G20-Proteste Obdachlose zwischen den Fronten

Schutzlos im Straßenkrawall: Wer kümmert sich bei den G20-Protesten um Hamburgs Wohnungslose? Behörden und Polizei sehen sich nicht in der Verantwortung.
Obdachlose/G20

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Foto: SPIEGEL ONLINE

Plötzlich sind die Obdachlosen mittendrin in den Hamburger G20-Krawallen. Freitag, 7:14 Uhr, an der Helgoländer Allee, nahe den Landungsbrücken. Die Morgendemo währt noch keine fünf Minuten, da versperrt in der Unterführung der Kersten-Miles-Brücke eine Kette gepanzerter Polizisten etwa 400 bis dato friedlichen Demonstranten den Weg. Einige Protestierende zünden unter der Brücke Bengalos und Rauchbomben an, einige Uniformierte schlagen mit Schlagstöcken auf Demonstranten ein. Böller explodieren, Reizgas breitet sich aus unter der Brücke. In Panik rennen Demonstranten zurück, hinaus aus der Unterführung, Polizisten hinterher, im Tumult fallen Menschen beider Seiten übereinander.

Und inmitten des Chaos liegen acht Obdachlose völlig verdutzt in ihren Schlafsäcken. Sie sind soeben zwischen die Fronten geraten. In ihrem Nachtquartier, unter dieser Brücke.

"Da war was los", sagt Thorsten zehn Minuten danach, als die Demonstranten und Polizisten längst weitergehastet sind. Ihm, 51, Rauschebart, blaue Latzhose, und den sieben anderen Männern ist zum Glück nichts geschehen. Sie haben hier in der Unterführung ihr Lager aufgeschlagen. Das ist an sich nichts Außergewöhnliches: Die Kersten-Miles-Brücke ist seit Jahren eine beliebte Schlafstelle der Clochards. Aber während des G20-Gipfels ist sie ein heikler Ort: nahe an den Landungsbrücken und dem Fischmarkt, wo schon am Donnerstagabend eine Demonstration in Gewalt eskalierte. "Als die hier in der Nacht durchgezogen sind, haben wir Barrikaden aus Stühlen aufgestellt", sagt Thorsten. "Uns hat keiner was getan." Und diesmal haben er und seine Leute noch einmal Glück gehabt.

Stephan Karrenbauer ist entsetzt. "Die Menschen auf der Straße sind völlig schutzlos", sagt der Sozialarbeiter des Obdachlosenmagazins Hinz & Kunzt. "Wir haben die Behörden wieder und wieder gewarnt, dass Obdachlose beim G20 in solche Konflikte hineingeraten können - und sind belächelt worden. Jetzt passiert genau das." Karrenbauer kann seine Wut kaum bändigen. Der Mittfünfziger ist so etwas wie die Stimme der Hamburger Wohnungslosen; seit vielen Jahren setzt er sich öffentlich für Belange dieser Menschen ein. Und schon im März hat er gefordert, dass die Stadt seinen Schützlingen für G20 Ausweichquartiere bereitstellt. Zwischen 1000 und 2000 Menschen nächtigen zurzeit in Hamburg auf der Straße, schätzt Karrenbauer, und viele wüssten nicht, wohin. "Es war von vornherein klar, dass es Probleme gibt. Wenn die Läden verbarrikadiert werden, sind viele Schlafnischen unbewohnbar."

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Proteste gegen G20-Gipfel: Hamburg, 7. Juli

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Für die Obdachlosen, die aus Sicherheitsgründen wegmussten, hat die Sozialbehörde ein Dach über dem Kopf organisiert. Wer seine Platte unter der Kennedybrücke hat, die in der Demonstrationsverbotszone und nahe dem US-Konsulat liegt, bekommt Zimmer in einer Wohnunterkunft im Stadtteil Bergedorf, wird dahin gebracht und nach dem Gipfelende wieder zurück. Alle übrigen Obdachlosen allerdings müssen sich an das Pik As wenden: Hamburgs älteste Übernachtungsstätte, die sowieso immer geöffnet ist. Und bei vielen Clochards äußerst unbeliebt ist.

"Ins Pik As will keiner", sagt Torsten. "Da musste die Schuhe annageln, sonst werden sie dir geklaut. Es gebe keine Schränke zum Abschließen, dafür aber manchmal Läuse. Und: "Ich will nicht im Zehn-Bett-Zimmern schlafen, da kriege ich Platzangst." Seit er vor 15 Jahren obdachlos wurde, nächtigt er fast immer draußen, sein Stammplatz ist normalerweise in Entenwerder am Rande der Stadt. "Von dort haben sie mich vertrieben", sagt Torsten. Erst kamen G20-Protestcamper, dann räumte die Polizei deren Zelte ab. Torsten war da schon umgezogen, unter die Kersten-Miles-Brücke, den Platz kannte er.

Obdachlose/ G20

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"Diese Menschen brauchen Ruhe. Aber viele wissen nicht, wohin sie sollen", sagt Sozialarbeiter Karrenbauer. "Wenn die Stadt frühzeitig ein Ausweichquartier geschaffen hätte, dann hätte sich das in der Szene herumgesprochen. Es wäre ein Zeichen der Stadt Hamburg gewesen: Die Ärmsten der Armen werden nicht vergessen."

Der Sprecher der Sozialbehörde weist die Kritik zurück. Man habe 2000 Flugblätter an Obdachlose in der Stadt verteilen lassen und sie über Ausweichangebote informiert. Man könne niemanden zwingen, darauf einzugehen." Jeder, der zum Pik As geht, bekommt einen Platz", sagt Marcel Schweitzer. 330 Schlafstätten stünden zur Verfügung. "Und wenn es voll ist, werden die Leute in Wohnunterkünfte gebracht." In dem Flyer ist dies allerdings anders formuliert. Hier heißt es: Das "reguläre Notunterkünfteangebot" Pik As sei zu nutzen: "Notschlafplätze nur für Männer, auch Plätze mit Hund, für Frauen vermittelt das Pik As in dieser Zeit Notschlafplätze."

Hat die Stadt die Gefahren für die Obdachlosen unterschätzt? "Die Polizei und alle möglichen Leute haben gesagt: Die Auswirkungen werden nicht so groß sein", sagt Behördensprecher Schweitzer. "Handlungsbedarf sehen wir jetzt bei der Polizei. Die müssen auf die Obdachlosen zugehen." Ein Sprecher der Hamburger Polizei sagte: "Für die Obdachlosenthematik ist nicht die Polizei zuständig, sondern die Bezirksämter. Wenn im Rahmen von Versammlungen Obdachlose in solche Situationen geraten, versucht die Polizei sie zu schützen."

Die Polizisten haben Torsten und die anderen Obdachlosen laut deren Aussage nicht vorab gewarnt, als sie die Demonstranten unter der Kersten-Miles-Brücke stoppten. Dennoch wollen die acht Männer auch kommende Nacht unter der Brücke schlafen. Denn hier in der Gegend gibt es jede Menge Pfandflaschen zum Sammeln. Vor den Obdachlosen liegt schon ein ordentlicher Haufen. Und Torsten zeigt sich furchtlos: "Hier bin ich, hier bleib ich, hier stink ich."

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