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Slutwalks: Aufreizend gegen Belästigung

Foto: Jeff J Mitchell/ Getty Images

Frauenprotest Schlampen an die Front

Der Protest startete in Toronto, inzwischen ist es ein globales Phänomen: Weltweit gehen Frauen zum "Slutwalk" auf die Straße und demonstrieren für ihr Recht, sexy zu sein. Jetzt kommt die Bewegung nach London und Berlin.

Manchmal genügt ein einziger Satz, um eine gewaltige Welle auszulösen. Im Januar hielt der kanadische Polizeibeamte Michael Sanguinetti einen Vortrag über Sicherheit im Alltag vor einigen Studenten in Toronto. "Mir wurde empfohlen, dies besser nicht zu sagen", begann er, sagte es dann aber doch: "Frauen sollten vermeiden, sich als Schlampen zu kleiden, um nicht zu Opfern zu werden."

Der Satz verbreitete sich rasant, auf Blogs, Twitter und Facebook, und er traf einen Nerv. Eine Handvoll Frauen in Toronto rief zu einer Demo auf. Das Motto: Wir haben genug. Der Name: "Slutwalk". Der Satz von Sanguinetti sei typisch, erklärte Initiatorin Heather Jarvis. Viel zu oft werde die Verantwortung für sexuelle Übergriffe zuerst bei den Opfern gesucht.

Der erste "Marsch der Schlampen" zog am 3. April durch Toronto, statt der erwarteten 100 Teilnehmer kamen 3000. Manche hatten sich quer über den nackten Bauch das Wort "Schlampe" gepinselt. Auf Schildern stand: "Ob du es glaubst oder nicht: Mein kurzer Rock hat nichts mit dir zu tun."

Die Organisatorinnen zeigten sich überrascht über die große Resonanz. Doch es war erst der Anfang. In den folgenden Wochen breitete sich das "Slutwalk"-Phänomen immer weiter aus, erst in Kanada und den USA, dann in der ganzen Welt. Frauen in Montreal, Boston, Melbourne und São Paulo gingen auf die Straße und skandierten den Schlachtruf der Feministinnen aus den siebziger Jahren: "Yes means yes, and No means no".

Jetzt kommt die Bewegung auch nach Europa. Am vergangenen Wochenende fanden erste Demonstrationen in Amsterdam, Kopenhagen, Stockholm, Newcastle, Cardiff und Glasgow statt. Diesen Samstag ist London dran, es könnte der bisher größte Marsch von allen werden. 3000 bis 5000 Teilnehmer werden erwartet.

"Ich habe noch nie für Frauenrechte demonstriert", sagt die 17-jährige Schülerin Anastasia Richardson, eine der drei Londoner Organisatorinnen. "Aber es fühlt sich super an. Wir sind Teil einer globalen Bewegung."

Jedes Wochenende ein Slutwalk

Das Gefühl scheinen viele zu teilen. Bis mindestens September findet jedes Wochenende irgendwo auf der Welt ein Slutwalk statt, die Liste der "Satelliten" auf der Webseite von Slutwalk Toronto  ist lang. Auch in Berlin gibt es kommende Woche ein Treffen, um den ersten deutschen Slutwalk zu planen. Ein Datum steht aber noch nicht fest.

Was ist der Grund für diese plötzliche Wiederauferstehung der Frauenbewegung, um die es in den vergangenen Jahren ruhig geworden war? "Es ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", sagt Anne Wizorek. Die 30-jährige Autorin, die für das Blog Spreeblick  schreibt, hilft bei der Organisation des Berliner Marsches. "Äußerungen wie die von Sanguinetti müssen Frauen sich täglich anhören. Man wird so schnell Schlampe genannt. Bei einer Vergewaltigung heißt es dann: Selbst schuld, wenn ihr euch so kleidet." Wizorek glaubt daher: "Der Protest spricht vielen Frauen aus der Seele."

Unterstützend kommt hinzu, dass die Slutwalks eher an die Love Parade erinnern als an Proteste verbohrter Männerhasserinnen. Wer demonstriert schon nicht gern für sein Recht, sexy zu sein? Sie treffen daher das Lebensgefühl junger Frauen - ähnlich wie die Girlpower-Punkgruppen der neunziger Jahre, die bereits das Wort "Schlampe" für sich reklamierten.

"Slutwalks sind provokativ und mit Spaß verbunden", sagt Diana Drechsel. Die 29-Jährige schreibt gerade ihre Magisterarbeit in Gender Studies an der Humboldt-Uni und gehört zu der Gruppe, die den Berliner Marsch organisiert. "Die Art und Weise, wie sie organisiert sind, über Facebook, spricht eine andere Generation an", sagt sie. Auch das Label "Slutwalk" sei sehr griffig.

"Deine Hose war aber ganz schön eng"

Für die meisten Teilnehmerinnen dürfte es das erste Mal sein, dass sie für ein feministisches Anliegen auf die Straße gehen. Die letzten Märsche sind lange her. "Paragraph 218 wahrscheinlich", sagt Drechsel über das Gesetz zur Abtreibung, "da war ich noch zu jung."

Wizorek wünscht sich, dass sich aus den Slutwalks etwas Größeres entwickelt. "Es wäre schön, wenn eine neue Generation der Feministinnen dadurch sichtbarer wird. Es gibt viele Gruppen, aber die Außenwirkung fehlt uns bisher." Doch da es nicht darum geht, ein Gesetz zu ändern und damit ein konkretes Ziel fehlt, erscheint es eher wahrscheinlich, dass die Märsche schnell wieder aus der Mode kommen werden.

Zumindest ein Umdenken wollen sie erreichen, sagen die Organisatorinnen. Wie oft sei ihr in der Fußgängerzone schon an den Po gegrapscht worden, sagt Drechsel. "Wenn man sich dann beschwert, heißt es: Deine Hose war aber ganz schön eng."

Sie erinnert sich auch noch, wie sie und eine Freundin einmal nachts von einem Betrunkenen angegriffen wurden und daraufhin zur Polizei gingen. "Als wir auf die Polizeiwache kamen, fragte uns die Polizistin zuerst, was wir nachts auf der Straße zu suchen hätten", sagt sie. "Ich sage immer: Ich muss nachts nackt durch den Park laufen können, ohne dass mich jemand belästigt."

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