Fukushima-Katastrophe Die verstrahlte Heimat

Minamisoma, Präfektur Fukushima, rund 25 Kilometer vom havarierten Kernkraftwerk entfernt. Die Stadt wurde durch den Tsunami zerstört, nach der Explosion des AKW flohen Tausende. Noch immer herrscht der Ausnahmezustand, doch die Bewohner bemühen sich um Alltag.

Aus Minamisoma berichtet


Erst kam das Beben und zerstörte die Häuser. Dann kam der Tsunami und spülte ganze Stadtteile davon. Schließlich explodierten drei Reaktorgebäude im nahe gelegenen AKW, und eine radioaktive Wolke wehte über den ganzen Norden der Präfektur Fukushima, in dem auch Minamisoma liegt. Rund ein Viertel des Stadtgebiets ist nach Angaben der Stadt aufgrund von Tsunami-Schäden und der Sperrzone um das AKW unbewohnbar. Der Rest der Stadt liegt im äußeren Evakuierungsring, der alles in 20 bis 30 Kilometern Entfernung von Fukushima Daiichi einschließt.

Den äußeren Evakuierungsring hat die japanische Regierung zwar nicht geräumt - trotzdem riet sie den Bewohnern, den Bereich zu verlassen. Vier Monate nach der Katastrophe fristet Minamisoma ein Dasein im Ungewissen. Keiner weiß, ob die Stadt irgendwann wieder vollends bewohnt oder bald vollends verlassen sein wird.

Eine Geisterstadt ist Minamisoma aber nicht. "Nicht mehr", wie Masatoshi Uno betont. Er ist Hotelier und läuft stets mit gut gebügeltem Hemd und Brille auf der Nase über die Flure. Er gehört zu den wenigen Bewohnern der Stadt, die kurz nach der Explosion des ersten Reaktorblocks nicht geflohen sind. Weil ihn die Arbeit dazu zwang. "Techniker, die das vom Tsunami beschädigte Heizkraftwerk hier im Ort reparieren sollten, flehten mich an, zu bleiben. Ich sei doch der Einzige, der noch offen habe, alle anderen Herbergen seien verlassen", sagt Uno.

Die meisten Menschen vermeiden, sich lange im Freien aufzuhalten

So seien er und seine Frau geblieben. Trotz der Angst vor der radioaktiven Strahlung. Trotz der bereits gepackten Koffer. Er habe den Technikern vertraut, die immer einen Geigerzähler mit sich trugen und versprachen, sie zu warnen, sollte es gefährlich werden. "Trotzdem war es seltsam, denn die ganze Stadt war in diesen Tagen verlassen. Es fuhren nur noch die Militärfahrzeuge durch den Ort", sagt Uno. Während er das sagt, blickt er auf die Straße vor seinem Haus.

Dort fahren wieder Autos. Viele Menschen sind zurückgekehrt, ein Linienbus verbindet den Ort mit dem Rest der Welt. Doch nur zwei Minuten vom Zentrum entfernt stehen Autowracks und zerstörte Häuser. Große Flächen sind mit angespültem schwarzem Schlamm bedeckt, Schutt türmt sich zu kleineren Halden. Nach und nach wächst Gras über die Wunden der Katastrophe.

Immer noch sind 32.000 der vormals 71.000 Einwohner nicht zurückgekehrt. Alles, was die Leute essen, ist importiert und abgepackt. Die Angst vor den späten Folgen des Reaktorunfalls sorgt für eine bleierne Stille über der Stadt. Die örtliche Schule ist auf unbestimmte Zeit geschlossen, und es gibt keine Jugendlichen, die draußen dem japanischen Lieblingssport, Baseball, nachgehen. Viele Bewohner laufen zwar ohne Masken und in T-Shirts und Shorts durch die Straßen, doch sie vermeiden, sich lange im Freien aufzuhalten.

Norio Mitsuma ist die große Ausnahme. Nur wenige hundert Meter von den zerstörten Häusern entfernt mäht der schmächtige Mann den Rasen vor seinem Haus. Er hat eine abgenutzte Jeans und ein Hemd an, ein Handtuch ist um seinen Hals gewickelt, es soll den Schweiß auffangen. Fragt man Mitsuma, wieso er noch hier ist, sagt er: wegen der Arbeit. Er sei bei der Stadt angestellt und könne nicht gehen.

