Gabby Giffords Qualvoller Kampf zurück ins Leben

Vor zehn Monaten wurde die US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords bei einem Attentat schwer verletzt. Jetzt hat sie ihr erstes TV-Interview seit dem Anschlag gegeben. Die Inszenierung im Fernsehen strotzte vor Pathos und Kitsch - und war doch ein Lichtblick in der zynischen US-Politik.

AP/ ABC

Von , New York


Die Kugel vom Kaliber .40 durchschlug ihre Stirn über dem Auge, bohrte sich durch die linke Gehirnhälfte und trat am Hinterkopf wieder aus. Nur Millimeter weiter rechts, und sie hätte nie wieder sprechen können. Nur Millimeter höher, und sie wäre gelähmt gewesen. Nur Millimeter tiefer, und sie wäre sofort gestorben.

Es grenzt an ein medizinisches Wunder, dass Gabrielle Giffords überlebt hat - und heute wieder spricht und läuft. So unglaublich das klingt: Zehn Monate, nachdem sie von einem Attentäter in Arizona fast totgeschossen wurde, ist die US-Kongressabgeordnete auf dem Wege der Genesung. Wie sie sich fühlt? "Ziemlich gut!", sagt sie.

Welcher Kraftakt aber hinter ihrem Genesungsweg steckt, offenbarte sich erst am Montagabend. Da zeigte sich Giffords in ihrem ersten Interview seit dem Attentat im US-Fernsehen: mager, schwach, nach Worten ringend - doch auch vor ungebrochenem Optimismus sprühend.

Lichtblick in verbitterter Nachrichtenlandschaft

Der US-Sender ABC zeigte zu dem Exklusiv-Gespräch Videos aus dem Krankenhaus und inszenierte Giffords' Geschichte als herzergreifendes Melodram - pünktlich zum Erscheinen ihrer Memoiren an diesem Dienstag. Dieser Vermarktungscoup steht in einem gewissen Kontrast zu Giffords' tatsächlich anrührender Geschichte ihrer Genesung. Diese ist ein seltener Lichtblick in der verbittert wirkenden politischen Landschaft Amerikas.

Giffords, 41 Jahre, war am 8. Januar gerade bei einer Bürgerveranstaltung vor einem Supermarkt in Tucson in Arizona aufgetreten, als ein Mann aus nächster Nähe zahlreiche Schüsse abfeuerte. Giffords wurde in den Kopf getroffen. Sechs Menschen starben, darunter ein neunjähriges Mädchen, 13 weitere wurden teils schwer verletzt. Ein Gericht erklärte den mutmaßlichen Schützen Jared Loughner später wegen psychischer Störungen für nicht verhandlungsfähig.

Der offenbar direkt auf Giffords zielende Attentatsversuch löste eine heftige Debatte über den politischen Umgangston in den USA aus. Denn vor dem Attentat war die demokratische Politikerin wegen ihrer Unterstützung für Barack Obamas Gesundheitsreform in der Debatte teils sehr persönlich attackiert worden. So hatte die Republikanerin Sarah Palin eine US-Landkarte veröffentlicht, auf der Fadenkreuze über den Wahlkreisen von Giffords und anderen demokratischen Kandidaten lagen. Auch über die nicht nur in Arizona laxen Waffengesetze wurde nach dem Anschlag wieder erbittert diskutiert.

Weichzeichner und bebende Stimme

Während dieser Debatten lag Giffords auf der Intensivstation und hatte keine Ahnung, was ihr zugestoßen war. Das Letzte, woran sie sich bis heute erinnern kann, ist der Vorabend, an dem sie mit ihrem Mann, dem Astronauten Mark Kelly, essen war. Auf die Frage von ABC-Interviewstar Diane Sawyer, ob sie sich an den Morgen der Tat selbst erinnern könne, schüttelt sie in dem TV-Interview heftig den Kopf.

