüsse auf Sarahs Identität ziehen lassen könnten, wurden zu ihrem Schutz verändert.



insgesamt 312 Beiträge
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Seite 1
steuerzahlerin 02.11.2010
1. ohne Titel
wie traurig. Ein weiteres Indiz dafür, wie unsozial das System ist. Es wird grundsätzlich an den Menschen gespart, die sich am wenigsten wehren können. Ein echtes Armutszeugnis für unser Land.
Parzival v. d. Dräuen 02.11.2010
2. Es wird hohe Zeit.
Zitat von sysopJährlich fliehen 40.000 Frauen und Kinder vor ihren gewalttätigen Freunden, Männern und Vätern. Schutz finden sie in Frauenhäusern. Doch nun sollen aus Kostengründen Notunterkünfte geschlossen werden - es geht um Hunderte Schicksale. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,724623,00.html
Um Schicksale ging es schon immer. Dass die Zustände in Frauenhäusern mehrheitlich indoktrinär bis offen männer- und kinderfeindlich sind, hat sich seit deren Gründungen kaum geändert. Zustände auch, die nicht von der Not der dort Untergekommenen sprechen, sondern deren Verwahrlosung aufzeigen. Da ist es eher sinnvoll, dass eingesparte Geld für mediatorische Familienhäuser einzusetzen, wie es der Soziologe Gerhard Amendt in der WELT (http://www.welt.de/politik/article3936899/Warum-das-Frauenhaus-abgeschafft-werden-muss.html) fordert. Es sollte nicht Aufgabe des Staates sein, dass ideologische Spielplätze von Extremistinnen durch Staatsknete finanziert werden. Dass diese laut aufschreien, ist wohl weniger der Menschenliebe geschuldet als der Angst die Pfründen zu verlieren.
beobachter1960 02.11.2010
3. Diskussion ist leider sinnlos
Da weder Milliardärsgattinnen Zuflucht brauchen und auch für die Deutscha Bank keine annehmbare Rendite rausschaut werden über kurz oder lang noch mehr Häuser geschlossen. Sollen die Reichen vielleicht auf noch mehr Geld verzichten bloß weil ein paar Frauen nicht geprügelt werden wollen? Das kann ja wohl keiner erwarten, also ehrlich, überall in der Welt wird geprügelt und da müssen wir uns anpassen!
lensenpensen 02.11.2010
4. Was soll man...
zu einem solchen Vorgang noch sagen? Es macht einen fassungslos, dass wieder einmal bei den besonders Hilfsbedürftigen gespart wird. Die Argumentation der SH-Sparmeister ist eine Verhöhnung der Opfer! "Fluchttourismus", man sollte lieber froh sein, dass die Frauen irgendwann die Kraft finden die gewalttätigen Lebenspartner zu verlassen. Sparen wir uns doch vielleicht zwei Einheiten des Eurofighter und stecken die eingesparten Millionen (min. 160 mio. €) in einen Unterstützungsfonds für Frauenhäuser. Ja ich weiß, solche Sozialeinrichtungen sind Ländersache, und die Verteidigung Bundesaufgabe -> vielleicht ein zweckgebundener Förderfonds? *Ändert natürlich nichts an der Unterfinanzierung von Ländern & Kommunen, denen der Bund immer mehr Aufgaben aufhalst, und so seinen eigenen Etat entlastet.* Aber dies ist ein Thema für sich.
baba84 02.11.2010
5. Bedenklich
Ich finde den Vorgang sehr bedenklich und die Argumentation äußerst kurzsichtig, wobei letzteres nicht unbedingt eine Überraschung ist. Weiterhin empfinde ich das Wort "Fluchttourismus" ekelerregend, es sollte nicht mehr verwendet werden.
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