Und wenn die Arbeit nicht wäre? Für einen Moment wirkt Mitsuma verunsichert und scheint zu überlegen, was er sagen darf. "Dann wäre ich schon längst weg."

"Landwirtschaft, das können Sie vergessen"

Wie groß die Gefahr noch ist, wissen die Menschen nicht, der Informationsfluss ist katastrophal. "Wir bekommen fast keine Informationen zu Messwerten von der Regierung", sagt Manabu Gorai, der im Krisenstab der Stadt arbeitet.

Nach der Explosion in Block 1 musste die Stadt sich alleine um die Evakuierung kümmern. "Wir haben nur die Explosion gemeldet bekommen. Die Busse organisieren, die Leute in Sicherheit bringen, da hat weder die Regierung noch das Militär geholfen", sagt der engagiert wirkende 49-Jährige, der in Minamisoma geboren und groß geworden ist.

Inzwischen hat die Stadt begonnen, auf eigene Initiative die Radioaktivität zu messen. Die radioaktive Wolke ist über den geräumten Nachbarort Iitate gezogen. Aber auch in Minamisoma gibt es zahlreiche Stellen, an denen die Werte über drei Mikrosievert liegen. Das Kalbfleisch aus dem Ort ist stark belastet. Ein Stadtangestellter, der ungenannt bleiben möchte, sagt dazu: "Landwirtschaft, das können Sie hier für die nächsten Jahrzehnte vergessen."

Der Rest der Wirtschaft darbt ebenfalls. Nur die Hälfte aller Geschäfte und Firmen hat den Betrieb wieder aufgenommen, oft nur für Kurzarbeit. Bis das Heizkraftwerk wieder in Betrieb gehen kann, wird es voraussichtlich Jahre dauern. Erst seit kurzem darf ein Reifengummihersteller wieder produzieren. Er ist einer der wichtigsten Arbeitgeber der Stadt, nur liegt der Betrieb eigentlich in der Sperrzone.

Noch immer gibt es eine Evakuierungsempfehlung

Nach langen Verhandlungen und vielen Messungen verlegten die staatlichen Behörden die Grenze um einige Meter. "Nur wenn die Wirtschaft wieder auf die Beine kommt und die Schule öffnen darf, hat diese Stadt eine Chance", sagt Manabu Gorai vom Krisenstab. Er und die anderen Angestellten versichern, sie würden alles geben, damit die Bewohner zurückkehren können.

Zerstörte Häuser kann man abreißen und neu aufbauen. Risse in der Straße kann man teeren. Gegen radioaktive Verseuchung hingegen lässt sich nur sehr wenig tun. Ob sich die Wirtschaft von Minamisoma wirklich wieder erholen kann, ist fraglich.

In der Nähe der Küste türmen sich meterhohe Müllberge aus Holzpfeilern, Fernsehern und anderen Dingen, von denen man nur erahnen kann, was sie vor dem Beben waren. Der Müll muss danach sortiert werden, wie stark er strahlt. Gering radioaktiver Abfall soll in Gräben versenkt und mit Erde zugedeckt werden, doch für den hochradioaktiven Müll weiß man noch keine Lösung. Man hofft auf staatliche Hilfe.

Ein ähnliches Problem haben auch Gorai und seine Kollegen. Eigentlich wollen sie den kontaminierten Boden des Schulhofs abtragen und neuen Sand aufschütten, damit bald wieder die Schule beginnen kann. Doch das Vorhaben ist nicht so einfach wie gedacht: "Wir wissen immer noch nicht, wohin mit der kontaminierten Erde."

Trotz all der Probleme hofft der 69-jährige Hotelier Uno, dass die Regierung bald die Evakuierungsempfehlung für Minamisoma aufhebt: "Ich will nicht, dass meine Enkelkinder später Krebs bekommen, weil sie hier wohnen. Aber ich lebe hier, seit ich vier bin, das ist meine Heimat, und auch meine Enkel sollen hier groß werden. Ich kann diesen Ort nicht verlassen."

