Gastarbeiter-Zug Merhaba Almanya!

Endlich angekommen! Die letzte Etappe führte den Zug mit 35 türkischen Gastarbeitern von Österreich nach Deutschland. Politiker gingen an Bord, die Reisenden warfen sich in Schale. Was bleibt von der Reise auf den Spuren des Vaters, fragt Yasemin Ergin?


"Das ist aber Österreich hier," murmelt eine elegant gekleidete Dame aus dem Publikum genervt und nimmt einen Schluck aus ihrem Sektglas. Dass Salzburg nicht zu Deutschland gehört, scheint dem stellvertretenden Ministerpräsidenten der Türkei allerdings niemand gesagt zu haben. Seit fast einer Stunde redet Bekir Bozdag im Festsaal des Salzburger Gwandhauses über die Geschichte der türkischen Gastarbeiter in Deutschland und über deutsch-türkische Beziehungen in Allgemeinen. Österreich kommt in seiner Rede nicht vor.

Der türkische Generalkonsul hat eingeladen, Anlass ist der Jahrestag der Republiksgründung der Türkei. Die Passagiere des Sonderzuges von Istanbul nach München sehen müde aus. Ob sich Minister Bozdag wirklich für ihre Geschichte interessiert, ist jedoch fraglich. Immer wieder erwähnt er in seiner Rede den Istanbuler Bahnhof Haydarpasa - der liegt aber auf der asiatischen Seite der Stadt. Der Bahnhof, von dem aus die Gastarbeiter sich vor 50 Jahren auf den Weg machten, und von dem auch wir gestartet sind, heißt Sirkeci.

Auf dem letzten Teil der Reise herrscht im Zug Hektik. Sicherheitsbeamte verstopfen die Gänge - denn neben türkischen Parlamentariern steigt auch die deutsche Integrationsministerin Maria Böhmer zu. Im Konferenzwagen sollen sich einige der Rentner den mitreisenden Journalisten kurz vorstellen.

Wie fühlte sich das Ankommen damals an?

Die ausgewählten Zeitzeugen haben je etwa eine Minute Zeit, ihre Geschichten zu erzählen, ein Leben in 60 Sekunden. Hasibe Altun und Kadriye Pamuk, zwei schüchterne, Kopftuch tragende Rentnerinnen Anfang 70, erzählen knapp, wer sie sind, woher sie kommen, wie viele Kinder und Enkelkinder sie haben. Filiz Taskin, eine elegante Dame mit fliederfarbenem Filzhut, betont, sie sei 1964 aus Abenteuerlust, und nicht des Geldes wegen nach Deutschland gegangen. Ömer Yildirim, der im selben Jahr wie Filiz Taskin nach Deutschland kam, bedankt sich bei den anwesenden Politikern dafür, dass sie die Gastarbeiter "nicht vergessen" haben. Fehmi Atar erzählt stolz von seinen drei Kindern, die alle einen Uni-Abschluss haben.

Die Minister lächeln wohlwollend und ich verspüre plötzlich eine seltsame Mischung aus Besitzanspruch und Beschützerinstinkt gegenüber diesen Menschen, die mir in den letzten fünf Tagen ans Herz gewachsen sind - auch, weil ihre Geschichte so eng mit meiner eigenen verknüpft ist.

Dann wird es offiziell. Maria Böhmer heißt die Gastarbeiter "nochmals herzlich willkommen in Deutschland", um im Anschluss sich selbst und die Bundesregierung für ihre Integrationspolitik zu loben. Vizepremier Bozdag wiederum nutzt die Gelegenheit, um den Deutschen - ganz in der Linie seines Chefs Erdogan - Assimilationsversuche vorzuwerfen. Die Zeitzeugen knabbern Nüsse und haben trotz notdürftiger Übersetzung Schwierigkeiten, der Diskussion zu folgen.

Ich setze mich zu Imran Öztürk und Nedim Sekerli, den beiden gemeinsam Reisenden Freunden aus Hamburg. Sie sind unbeeindruckt von dem Trubel und haben blendende Laune. Er freue sich "zurück in die Heimat" zu kommen, sagt Nedim, Heimat sei schließlich da, wo die Familie sei. Ob ihnen der Abschied von der Reisegruppe nicht schwerfallen werde, frage ich. Imran schüttelt den Kopf: "Die waren mir alle viel zu geschwätzig. Schreib das ruhig genauso auf!" Beide schütteln sich vor lachen, die Rentner an den Nebentischen lachen mit.

In München fährt der Zug auf Gleis 11 ein, genau wie vor 50 Jahren. Wie hat es sich angefühlt, das Ankommen damals? Als dieses Land ihnen noch völlig fremd und unbekannt war?

Wehmut beim Abschied

Er habe den deutschen Boden geküsst, erzählt Hüseyin Haldan, der die Reise heute gemeinsam mit seiner Frau Ayten unternimmt. Vor Aufregung, oder Respekt. Oder, weil er einfach froh war, endlich angekommen zu sein, das wisse er nicht mehr so genau, aber: "Ich würde es heute genauso machen."

