Anti-Gipfel-Demo in den Bergen Schweiß gegen G7

Auf Schloss Elmau tagen die G7, gegenüber auf dem Wamberg wollen Demonstrierende ein Zeichen setzen. Es wird ein anstrengender Marsch. Hören und sehen kann ihren Protest keiner.
Aus Garmisch berichtet Levin Kubeth
Protest gegen den G7-Gipfel – vor Alpengipfeln und weit weg von G7: »Die Wanderung ist symbolisch. Hier hört niemand unsere Forderungen«

Protest gegen den G7-Gipfel – vor Alpengipfeln und weit weg von G7: »Die Wanderung ist symbolisch. Hier hört niemand unsere Forderungen«

Foto: Wolfgang Rattay / REUTERS

Die Sonne knallt auf die Wandergruppe herunter. Es ist 11 Uhr und der Schweiß fließt. Carla, Lynne und Hendrik überlegen sich, wie sie das italienische Partisanenlied »Bella ciao« auf den G7-Gipfel ummünzen können. Vor ihnen dreht sich eine Person um und singt »G7 ciao, ciao, ciao«, aber so richtig zufrieden ist die Gruppe damit nicht. Sie probieren »Waffen ciao« kurz aus, dann sagt Hendrik: »Elmau ciao – das ist gut!«

Die drei setzen an. »We are fighting – for Climate Justice«, singen sie auf die Melodie des oft adaptierten Liedes. »Oh Elmau ciao, Elmau ciao, Elmau ciao ciao ciao.«

Ohne die Dutzenden Polizistinnen und Polizisten, die vor, neben und hinter der Gruppe laufen, könnte man sie tatsächlich mit einer etwas zu groß geratene Wandergemeinschaft verwechseln. Doch die knapp siebzig Leute gehören zu einem der vier Sternmärsche, die gegen den G7-Gipfel auf Schloss Elmau demonstrieren. Das Ziel der Wanderdemo: der Wamberg. Vielleicht sehen sie das Schloss, aber hören und sehen wird sie dort niemand.

Näher heran dürfen sie nicht. Irgendwann käme ohnehin ein großer Zaun. »Es ist unverschämt, dass es keine Möglichkeit gibt, dass wir uns Gehör verschaffen können«, sagt Carla.

Demonstrant mit Flagge im Nirgendwo – der Marsch ist schweißtreibend

Demonstrant mit Flagge im Nirgendwo – der Marsch ist schweißtreibend

Foto: Wolfgang Rattay / REUTERS

Klaus Mähler vom Münchner Friedensbündnis ist Veranstaltungsleiter. Der 69-Jährige war auch 2015 schon dabei, als der G7-Gipfel das erste Mal in Elmau tagte, erzählt er. »Hast dich wacker gehalten«, sagt ein Kollege. Mit der großen Entfernung zum Schloss ist er auch nicht so zufrieden. Er wolle aber den Blick auf Elmau genießen. »Genießen – in Anführungszeichen.«

»Mittelschwere Wanderung. Gute Grundkondition erforderlich«

Hinter den Protesten steckt »Stop G7 Elmau«, ein Zusammenschluss verschiedener Gruppierungen. In einem Aufruf fordern sie unter anderem, der Klimakrise gerecht zu werden, das Ende der Aufrüstung und die Solidarität mit Geflüchteten. Unterschrieben haben laut Website Fridays for Future und Extinction Rebellion.

Demonstrierende Lynne, Carla und Hendrik

Demonstrierende Lynne, Carla und Hendrik

Foto: Levin Kubeth / DER SPIEGEL

Lynne ist 21 und will Präsenz zeigen. »Sieben Menschen aus dem Globalen Norden treffen sich, um über Menschen aus dem Globalen Süden zu entscheiden«, sagt sie.

»Friedenspolitik gehört nicht diskutiert von sieben«, sagt Carla. Sie engagiert sich bei der Jugendorganisation von Attac, einer linken NGO. Sie sei seit Freitag in Garmisch-Partenkirchen und schlafe im Camp.

Das Camp, das ist ein Zeltlager auf einer Wiese nördlich von Garmisch-Partenkirchen. Dutzende Zelte sind dort aufgebaut, manche groß, manche klein. »Gegen die Stadt der Reichen«, steht auf einem Plakat. »Kriegsprofiteur*innen das Handwerk legen«, auf einem anderen. Provisorische Wasserstände haben die Bewohner errichtet, blaue Dixiklos zieren das Gelände. »Es ist schön, dass alles selbstorganisiert, ist«, sagt Carla.

Beim steilen Anstieg fehlt den Demonstrierenden die Luft für ihre Parolen.

Es geht vorbei an der Olympiaschanze, die man aus dem Fernsehen kennt, hinauf, an grellgrünen Wiesen vorbei, kleinen Hütten, durch den Wald. »Mittelschwere Wanderung. Gute Grundkondition erforderlich«, hieß es von den Veranstaltern. Von Barfußschuhen über Birkenstocks bis Wanderschuhe ist alles dabei. Ebenso: die Polizei. In ihren dunkelblauen Uniformen marschieren sie mit. Später wird jemand brüllen: Wir machen jetzt ein kleines Wettrennen: der blaue gegen den schwarzen Block.« Die Demonstrierenden lachen.

