Künstler in Gaza Panzergranaten zu Blumenvasen

Kunstobjekte aus Kriegswaffen? Einige Palästinenser haben kreative Wege gefunden, ihre Erlebnisse im Gaza-Konflikt zu verarbeiten: bunte Blumenvasen mit eindringlichen Botschaften.

AFP

Hamburg - Vier Vasen stehen mitten im Wohnzimmer von Hossam al-Dabbus. Auf den ersten Blick fällt ihr knallbuntes Blumenmotiv auf, erst bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Gefäß als Hülse einer Panzergranate. Eher zufällig hat der Palästinenser aus dem Gaza-Streifen einen Weg gefunden, Überbleibsel aus dem Gaza-Krieg in Kunstobjekte zu verwandeln.

Während des siebenwöchigen Kriegs im Juli und August hatten Israels Armee und radikale Palästinensermilizen Tausende Raketen und Granaten abgefeuert, mehr als 2100 Palästinenser und etwa 70 Israelis wurden getötet. Noch immer liegen unzählige Geschosse in den Trümmern des Palästinensergebiets, einige von ihnen sind noch scharf. Hossam al-Dabbus begann sie zu sammeln, damit die blutige Auseinandersetzung nicht in Vergessenheit gerät.

"Anfangs sollten das mahnende Andenken sein. Aber weil sie Verwandte und Nachbarn verängstigten, begann ich die Reste zu bemalen", sagt er. Geschickt verziert Al-Dabbus die Geschosshülsen mit goldfarbenen Arabesken oder bunten Blumen; Reste von Leitwerken funktioniert er zu Standbeinen um.

Mit seiner Arbeit ist der 33-Jährige zufrieden: "Wenn meine Kinder groß sind, kann ich ihnen die Geschosse zeigen und sagen: 'Das sind die Überbleibsel des tödlichen Kriegs im Sommer 2014. Und seht, wie ich aus Mordwerkzeugen Instrumente des Lebens gemacht habe.'"

"Nein zum Krieg, wir haben schon genug"

Auch andere Palästinenser wollen seine Kunstobjekte. Aus ganz Dschabalija, wo der Imkereimitarbeiter lebt, gehen mehr und mehr Bestellungen ein. Al-Dabbus ging zur örtlichen Polizeiwache, in der die Beamten der radikalislamischen Hamas Munitionsreste sammeln. "Weil mich Dutzende Leute baten, auch für sie Bombenhülsen zu dekorieren, gibt mir die Polizei nun so viele, wie ich brauche - unter der strikten Bedingung natürlich, dass ich sie nur für meine Kunst verwende."

Chder Abu Nada klingelt, er will eine bestellte Blumenvase abholen. "Mir hat die Idee gut gefallen, etwas Schönes aus diesen Geschossen zu machen, die uns töten sollten. Ich werde Rosen in die Vase stellen", sagt der 32-Jährige, dessen Reinigungsfirma bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

Hossam al-Dabbus plant inzwischen in größeren Dimensionen: Er will vom Verkauf der Vasen leben und sogar Ausstellungen organisieren. Auch andere Palästinenser haben inzwischen die Granathülsen als ganz persönliche Form der Kunsttherapie für sich entdeckt.

So ist der Garten von Mohammed al-Samar im Flüchtlingslager Al-Bureidsch übersät mit Munitionsresten, die er nach einem Bombardement in seinem Haus aufgesammelt hat. Der 33-jährige Kellner schreibt Botschaften auf das Metall: "Nein zum Krieg, wir haben schon genug", steht auf einem Teil. Daneben hat Samar eine Palästina-Karte gemalt.

In seinem Haus zeigt Samar seine Sammlung: Dutzende Gemälde, viele verziert mit israelischen Patronenhülsen oder mit Schlüsseln, dem Symbol der Flucht oder Vertreibung der Palästinenser im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948. Vor dem Haus liegt eine nicht explodierte - aber entschärfte - israelische Fliegerbombe. Darauf stehen die Namen der Kinder, die während der Angriffe auf den Gaza-Streifen starben - nach Uno-Schätzungen sind es rund 500.

wit/AFP



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