Fremdenhass in Sachsen Was wurde eigentlich aus Freital?

Proteste vor einem Flüchtlingsheim machten Freital international berühmt - und berüchtigt. Inzwischen ist es ruhiger geworden, doch das Problem bleibt. Besuch in einer sächsischen Stadt, die mit sich ringt.

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Von , Freital


Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Wirklich auskunftsfreudig sind vor dem Hotel nur die eifrig zwitschernden Vögel. Ein Wachmann weist an diesem Frühlingstag wortkarg darauf hin, dass vor dem grauweißen Gebäuderiegel das Fotografieren nicht erwünscht sei. Eine Passantin mit Pelzkragen hebt den Zeigefinger und schüttelt schweigend den Kopf. "Mit euch redet hier keiner mehr", schnaubt ein weißhaariger Anwohner - und meint Journalisten.

Das Hotel Leonardo im sächsischen Freital beherbergt seit einem Jahr keine Touristen mehr, sondern Flüchtlinge. Derzeit sind es 330. Die stille Wut auf diesem Hügel südwestlich von Dresden gilt nicht nur ihnen. Sie gilt den Politikern, von denen sich die Menschen im Stich gelassen fühlen, der Presse, von der sie sich verleumdet fühlen und einem System, von dem sie sich benachteiligt fühlen. Es ist eine schwelende Wut, die im vergangenen Jahr immer wieder aufflammte.

Fremdenfeinde attackierten Flüchtlinge mit Böllern und Steinen, Andersdenkende wurden öffentlich niedergebrüllt, die Massenproteste vor dem Asylbewerberheim machten den Ort international berüchtigt. Inzwischen ist Freital wieder aus dem Fokus verschwunden. Die Probleme aber sind geblieben.

Diejenigen, die das ändern wollen, treffen sich an diesem Nachmittag zehn Gehminuten entfernt im Tal. Zwei Frauen und zwei Männer sitzen auf weinroten Ledersofas im Bürgerbüro der Freitaler Linken, das Quartett gehört zum Leitungsteam der "Organisation für Weltoffenheit und Toleranz": der Linken-Stadtrat Michael Richter, seine Kollegin Ines Kummer von den Grünen, die Aktivisten Steffi und Nico Brachtel. Sie wollen Flüchtlinge in Freital vor Hetze und Hass beschützen, organisieren Patenschaften, Kundgebungen, Sprachkurse.

Nico und Steffi Brachtel, Ines Kummer und Michael Richter (v.l.)
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Nico und Steffi Brachtel, Ines Kummer und Michael Richter (v.l.)

Die vier blödeln und quasseln pausenlos - obwohl ihnen das Lachen längst hätte vergehen können. Im Juli warfen Unbekannte einen in Deutschland verbotenen Böller in Richters leeres Auto. Totalschaden. Wenig später explodierte im Briefkasten seiner Mitstreiter Steffi und Nico Brachtel ein Sprengsatz. Die Grünen-Stadträtin Kummer berichtet von Morddrohungen und Beleidigungen, "meistens unter der Gürtellinie".

Im Stadtrat sind die Fronten seit Langem verhärtet. Während die Abgeordneten von SPD, Grünen und Linken regelmäßig die rechte Szene in Freital thematisieren, sieht die CDU-Fraktion von Oberbürgermeister Uwe Rumberg genau in solchen Äußerungen das Problem: "Sie haben dem Ruf von Freital damit nachhaltig geschadet", hieß es etwa im November in einer Stellungnahme.

Die Gegenseite keilt zurück. "Rumberg schweigt nicht nur, er guckt aktiv weg", behauptet Linken-Mann Richter. Ende Februar, sagt Aktivistin Brachtel, hätten sich in der 40.000-Einwohner-Stadt knapp 150 Freitaler gegen eine doppelt so große Kundgebung von Asylgegnern gestellt. "Wir sind hier auf verlorenem Posten", entfährt es Kummer: "Die meisten Freitaler schweigen, die sagen einfach nichts." Und das sei auch Rumbergs Strategie.

Oberbürgermeister Uwe Rumberg
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Oberbürgermeister Uwe Rumberg

Mit SPIEGEL ONLINE will der CDU-Politiker kein Gespräch führen, sein Asylbeauftragter Christian Brestrich ebenfalls nicht. Lediglich per Mail beantworten sie Fragen, das klingt dann mitunter so: "Der Asyl- und Integrationskoordinator vermittelt als Schnittstelle zwischen Stadtverwaltung und der Bürgerschaft, Unterstützungsnetzwerken sowie anderen Behörden im Landkreis, Freistaat und Bund zu den speziellen Problemlagen." Man könnte meinen, Rumberg wolle Probleme mit Rechtsextremen in seiner Stadt hinter Bandwurmsätzen verbergen.

Immerhin haben Hetzer, die Sprüche wie "Rumberg töten" auf Hauswände sprühen oder sich in Facebook-Gruppen namens "Freies Tal" oder "Widerstand Freital" organisieren, zuletzt Rückschläge erlitten. Seit November hat die Polizei mehrere Tatverdächtige gefasst, bei Durchsuchungen entdeckten Ermittler Waffen und Hakenkreuzfahnen, mehrere Mitglieder einer selbsternannten Bürgerwehr kamen in Untersuchungshaft - inzwischen steht die Gruppe sogar unter Terrorverdacht, der Generalbundesanwalt hat sich eingeschaltet.

