Frauenschicksale Jede vierte Deutsche Opfer von männlicher Gewalt

Zahlen, die schockieren: Jede vierte Frau in Deutschland erlebt in ihrer eigenen Familie Gewalt, schätzt Terre des Femmes. Mit einer Plakataktion zu häuslicher Gewalt, Genitalverstümmelung und Verbrechen im Namen der Ehre will die Frauenrechtsorganisation aufrütteln.


Berlin - Eine schwarzhaarige Frau blickt von dem Plakat - nur aus einem Auge. Das andere ist von einem Brandloch weggefressen. Darüber steht: "Jeden Tag sterben mindestens vier Frauen durch einen Ehrenmord. Die Entscheidung für ein selbstbestimmtes Leben bedeutet für viele Frauen einen qualvollen Tod, oft werden sie lebendig verbrannt."

Terre des Femmes-Plakat: Frauen werden eingesperrt, verbrannt, erstochen - im Namen der Ehre

Terre des Femmes-Plakat: Frauen werden eingesperrt, verbrannt, erstochen - im Namen der Ehre

Gewalt gegen Frauen findet täglich tausendfach statt - nicht nur in fernen Ländern, sondern auch in Deutschland, vor unserer Haustür. Die Zahlen, die die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes zur Vorstellung ihrer Kampagne "Gewalt gegen Frauen ist Alltag" vorstellt, schockieren:

Jede vierte Frau hat nach Schätzungen von Terre des Femmes in Deutschland körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erlebt. Rund 40.000 Frauen fliehen deshalb in jedem Jahr mit ihren Kindern in Frauenhäuser. Die Männergewalt gegen Frauen und Mädchen koste die Solidargemeinschaft jährlich 14,8 Milliarden Euro, sagte Christa Stolle, die Geschäftsführerin von Terre des Femmes, heute in Berlin. Mindestens 4000 Mädchen in Migrantenfamilien in Deutschland sind von Genitalverstümmelung bedroht. 19.000 Frauen hätten diese Tortur schon über sich ergehen lassen müssen.

Zehntausende in Deutschland, Millionen in Afrika: Auf dem Kontinent seien 150 Millionen Frauen Opfer von Genitalverstümmelung. Weltweit würden jährlich mehr als zwei Millionen Mädchen zwischen fünf und 15 Jahren als Zwangsprostituierte verkauft, sagte Stolle. "Im Namen der Ehre werden Frauen eingesperrt, mit Säure übergossen, verbrannt oder erstochen. Die Uno geht von jährlich mindestens 5000 solcher Fälle aus". Alle Länder der Welt müssten Genitalverstümmelung gesetzlich verbieten, forderte sie, die "Staatsoberhäupter die Diskriminierung von Frauen und Mädchen mehr zum Thema machen".

Insgesamt 73 Millionen Mädchen (im Vergleich zu 48 Millionen Jungen) würden keine Schule besuchen. "Dabei gehen Bildung und Selbstbewusstsein Hand in Hand. Selbstbewusste Frauen und Mädchen werden nicht so schnell Opfer von Männergewalt", sagt die Frauenrechtlerin.

Stolle erläutert die Dimensionen, um die es geht: Der weltweite Militäretat von drei Tagen würde ausreichen, um allen Kindern der Welt eine Grundbildung zu ermöglichen. Terre des Femmes beklagte auch die rechtlichen Regelungen in Deutschland, die vielen von Zwangsheirat bedrohten Mädchen zum Verhängnis würden: Wenn junge Frauen von ihren Eltern ins Ausland gebracht, dort zur Heirat gezwungen würden und es nicht innerhalb von sechs Monaten zurück nach Deutschland schafften, verlören sie ihren Aufenthaltsstatus. "Wie kann es sein, dass der deutsche Staat diese jungen Mädchen so im Stich lässt?", fragte die Terre des Femmes-Geschäftsführerin.

Die Plakat-Aktion wird von den Schauspielern Nina Hoss, Sibel Kekilli und "Tatort"-Kommissar Jochen Senf unterstützt. "Für mich ist die Genitalverstümmlung Folter und eines der schlimmsten Verbrechen, die im Namen der Ehre auf dieser Erde geschehen", sagt Nina Hoss. Jede Stunde würden über 300 Mädchen weltweit an ihren Genitalien verstümmelt - "ohne Narkose werden ihnen Schamlippen und Klitoris abgeschnitten". Bei den Dreharbeiten zu ihrem Film die "Weiße Massai" in Kenia sei sie selbst mit den Denkmustern konfrontiert gewesen, die solchen Gewalttaten zugrunde liegen, so die Schauspielerin.

Das Thema Gewalt werde tabuisiert, kritisierte Jochen Senf. Es gebe einen "gesellschaftlichen Konsens, das Thema häusliche Gewalt totzuschweigen". Jungs müsste beigebracht werden, dass es viel schöner sei, mit einer "selbstbewussten, gleichberechtigten Frau zusammenzuleben, als ein Beziehungskrüppel zu werden", der seine Frau verprügle.

Die Schauspielerin Sibel Kekilli sagte, in vielen Kulturkreisen müssten sich Mädchen unterwürfig und keusch verhalten. Je älter ein Mädchen ist, desto weniger Freiheiten hat es. Bei Jungen ist das andersherum", sagte Kekilli.

anr



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