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Seite 1
No_Name 15.07.2011
1. -
Zitat von sysopMinamisoma, Präfektur Fukushima, rund 25 Kilometer vom havarierten Kernkraftwerk entfernt. Die Stadt wurde durch den Tsunami zerstört, nach der Explosion des AKW flohen Tausende. Noch immer herrscht der Ausnahmezustand, doch die Bewohner bemühen sich um Alltag. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,774474,00.html
Es gibt eine Evakuierungsempfehlung, keine Pflicht. Toll. Die Leute wissen um das Risiko aber man scheut Entscheidungen. Jedem Bürger bleibt es selbst überlassen zu fliehen - und die finanzielle Folgen zu tragen. So spart man Geld auf dem Rücken der Opfer: Wer geht geht "freiwillig" - also muss man ihn nicht oder nur mäßig entschädigen. Wer bleibt und erkrankt ist selber schuld - also auc kein oder lächerlich kleine Entschädigung. Es gibt zwei Möglichkeiten: Die Strahlung ist unbedenklich - dann muss man keine Panik schüren. Oder die Strahlung ist bedenklich - dann muss man evakuieren. Der gewählte Mittelwert ist menschenverachtend und dient rein der Begrenzung des finanziellen Aufwands.
Suppenkoch, 15.07.2011
2. Die geliebte Obrigkeit
Trotz all der Probleme hofft der 69-jährige Hotelier Uno, dass die Regierung bald die Evakuierungsempfehlung für Minamisoma aufhebt: "Ich will nicht, dass meine Enkelkinder später Krebs bekommen, weil sie hier wohnen. Aber ich lebe hier, seit ich vier bin, das ist meine Heimat, und auch meine Enkel sollen hier groß werden. Ich kann diesen Ort nicht verlassen." Ach, und er meint, wenn die Regierung die Evakuierungsempfehlung aufhebt, dann ist damit auch das Krebsrisiko automatisch beseitigt? Manchmal muss man eben seine eigene Entscheidungen treffen. Aber das ist natürlich ein Problem, wenn man zur Obrigkeitshörigkeit erzogen wurde.
Ein Belgier, 15.07.2011
3. Ohne Titel
Zitat von sysopMinamisoma, Präfektur Fukushima, rund 25 Kilometer vom havarierten Kernkraftwerk entfernt. Die Stadt wurde durch den Tsunami zerstört, nach der Explosion des AKW flohen Tausende. Noch immer herrscht der Ausnahmezustand, doch die Bewohner bemühen sich um Alltag. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,774474,00.html
Aber auch in Minamisoma gibt es zahlreiche Stellen, an denen die Werte über drei Mikrosievert liegen. ? Die Dosis wâhrend eines Fluges beträgt 5 µS/h.....
leser008 15.07.2011
4. Wirrer alter Mann
Zitat von SuppenkochTrotz all der Probleme hofft der 69-jährige Hotelier Uno, dass die Regierung bald die Evakuierungsempfehlung für Minamisoma aufhebt: "Ich will nicht, dass meine Enkelkinder später Krebs bekommen, weil sie hier wohnen. Aber ich lebe hier, seit ich vier bin, das ist meine Heimat, und auch meine Enkel sollen hier groß werden. Ich kann diesen Ort nicht verlassen." Ach, und er meint, wenn die Regierung die Evakuierungsempfehlung aufhebt, dann ist damit auch das Krebsrisiko automatisch beseitigt? Manchmal muss man eben seine eigene Entscheidungen treffen. Aber das ist natürlich ein Problem, wenn man zur Obrigkeitshörigkeit erzogen wurde.
[QUOTE=Suppenkoch;8283385] "Ich will nicht, dass meine Enkelkinder später Krebs bekommen, weil sie hier wohnen. Aber ich lebe hier, seit ich vier bin, das ist meine Heimat, und auch meine Enkel sollen hier groß werden. Ich kann diesen Ort nicht verlassen." Der Verbleib von Kindern und Schwangeren in Gebieten mit erhöhter Strahlenbelastung ist unstrittig hochriskant. Die müssen deshalb -notfalls zwangsweise- evakuiert werden. Der alte Mann versteht das nicht und er wird die Strahlung wohl auch schadlos vertragen. Zumindest hat er sein Leben bereits hinter sich.
kanadasirup 15.07.2011
5. Bitte schafft den Titel ab; der Thread-Titel reicht.
Zitat von Ein BelgierAber auch in Minamisoma gibt es zahlreiche Stellen, an denen die Werte über drei Mikrosievert liegen. ? Die Dosis wâhrend eines Fluges beträgt 5 µS/h.....
Ein Flug dauert auch nur wenige Stunden. Wenn sie das ganze Jahr da verbringen wird's unangenehm. Außerdem inhalieren oder essen sie während eines Fluges keine strahlenden Partikel.
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