Giffords sitzt während des Gesprächs neben Kelly auf einem Sofa. Sie sieht ganz anders aus als die quirlige, blonde Frau, die in ihrem früheren Leben 750 politische Termine im Jahr absolvierte, jeden Wahlkampf gewann, zu dem sie antrat, und als beliebteste Kollegin im heillos zerzankten US-Parlament galt, als "positivste Person im Kongress". Jetzt, nach vielen Operationen, sind ihre geschorenen Haare kurz und dunkel nachgewachsen. Sie trägt eine Brille. Die Narben sind nicht mehr zu sehen, doch ihr zierlicher, wie geschrumpft wirkender Körper, der in einem senfgrünen Wollsakko versinkt, lässt erahnen, was sie erlitten hat.

Bewegende Bilder, die eigentlich für sich sprechen. Da wäre es gar nicht nötig gewesen, die Sendung zur besten Primetime-Stunde im US-Fernsehen - die von weiteren Videoschnipseln im Frühstücks- und im Nachtprogramm sowie von schier endloser Werbung flankiert wird - zum Doku-Drama zu stilisieren: Pathos-Soundtrack, Weichzeichner, Sawyers bebende Stimme.

Da strotzt die Sendung nur so vor Klischees, inszeniert das Gute, Reine, ungetrübt von störenden Realitäten. Sawyer präsentiert Giffords und Kelly als Traumpaar, als "das Beste, was Amerika zu bieten hat". Hier die lachende Politikerin, die sich dem Trend zum Geifern widersetzt, dort der Irak-Veteran und Space-Shuttle-Kommandeur: eine Geschichte wie aus dem Märchenbuch, der Prinz und die Prinzessin, die mit ihrer Charakterstärke alles Böse besiegen.

Bemerkenswertes Talent zur Selbstheilung

So ist das Leben selten, und natürlich steckt hinter Giffords' Gesundung auch viel Zufall, Glück und Ärztekunst. ABC stellt sie aber lieber als reinen Triumph der Engelsseele Giffords' über die schwarze Seele Loughners dar, nur so kann die Tragödie zufriedenstellend abgeschlossen werden. "Gabrielle Giffords ist zu hart im Nehmen", sagt Kelly, "als dass sie sich davon geschlagen geben würde."

Tatsächlich ist Giffords ein Sonderfall: Die privaten Videos, in denen Kelly die vergangenen Monate dokumentiert hat, zeigen eine buchstäblich unverwüstliche Frau, die sich ihr Leben zurückerobert, Tag für Tag, Schritt für Schritt, Wort für Wort. Die Kugel des Attentäters hat unter anderem Giffords' Sprachzentrum verwüstet, sie konnte anfangs nicht mehr sprechen und musste mühsam jedes Wort wieder neu erlernen.

Kelly ist - mit Ausnahme eines letzten Trips ins All - stets an ihrer Seite, hängte ein Schild ans Krankenzimmer: "Weinen nicht erlaubt", steht darauf. "Optimismus ist eine Form der Heilung", sagt er. "Hoffnung ist eine Form der Liebe."

Es ist ein harter Weg. Auf den ersten Bildern liegt Giffords wie ein Skelett im Bett, den kahlen Kopf bandagiert, an Schläuche gefesselt - doch da lächelt sie schon wieder müde, aber unverdrossen.

Das Gehirn hat ein bemerkenswertes Talent, sich selbst zu heilen: Nach 28 Tagen sagt Giffords ihr erstes Wort: "What". Vieles weitere verwechselt sie noch, sie sagt "Löffel", wenn sie "Stuhl" meint, "Cheeseburger", wenn sie Lamm isst, und "Hühnchen" für alles Mögliche. Auch das Laufen erlernt sie mühsam wieder, humpelnd, auf einen Einkaufswagen gestützt. Einmal fällt sie weinend in die Arme ihrer Sprachtherapeutin, es ist so schwer, sie kann nur stammeln: "Boo, boo, boo."