An der nächsten Kuppel wird ein weiß-blauer Geländewagen sichtbar, ein Zelt ist aufgebaut. Die Bergwacht wartet alle ein bis zwei Stunden mit Wasser auf die Aktivisten. 125 Liter stehen an jeder Station bereit. Und die werden dankend angenommen. Im Schatten machen rot angelaufene Gesichter Rast. Ein Mann mit Dreadlocks spielt auf seiner Gitarre.

»Ich habe Angst vor der scheiß Polizei«

»Eigentlich war ja mal der Sinn, dass hier eine Demo läuft«, sagt einer der Teilnehmenden. »Aber das ist keine Demo-Route.« Beim steilen Anstieg fehlt den Demonstrierenden die Luft für ihre Parolen. Und wenn dann doch das Gebrülle aufkommt, ist es auch schnell wieder vorbei.

Auf den Wanderwegen rund um Elmau wacht die Polizei mit großem Aufgebot

Auf den Wanderwegen rund um Elmau wacht die Polizei mit großem Aufgebot

Foto: Wolfgang Rattay / REUTERS

Im dichten Wald neben dem Weg steht ein Polizist. Er duckt sich, steht wieder auf. Man sieht im kaum, die Demonstrierenden gehen dran vorbei. Wenig später rennt eine Demonstrantin heulend den Weg herunter und schreit laut. »Ein Polizist hat mir beim Pissen zugeschaut!« Sie ist panisch, kreischt. Er habe gesagt, er dürfe nicht gehen. »Dann schick doch einen weiblichen Kollegen, verdammt!« Sie sitzt auf dem Boden, die anderen Aktivisten kümmern sich. »Ich habe Angst vor der scheiß Polizei«, schreit sie. Und in Richtung der nahestehenden Polizistinnen und Polizisten brüllt sie: »Ihr macht mir Angst.«

Das Publikum fehlt – und die Politiker auf Schloss Elmau sehen höchstens kleine Punkte am Bergkamm.

»Sagen Sie das mal über Funk, wieso sie heult«, provoziert ein Aktivist. Ein Mann hält seinen Kollegen zurück, gleiches bei der Polizei. Es ist das erste Mal auf diesem Wanderprotest, dass die Stimmung gereizt ist. »Wir haben verstanden, was Sie uns sagen wollen und machen jetzt weiter«, sagt eine Polizistin. »Aber bitte nicht so«, entgegnet ein Demonstrant. Schließlich bringt die Bergwacht die Betroffene ins Tal.

Die Polizei will sich vor Ort nicht dazu äußern. Auf Anfrage des SPIEGEL teilte die Polizei-Pressestelle mit, dass die Teilnehmerin auf Ansprache der Polizei nicht geantwortet habe. Im alpinen Gelände sei ein Schutzauftrag gegeben, zudem habe der Polizist sicherstellen müssen, dass von der Person keine Störung ausgehe. Der Beamte sei wieder auf den Weg gegangen, als er bemerkt habe, dass sich die Teilnehmerin zum Austreten in den Wald begeben hatte. In der Pressemitteilung erwähnt die Polizei den Vorfall nicht. Die Sternmärsche seien »allesamt störungsfrei und friedlich« verlaufen.

Vier Stunden nach dem Start in Garmisch-Partenkirchen kommen die Demonstrierenden am Wamberg an, das Schloss Elmau ist zu sehen, genauso wie der für den Gipfel betonierte Hubschrauberlandeplatz. Es fühlt sich nicht an wie ein Ziel, der Weg schlängelt sich fort. Doch weiter dürfen die Demonstrierenden nicht. 1,7 Kilometer sind sie nun vom Schloss Elmau entfernt. 1,7 Kilometer trennen sie und die Politiker, gegen die sie wettern.

DER SPIEGEL

»Symbolisch für die Politik der G7, sich ins Schloss zu verkriechen«

Die Demonstrierenden breiten zwei Banner aus. »Solidarität mit Rojava«, steht auf dem einen. »Abrüstung ist Klimaschutz«, auf dem anderen. Dazu singen sie: »Hoch die internationale Solidarität«.

Sie machen das alles nicht Richtung des Schlosses, sondern positionieren sich vor den Kameraleuten. Jemanden anderen gäbe es auch nicht. Das Publikum fehlt – und die Politiker auf Schloss Elmau sehen höchstens kleine Punkte am Bergkamm.

»Die Wanderung ist symbolisch«, sagt Carla. »Hier hört niemand unsere Forderungen.« Sie habe sich das Schloss malerischer vorgestellt. »Ich dachte, ich sehe das zwischen Wolken in den Hügeln«, sagt sie. »Schwer vorzustellen, dass da sehr mächtige Menschen zusammensitzen, um über das Schicksal der Welt zu reden.« Surreal sei das, aber auch symbolisch für die Politik der G7, sich ins Schloss zu verkriechen und niemand ranzulassen.

Dann geht es auch schon wieder ins Tal. Auf dem Weg nach unten donnern zwei Hubschrauber nah über die Baumwipfel, unter denen die Aktivisten langlaufen.

»Kriegen wir jetzt ein Wanderabzeichen?«, fragt ein Mann die Polizisten. Sie lachen.

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