Lebenslanger Protest gegen Kapitalismus Der Dauerkämpfer

Alain Charlemoine reist von Demo zu Demo, seit fast 50 Jahren macht er das. Auch in Hamburg kämpft er an vorderster Front. Was treibt ihn in den lebenslangen Widerstand?

Demonstrant Alain
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Als die Polizei am Donnerstagabend den Demonstrationszug "Welcome to Hell" stoppt, steht Alain Charlemoine, 63, ganz vorn beim schwarzen Block. Er trägt ein blaues T-Shirt und ist nicht vermummt, aber er will auch nicht zurückweichen. Er will gegen den Kapitalismus demonstrieren. "Die Polizei hat uns blindlings angegriffen", schildert er später die Situation aus seiner Sicht.

Für Charlemoine war "Welcome to Hell" nur eine weitere von unzählbaren Erfahrungen, durch die er sein Weltbild bestätigt sieht. Dass nicht nur die Polizisten rabiat vorgingen, sondern auch manche Demonstranten, blendet er aus. "Es ist immer nur von gewalttätigen Protesten die Rede, dabei ist der wahre Gewalttäter doch der Staat, der uns unterdrückt", sagt Charlemoine.

Seit fast 50 Jahren zieht er von Demo zu Demo. Er kämpfte 1968 mit den Arbeitern in seiner Heimatstadt Paris und war 2001 bei den Ausschreitungen in Genua dabei, wo ein Polizist einen Demonstranten erschoss. Charlemoine führt einen lebenslangen Kampf - gegen die Polizei und die kapitalistische Gesellschaft, die er von Grund auf ablehnt und von der er sich ebenso abgelehnt fühlt. Vielleicht weil er nie wirklich zu ihr dazugehören konnte.

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G20-Gipfel: Polizei stoppt Demonstration

Am Donnerstagmittag sitzt Charlemoine auf einer Bank in einem kleinen Park und erzählt, wie er zu dem wurde, der er ist. Er spricht Deutsch mit starkem französischen Akzent und wirkt erstaunlich jung für sein Alter, was nicht nur am Kapuzenpullover und der Mecki-Frisur liegt. Charlemoine hat etwas Jugendliches an sich. Als sei ein Teil von ihm nie richtig erwachsen geworden.

Das Getto

Aufgewachsen sei er im Banlieu, erzählt er, in einem jener berüchtigten, von Armut und Kriminalität gezeichneten Randbezirke von Paris. Sein Vater war Werksarbeiter bei Renault. Seine Mutter, eine Putzfrau, gehörte zu den Gitanos, einer Untergruppe der Roma.

Er habe früh gelernt, dass er nicht dazugehöre, sagt Charlemoine. "Wenn ich nach Paris fuhr, kontrollierten die Polizisten fast immer meinen Ausweis. Sie durchsuchten mich, stellten misstrauische Fragen, sie behandelten mich, als sei ich ein Verbrecher."

Als Charlemoine sechs war, starb sein Vater an Krebs. Die Mutter konnte für ihn und seine vier Geschwister nicht sorgen, also schlugen sie sich allein durch. Oft half Alain den Lkw-Fahrern auf dem nahe gelegenen Markt beim Abladen. Als Lohn bekam er mal eine Gemüsekiste, mal etwas Geld.

Seine Kleidung war abgewetzt und kaputt. "Schäm dich nicht", sagte seine Mutter. "Es kommt nicht darauf an, was du anhast, sondern was für ein Mensch du bist." Er merkte sich diesen Satz gut.

Die Kommune

1968 wurde er zum ersten Mal politisch aktiv. In der Stadt streikten die Arbeiter, Alain demonstrierte mit, gegen die Ausbeutung des Proletariats, für eine gerechtere Welt. Seine Ohnmacht verwandelte sich in Wut, in Hoffnung, etwas verändern zu können.

Bald darauf lernte Charlemoine ein paar Anarchisten kennen und gründete mit ihnen eine Kommune, da war er 14.

In der Kommune diskutierten sie über Konzerne, die ihrer Ansicht nach alles bestimmen, unser Denken, unsere Art zu leben. Es gab plötzlich Erklärungen dafür, warum manche reich sind und andere arm. Charlemoine beschloss zu kämpfen. Für eine Gesellschaft, in der jeder genug zu essen hat, in der es keine Waffen mehr gibt und in der die Menschen dankbar und genügsam sind.