Freital, das vor einem Jahrhundert als linkes Gemeinschaftsmodell entstand, hat ein Problem mit Rechten - und im Umgang mit ihnen.

Im November sicherte Rumberg in einer Stellungnahme zwar denjenigen Freitalern seine Unterstützung zu, "die sich mit allen Mitteln der Rechtsstaatlichkeit gegen Rassismus und Extremismus einsetzen". Er wolle es aber zugleich nicht zulassen, "dass ein paar wenige Gewaltbereite den Ruf unserer Stadt ruinieren und ein Klima der Unsicherheit erzeugen".

Wie Rumberg das womöglich meinte, wurde im Februar deutlich: Als das vom Rapper Smudo unterstützte Bündnis "Laut gegen Nazis" ein Konzert in Freital ankündigte und die Stadt um Unterstützung bat, lehnte der Oberbürgermeister dies ab. "Unserer Ansicht nach würde die von Ihnen angedachte Veranstaltung nicht nur zu einer Aufheizung der öffentlichen Debatte führen", heißt es in einer Mail im Auftrag Rumbergs, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, "sondern das leider überregional bei manchen eingebürgerte Klischee, gerade in Freital gäbe es eine nennenswerte (Neo)Nazi-Szene, bestätigen."

Um das Konzert kümmern sich nun Ines Kummer und ihre Mitstreiter, die Grünen-Politikerin kann Rumbergs Absage nicht fassen: Die Stadt verpasse die Chance, mit dem Konzert positive Schlagzeilen zu machen - schließlich könne Freital auch wirtschaftlich von den anreisenden Konzertbesuchern profitieren.

Dass das dringend nötig wäre, weiß auch Frank Meschke, der zwei Straßen weiter am Tresen seines Gasthauses steht. Der weißhaarige Betreiber des Hotels "Stadt Freital" starrt in den leeren Speiseraum, nur eines von 15 Zimmern ist an diesem Tag belegt. "Die Resonanz ist gesunken seit dem vergangenen Jahr", sagt Meschke, "so 20 Prozent weniger könnten es wohl sein." Das habe nicht nur mit dem Streit über die Flüchtlinge zu tun, ruft aus der Küche seine Frau Ute, aber von der Hand weisen lasse sich der Zusammenhang natürlich nicht.

Tatsächlich ist der Tourismus in der Region seit den Anti-Asyl-Demos nach jahrelangem Wachstum dramatisch eingebrochen: Die Übernachtungszahlen im Sächsischen Elbland sind dem Landesstatistikamt zufolge um fast fünf Prozent gesunken, bei ausländischen Touristen sogar um 8,2 Prozent.

Nach Einschätzung von Kerstin Rosenbaum vom Tourismusverband Sächsisches Elbland hat die Debatte über die Asylpolitik Auswirkungen. Der starke Rückgang in Freital hänge aber auch damit zusammen, dass der Ort durch die Umwandlung des Hotels Leonardo zum Flüchtlingsheim Anfang 2015 rund 60 Prozent seiner Bettenkapazität verloren habe.

Die Auslastungsquote in Freital lag laut Statistischem Landesamt im vergangenen Jahr durchschnittlich bei lediglich 22,5 Prozent.

Wie aber ließe sich das Image Freitals wieder aufpäppeln?

Zum Beispiel mit Leuten wie Stefan Vogl. Der Geschichtslehrer steht in der Dreifachturnhalle des Weißeritz-Gymnasiums und wippt auf den Zehenspitzen. Im Hintergrund werfen sich junge Eritreer, Kosovaren und Syrer Bälle zu, Vogl lächelt beglückt. "Hier kommen alle gut miteinander aus", sagt er, seinen Feierabendeinsatz nennt er "ein Gebot der Menschlichkeit".

Flüchtlingshelfer Stefan Vogl
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Flüchtlingshelfer Stefan Vogl

Einmal pro Woche kämen 30 bis 40 junge Flüchtlinge zum Sportabend im Stadtteil Deuben, sagt Vogl. Die Organisatoren sind freiwillige Helfer des "Willkommensbündnisses Freital", das sich seit Februar 2015 für Asylbewerber einsetzt: mittwochs Sport, samstags Singen und Tanzen, außerdem Wanderungen, Deutschkurse, Patenschaften. Solche Angebote werden auch in Zukunft dringend nötig sein: Derzeit leben 619 Flüchtlinge in der Stadt, bis Dezember sollen es 1049 sein.

Über Politik reden wollen die Organisatoren trotz allem nicht. Lehrer Vogl etwa legt Wert darauf, ein Sportangebot für jedermann anzubieten, "wir machen hier keine politische Demonstration". Die Debatte in Freital, sagt er lakonisch, werde sehr hitzig geführt: "Wir haben hier unterschiedliche politische Auffassungen."

Diese Form der Schweigediplomatie wird die Probleme in Freital sicher nicht lösen: Politik und Anwohner müssen Wege finden, Sorgen zur Sprache zu bringen und sich mit Tatsachen zu arrangieren. Sonst bleibt es, dieses bedrückende Klima aus Misstrauen und wortkarger Wut. Und Freital bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung die Stadt der Fremdenfeinde.

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