Jan Friedmann

Gedenktag für Coronatote Schwacher Trost

Jan Friedmann
Ein Kommentar von Jan Friedmann
Noch bevor die Pandemie eingedämmt ist, ehrt der Staat die Corona-Verstorbenen – der Termin wirft erinnerungspolitische Fragen auf.
Schloss Bellevue: Eine Kerze für die Coronatoten

Schloss Bellevue: Eine Kerze für die Coronatoten

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Zwischen Kandidatenkür der Union und möglichem »Brücken-Lockdown« wird Deutschland am Wochenende an seine Coronatoten erinnern. Am Sonntag richtet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach einem Gottesdienst die zentrale Gedenkfeier im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt aus.

Aufgrund der hohen Inzidenzen ist die Trauergemeinde sehr klein: Fünf Hinterbliebene von Verstorbenen werden dabei sein, dazu neben Steinmeier die Spitzen von Bundesregierung, Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht sowie ein Vertreter des Diplomatischen Korps.

Gerade wegen des hochrangigen, aber begrenzten Aufgebots ist der Termin heikel. Denn er fällt mitten in die dritte Welle der Pandemie. Bestreiten werden ihn jene Repräsentantinnen und Repräsentanten des Staates, von denen die Bürgerinnen und Bürger derzeit weniger Trost erwarten als vielmehr, dass sie das Virus wirkungsvoll bekämpfen. Das verordnete »Zeichen« am »Tag des Innehaltens«, wie das Bundespräsidialamt den Termin ankündigte, kann so leicht hilflos wirken.

Die Berliner Trauerfeier ist der Höhepunkt eines Gedenkreigens, der ein Jahr nach der Ankunft des Virus in Deutschland begann. Schon seit Januar brennt in Steinmeiers Dienstsitz Schloss Bellevue an jedem Freitagabend in einer Fensternische eine Kerze in Erinnerung an die Verstorbenen. In Hamburg nahm Bürgermeister Peter Tschentscher an einer interreligiösen Feier auf dem Zentralfriedhof in Ohlsdorf teil, in Sachsen gab es eine Schweigeminute. In Weimar, Halle, Kaiserslautern und anderswo erinnerten Gottesdienste an die Toten, hinzu kamen diverse Lichtkreise und Mahnwachen. Am Freitag riefen die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Bundesländer dazu auf, an den Abenden vor der Gedenkfeier ebenfalls Kerzen in die Fenster zu stellen.

Blumen hinter Plexiglas

In Bayern, wo Ministerpräsident Markus Söder dem Bund auch in der Corona-Symbolpolitik voraus sein wollte, war der Landtag im März Schauplatz einer kurzen Gedenkveranstaltung zwischen Kabinettssitzung und Haushaltsdebatte. Sträuße von weißen Rosen und Lilien schmückten die Regierungsbank, voneinander abgetrennt durch die für die Parlamentssitzungen fest installierten Plexiglaswände.

Wo sonst auf dem Monitor die Namen der Rednerinnen und Redner angezeigt werden, flackerte eine abgefilmte Kerze. Im ganzen Freistaat war Trauerbeflaggung vor Regierungsgebäuden angeordnet, die Menschen sollten für eine Minute schweigen. Familien konnten kurze Würdigungen für ihre Corona-Verstorbenen einschicken.

»Jeder einzelne Tote ist auch eine schmerzliche politische Niederlage«, sagte Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Söder berichtete, wie er jeden Morgen nach dem Aufstehen zuerst die Zahlen der Infizierten und Verstorbenen auf seinem Smartphone nachlese: »Jedes Leben ist rettenswert.« Abgeordnete durften aus Infektionsschutzgründen nicht in den Saal, dafür war in der Vorhalle ein Bildschirm für Trauerbekundungen über eine Twitter-Wall aufgebaut.

Allesamt keine unpassenden oder gar unwürdigen Beiträge oder Symbole, jedoch seltsam unspezifisch. Nähe schafften die eindrücklichen und bedrückenden Zeugnisse der Hinterbliebenen, sie werden auch den Termin in Berlin prägen. Was dem Corona-Gedenken jedoch bislang insgesamt fehlt: Analyse und Einordnung, wie sie etwa Historiker-Reden an wiederkehrenden Jahrestagen liefern. Das liegt am verfrühten Zeitpunkt, aber auch am diffusen Gegenstand des Gedenkens.

Opfer für oder Opfer von

»Man ehrt Menschen üblicherweise dafür, dass sie sich für etwas geopfert haben im Sinne einer Selbstaufgabe«, erklärt der Historiker Manfred Hettling, der über Gedenktraditionen wie den Volkstrauertag geforscht hat. »Oder aber die Betrauerten sind Opfer eines Unrechts geworden.« Hettling erklärt diese Traditionslinien mit den englischen Begriffen »sacrifice« und »victim«, ins Deutsche wohl am passendsten übersetzt mit »Opfer für« und »Opfer von«. Indes: »Keine der beiden Kategorien trifft auf die Coronatoten zu.«

Unter die erste Gruppe fallen etwa Gefallenenehrungen, im Falle der Pandemie käme danach am ehesten eine Würdigung verstorbener Ärztinnen oder Krankenpfleger in Betracht. Die zweite setzt üblicherweise todbringendes menschliches Handeln voraus. Etwa der Massenmord während des Nationalsozialismus oder in jüngerer Zeit der durch den Co-Piloten herbeigeführte Absturz einer deutschen Passagiermaschine in den französischen Alpen – für die getöteten Passagiere gab es eine offizielle Trauerfeier. Doch Jumbojets stürzen nicht durch das Virus ab, auch wenn der problematische Vergleich sich angesichts der Todeszahlen inzwischen etabliert hat.

Durch den offiziellen Charakter steht der Corona-Gedenktag in einer Fülle von Querbezügen, ohne wichtige Fragen zu beantworten: Sind die an und mit dem Virus Verstorbenen eine besondere Opfergruppe? Gebührt ihnen bald ein eigenes Denkmal, wie einzelne Stimmen schon fordern? Was unterscheidet sie dann von den Hunderttausenden Menschen, die jedes Jahr an Krebs oder Herz-Kreislauf-Versagen sterben? Der Staat: Übernimmt er Mitverantwortung für das Sterben oder sogar eine Mitschuld? Wenn ja: Wo lagen die Versäumnisse, was lässt sich aus der Corona-Historie lernen?

Es wäre wohl angemessener, die Trauer zumindest bis zum Ende der Pandemie dort zu belassen, wo sie derzeit am besten aufgehoben ist: im Privaten. Doch solche Zusammenkünfte erschweren die geltenden Infektionsschutzverordnungen. Begräbnisse nur mit Abstand, Singen ist untersagt. Wer einen geliebten Menschen beerdigen muss, dem bleibt derzeit zumeist nur ein schaler Abschied. Da trösten kein staatstragender Gedenkakt und keine Twitter-Wall.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.