Er wollte richtig loslegen, doch seine Mitbewohner zogen nicht mit. "Sie dröhnten sich immer öfter mit Gras und LSD zu, statt auf Demos zu gehen", erzählt Charlemoine. Er vermutet dahinter eine Verschwörung. "Die Regierung hat die Drogen ins Viertel gebracht, um uns träge zu machen", glaubt er. "Weil unsere Art zu leben dem Staat Angst macht. Weil wir zeigen, dass eine bessere Welt möglich ist."

Flucht aus Frankreich

Sätze wie diese wirken befremdlich, dabei spiegeln sie typisches menschliches Schutzverhalten. Wer sich schwertut, seine eigenen Verfehlungen zu sehen, kreiert sich Feindbilder und weist diesen alle Schuld zu. Und wer sich unterlegen fühlt, flüchtet sich bisweilen in moralische Überlegenheit, um sich besser zu fühlen. Das Problem ist nur, dass man mit solchem Verhalten genau das provoziert, was man eigentlich überwinden will: Die Erfahrung, abgelehnt zu werden, wiederholt sich endlos.

Ein paar Jahre nach dem Scheitern der Kommune wurde Charlemoine zur Musterung vorgeladen. "Warum soll ich ein Land verteidigen, das nie etwas für mich getan hat?", fragte Alain den Offizier. Wenig später floh er aus Frankreich, eine Weile irrte er durch Europa, dann landete er in Düsseldorf, ohne gültigen Pass. Sein innerer Konflikt verschärfte sich.

Zuvor hatte er nicht dazugehört, jetzt durfte er eigentlich gar nicht da sein. Die Konsequenz: noch mehr Widerstand. "Einmal wollten mich zwei Polizisten verhaften", erzählt Charlemoine. "Den einen schubste ich um, dann strampelte ich mich frei und floh."

Es sah nicht gut aus für ihn, doch dann, mit einem Mal, besserte sich sein Leben. Er verliebte sich in eine Deutsche. Als sie schwanger war, beantragte Alain einen Pass und bekam ihn schließlich auch. Danach machte er sich daran, Menschen zu helfen, die sich in der Gesellschaft genauso unwillkommen fühlen wie er.

Ewiger Kampf

Charlemoine in Hamburg
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Charlemoine in Hamburg

Heute setzt er sich dafür ein, dass Geflüchtete eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Und er arbeitet als Betreuer für schwer erziehbare Jugendliche in Mannheim. Dort versucht er, seine Schützlinge zu überzeugen, dass sie keine teure Markenkleidung kaufen müssen.

"Glaubst du, ein Mädchen liebt dich wegen deiner Nike-Schuhe?", sagt er seinen Jungs oft. "Wohl kaum. Es kommt nicht darauf an, was du anhast, sondern was für ein Mensch du bist." Die Jugendlichen lachen ihn dann oft aus.

Von seinen Anarchistenfreunden führen die meisten inzwischen ein gutbürgerliches Leben. Für Charlemoine kommt das nicht infrage. Er will weiterkämpfen, lebenslang. Und er hofft, dass sein Sohn Pablo seinen Kampf weiterführt.

Am späten Donnerstagnachmittag, kurz bevor die "Welcome to Hell"-Demo starten soll, steht Pablo am Hamburger Hafen auf einer Bühne und gibt ein Konzert. "Ich habe gehört, dass hier viele Leute sind, die keine Angst vor den Wasserwerfern haben", ruft er seinem Publikum zu. Die Menge johlt. Der Beat setzt ein. Und Alain Charlemoine blickt stolz auf zu seinem Sohn.



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
Olaf 07.07.2017
1.
Das ist ja das schöne am Kapitalismus: Man kann ihn sein ganzes Leben lange bekämpfen und gut und frei dabei leben. Das geht beim Sozialismus nicht.
mojo2xs 07.07.2017
2. @2
was hat das mit Kapitalismus zu tun - eher mit Demokratie oder nicht?
albertusseba 07.07.2017
3. An also, geht doch.
Ein aufregendes, abgesichertes Leben mit vielen großen und kleinen Abenteuern mitten in Deutschland. Wie schön für Alain. Wahrscheinlich lässt er sich irgendwann von seinem Betreuer noch im Rollstuhl ganz vorne im Schwarzen Block gegen die Polizeikette schieben und beklagt sich dann über die Polizeigewalt.
Olaf 07.07.2017
4.
Zitat von mojo2xswas hat das mit Kapitalismus zu tun - eher mit Demokratie oder nicht?
Demokratie gibt es im Sozialismus nicht.
peter_griffin 07.07.2017
5. @5
Im Kapitalismus auch nicht.....
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