Geheimdienst-Vergangenheit Warschauer Bischof verzichtet auf Amt

Seine Geheimdienst-Vergangenheit hat Stanislaw Wielgus eingeholt: Der wegen seiner Spitzeltätigkeiten umstrittene Warschauer Erzbischof trat am Morgen zurück - kurz bevor er in sein neues Amt eingeführt werden sollte. In der Warschauer Kathedrale brachen daraufhin Tumulte aus.


Warschau - Die für 11 Uhr anberaumte Zeremonie zur Amtseinführung von Wielgus in der Kathedrale von Warschau wurde in letzter Minute abgesagt. Um 10.27 kabelten die ersten Nachrichtenagenturen die Eilmeldung: Warschauer Erzbischof tritt wegen Geheimdienstverstrickung zurück.

Bischof Wielgus: Amtseinführung geplatzt
REUTERS

Bischof Wielgus: Amtseinführung geplatzt

Wenig später bestätigte die apostolische Nuntiatur in Warschau: Erzbischof Stanislaw Wielgus verzichtet auf sein Amt. Papst Benedikt XVI. akzeptiere die Entscheidung von Wielgus und belasse die Verwaltung der Erzdiözese vorerst weiter in den Händen von Kardinal Jozef Glemp, bis "neue Entscheidungen" getroffen seien, erklärte der päpstliche Nuntius in Warschau, Monsignore Josef Kowalczyk.

Nach Informationen des polnischen Fernsehen TVP fanden in der Nacht Gespräche zwischen dem Vatikan und den polnischen Behörden zu dem Thema statt. Statt der Zeremonie wurde in der Warschauer Kathedrale eine "Dankesmesse" an Kardinal Glemp gelesen.

Darin erklärte Wielgus vor Bischöfen, Priestern und Gläubigen: Nach "tiefem Nachdenken und Einschätzung meiner persönlichen Lage" habe er sein Amt "in die Hände des Heiligen Vaters gelegt". Anschließend brachen in der Kathedrale Tumulte aus. Gläubige protestierten mit lauten Rufen gegen die Entscheidung und skandierten "Bleib bei uns".

Vor der Kirche harrten mehrere hundert Menschen im Regen aus. Unter ihnen waren sowohl überwiegend ältere Menschen, die sich mit Wielgus solidarisierten, als auch Gläubige, die auf Transparenten erklärten, ihn nicht als Bischof akzeptieren zu wollen.

Papst Benedikt XVI. hatte Wielgus am 6. Dezember zum Nachfolger von Glemp an der Spitze der katholischen Kirche in Warschau bestimmt. Nachdem ihn die polnische Kirche der Spionage beschuldigte, hatte Wielgus nach wochenlanger Leugnung am Freitag eingeräumt, für den Geheimdienst der früheren kommunistischen Regierung gearbeitet zu haben.

Untersuchungsausschüsse werfen ihm absichtliche Zusammenarbeit vor. Er behauptet jedoch in einem Hirtenbrief und einer Stellungnahme, er habe niemandem geschadet. Noch am Samstag hatte er in einem in allen Kirchen des Bistums verlesenen Hirtenbrief darum gebeten, ihn als Bischof anzunehmen.

jul/phw/AFP/dpa/reuters



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