Ein Verlust der Worte

Auch jetzt, im Gespräch mit Sawyer, schafft Giffords meist nur einzelne Worte. Man merkt, dass ihre Gedanken klar und präsent sind, dass sie nur nicht ausdrücken kann, was ihr durch den Kopf geht, und dass sie das spürbar frustriert. "Schwer, schwer, schwer", sagt sie. "Hart, hart, hart." Aber auch: "Stark, stark, stark." Alles wiederholt sie, wie einen Ersatz für die Sätze, die sie noch nicht formulieren kann.

"Ein Verlust der Worte", sagt ABC-Reporter Bob Woodruff, der mit durch die Spätabend-Etappe der Interview-Verwertung führt, "kann uns das Gefühl geben, dass wir in unseren eigenen Gedanken gefangen sind." Er weiß das nur zu gut: 2006 erlitt er durch eine Bombe im Irak selbst schwere Hirnverletzungen. Inzwischen ist er aber wieder voll im TV-Einsatz.

Getrübt wird Giffords' Kampf nur von der Kaltschnäuzigkeit, mit der nicht nur der TV-Sender ihre Story vermarktet. Das Klatschmagazin "People" hat Giffords und Kelly aufs Cover gehoben ("Ihre phantastische Geschichte"), und Amazon verkauft das 320-Seiten-Buch "Gabby: A Story of Courage and Hope" für 16,41 Dollar als "außerordentliche Geschichte von Staatsdienst, Risikobereitschaft, Liebe - und der Reise zur Genesung" und verspricht dem Leser "Hoffnung und Erlösung", als sei es die Bibel.

Trotzdem bietet der Anblick Giffords', wie sie in die Kamera strahlt, Kelly über die Glatze streichelt und von einer Rückkehr in den Kongress träumt, eine überfällige Erholung in einem Wahlkampf, der dank der US-Republikaner zur possenhaften Doku-Soap verkommen ist. "Gabby", weiß ihre Mutter Gloria Giffords, "hat eine Botschaft, die über die politische hinausgeht."



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
forkeltiface 15.11.2011
1. Da ...
... Gifford eine "Demokratin" ist, kann der Autor Pitzke auch über Kitsch hinweg sehen ... solange nicht die bösen Republikaner "zynisch" Obamas Politik in Frage stellen ;)
dietmarthomas 15.11.2011
2. Schoen
Tolle Geschichte, schoen dass in Nachrichten auch mal etwas Gutes vorkommt!
Stephanwiw 15.11.2011
3. Frage
Im Artikel steht, "dass ihre Gedanken klar und präsent sind, dass sie nur nicht ausdrücken kann, was ihr durch den Kopf geht", da ihr Sprachzentrum zerstört wurde. Man liest solche Geschichten immer wieder (verkauft sich auch gut), aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ich ohne Sprachzentrum klar denken kann. Anders ausgedrückt: Wenn ich über etwas nachdenke, dann führe ich einen inneren Monolog :) Ich formuliere ich im Gedanken Worte... Vielleicht kennt sich hier jemand aus, und kann das mal erklären! Danke!
sven17 15.11.2011
4. .
Wenn dem so wäre hätte er den Kitsch gar nicht erwähnt. Er äußert sich ja kritisch dazu. Also ich freue mich das Sie das Attentat vergleichsweise gut überstanden hat und wünsche ihr alles Gute.
atherom 15.11.2011
5. Anders wäre es hier.
Zitat von sysopVor zehn Monaten wurde die US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords bei einem Attentat schwer verletzt. Jetzt hat sie ihr erstes TV-Interview seit dem Anschlag gegeben. Die Inszenierung im Fernsehen strotzte vor Pathos und Kitsch - und war doch ein Lichtblick in der zynischen US-Politik. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,797807,00.html
Na klar: ohne Pathos und Kitsch ginge natürlich in den USA, dem Land von Fastfood nicht. Anders hierzulande: sachlich, menschlich und zurückhaltend, echte Gefühle eben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.