Am Münchner Bahnhof ist ein roter Teppich ausgerollt, junge Frauen reichen Orangensaft und türkischen Tee. Eine Balkanband spielt direkt am Gleis, auf der Bühne in der Querhalle spielt türkische Musik. Kleine Tüten mit frischem Obst werden verteilt, wie vor 50 Jahren. Der türkische Vizepremier Bozdag darf seine Rede über deutsch-türkische Beziehungen zum gefühlt dritten Mal halten, wovon sie zwar nicht besser wird, aber zumindest stimmen diesmal Ort und Datum. Es gibt Brezeln und Baklava. Am Ende stehen einige der alten Männer auf und tanzen, allen voran Battal Kizildere, mit 78 Jahren der Älteste unter den Mitreisenden.

Ich treffe Imran etwas abseits der Festbühne. Er sei auf der Suche nach Nedim, weil er ihm eine Tüte Obst geben wolle, sagt er. Nedim sei doch immer so zerstreut, vielleicht habe er das Obst übersehen. Der Empfang habe ihn tief berührt, sagt er dann, viel mehr, als er erwartet hätte.

Abends im Hotel gibt der türkische Percussion-Künstler Burhan Öcal ein kleines Konzert in der Lobby. Einige der Mitgereisten tragen Trainingshosen statt Anzüge, wie sonst in den letzten 5 Tagen. Alle wirken erleichtert und gelöst, gleichzeitig aber auch ein wenig wehmütig. Nummern werden ausgetauscht, Abschiedsfotos geknipst. Battal Kizildere kommt auf mich zu. Ich soll ihm meine Adresse aufschreiben, sagt der 78-Jährige, wenn er das nächste Mal in seiner Heimatstadt Malatya sei, wolle er mir ein Päckchen Aprikosen schicken. Die seien dort so gut wie nirgendwo sonst. Ich muss einmal fest schlucken, dann nehme ich den Stift und schreibe sie ihm auf.


Lesen Sie im ersten Teil der Serie, warum inszenierte Nostalgie die meisten Passagiere an Bord des Zuges bei der Abfahrt in Istanbul kalt ließ. Im zweiten Teil, erfährt Yasemin Ergin das Geheimnis deutscher Frauen. Im dritten Teil erinnerten sich die Reisenden an die Heimfahrten in der Türkei.



insgesamt 7 Beiträge
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senfwassertrinkender 31.10.2011
1. Mmh
Warum und wie sollte die Ihrer Meinung nach aussehen? Oder wollen Sie nur provozieren? Zum Artikel: Mit dem andauernden Gewese um die Türken erreicht man IMHO nichts positives. Oder ist das gar gewollt?
Methados 31.10.2011
2. .
und wieso greift keiner an ? dies haben die türken doch schon in vielen, vielen vierteln unserer grossstädte vollzogen.
taiga, 31.10.2011
3. Merhaba
Zitat von sysopEndlich angekommen! Die letzte Etappe führte den Zug mit 35 türkischen Gastarbeitern von Österreich nach Deutschland. Politiker gingen an Bord, die Reisenden tauschten*Jogging- gegen richtigen Anzug. Was bleibt von der Reise auf den Spuren des Vaters, fragt*Yasemin Ergin? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,794931,00.html
In diesem Zug der Freude gab es auch einige Misstöne: http://www.sueddeutsche.de/politik/eklat-auf-erinnerungsreise-tuerkischer-gastarbeiter-aerger-faehrt-mit-1.1176481?commentCount=7&commentspage=2#kommentare
Das Auge des Betrachters 31.10.2011
4. 50 Jahre....
...hat schon jemand von 50Jahrfeiern für Italiener, Jugoslawen, Spanier gehört? Wer zu der Zeit schon lebte, der weiss das die Türken viel später kamen und damals viel weniger waren. Mehr wurden sie erst in den achtzigern unter rot / grün die eine Masseneinwanderung förderten. Zu der Mär vom Aufbau D, hier ein schöner Beitrag: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/integration/gastarbeiter-die-kunst-des-missverstehens-11502703.html
rettungsschirmherr, 31.10.2011
5. Komisch.
http://www.planet-wissen.de/alltag_gesundheit/gastarbeiter_und_migration/geschichte_der_gastarbeiter/index.jsp "Und so schloss die Bundesrepublik am 20. Dezember 1955 mit Italien das erste Anwerbeabkommen ab. Es folgten Abkommen mit Griechenland und Spanien (1960) ..." Die entsprechenden Feierlichkeiten und Sondersendungen, also am 20. Dezember 2005 und im Jahr 2010 sind wohl an mir vorübergegangen .... Oder ist das alles nicht so wichtig, nachdem laut offizieller Geschichtsklitterung ausschließlich die Türken Deutschland aufgebaut und damit ja auch den Italienern, Griechen und Spaniern erst ein angenehmes Leben ermöglicht haben? Nun, Sympathiepunkte werden mit derart einseitigem und übertriebenem Gehabe wohl nicht gesammelt ...
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