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07. Januar 2007, 17:09 Uhr

Geheimdienstaffäre

"Bleib bei uns!"

Von Paul Flückiger, Warschau

Der Last-Minute-Rücktritt des Warschauer Erzbischofs spaltet Polens Glaubensgemeinschaft: Vor der Kathedrale, in der Wieglus seinen Amtsverzicht verkündet, begegneten sich seine Anhänger und Gegner mit Wut und Hass.

Warschau - "Wielgus – Schande!", steht auf dem Transparent, das zwei ältere Männer vor dem Warschauer Königschloss hochhalten. "Haut ab, ihr Verräter!", schreien ein paar Rentner die beiden Demonstranten an. Wenige Meter von hier, in der ehrwürdigen Kathedrale Johannes des Täufers, sollte der umstrittene Stanislaw Wielgus am Sonntagvormittag als Nachfolger von Kardinal Jozef Glemp feierlich als Warschauer Erzbischof eingesetzt werden.

Mit seinem nur zögerlichen Geständnis über seine früheren Geheimdienstkontakte hat Wielgus Polens Gläubige in den vergangenen Tagen verunsichert und gespalten. Erst in letzter Minute reichte der kirchenrechtlich bereits am Freitagnachmittag vereidigte Wielgus seinen Rücktritt ein – ein Schritt, den die meisten Demonstranten auf dem Warschauer Schlossplatz kurz vor dem Beginn der geplanten Einführungszeremonie noch gar nicht mitbekommen haben.

"Wir sind gegen diese Amtseinsetzung", sagt ein faltiger, untersetzter Mann, der früher im antikommunistischen Widerstand aktiv war. Das Transparent hier hält er auch hoch, um gegen diese Art von Amtsniederlegung zu protestieren. "Der Wielgus hätte sich doch nie um das Erzbischofsamt bewerben dürfen", sagt der Mann. Dutzende von Polizisten haben inzwischen den Träger des Transparents umstellt; denn gleich wird die Fahrzeugkolonne des polnischen Präsidenten erwartet. Noch am Freitag, nachdem Wielgus selbst seine Stasi-Vergangenheit zugegeben hatte, hatte Lech Kaczynski seine Teilnahme an der umstrittenen Feier zugesagt. Nun soll der Zwillingsbruder des rechtsgerichteten Premiers Jaroslaw Kaczynski zumindest sehen, was ehemalige Oppositionelle von der ganzen Sache halten.

"Seht nur her! Das Transparent ist falsch geschrieben", bedrängt eine Renterin die inzwischen von Fernsehkameras umringten Demonstranten. "Juden haben das wohl geschrieben", geifert sie, "sicher bin ich allerdings nicht". "Bezahlte Provokateure jedenfalls", pflichtet ein Alter der Frau bei. Wielgus werde ganz normal eingesetzt, sind sich die Rentner sicher. "Das Fernsehen lügt", erklären sie in Anspielung auf TV-Berichte, nach denen die Amtseinführung im letzten Moment platzen könnte.

Massenauflauf vor der Kathedrale

Mehrere polnische Fernsehstationen haben auf dem Platz ihre Übertragungswagen aufgestellt. Auf eine geplante Freiluftübertragung mittels der in Polen von den Papstbesuchen her so beliebten Riesenbildschirme hatte das Episkopat erst am Samstagabend verzichtet - ohne Angabe von Gründen. Menschenmengen vor der Kathedrale ließen sich allerdings dennoch nicht verhindern.

An ein Durchkommen in der Johannes-Gasse ist nicht zu denken, Demonstranten und eifrig singende Gläubige stauen sich bei strömendem Regen zu beiden Seiten der Kathedrale bis auf den Schloss- sowie den Altstadtmarkt. Vor allem ältere Menschen verharren hier; Journalisten und Fotografen werden von den zahlreichen Radio Maryja-Anhängern immer wieder angepöbelt und niedergeschreien. Schließlich waren es die Medien, die die Vergangenheit des als Freund des ultrakatholischen, teilweise antisemitischen Radios bekannten Wielgus ans Tageslicht gezerrt hatten.

"Nein! Nein!", skandiert die Menge vor der Kathedrale als aus den beiden Lautsprechern über dem Portal leise Wielgus kurze Rücktrittserklärung zu hören ist. "Bleib bei uns! Bleib bei uns!", schreit eine unter "Radio Maryja"-Transparenten versammelte Gruppe aufgeregt ins Mikrofon. Auch in der Kathedrale kommt es zu Tumulten. Die Messe wird unterbrochen, Geistliche müssen die Gemüter wieder besänftigen. Sichtlich gerührt beobachtet Wielgus die Proteste. Draußen rufen ein paar Gläubige "Grey! Grey!" – Stanislaw Wielgus' Kodename als informeller Geheimdienstmitarbeiter.

Viele Katholiken glauben Wielgus nicht

Über zwanzig Jahre lang soll Wielgus im In- und Ausland für den polnischen Sicherheitsdienst gearbeitet haben. Er habe dabei niemandem geschadet und keine Mitbrüder bespitzelt, behauptet Wielgus selbst. Doch viele polnischen Katholiken glauben dieser Version des Kirchenmanns nicht. Zuerst hatte dieser seine Geheimdienstmitarbeit nämlich wochenlang abgestritten und als Lügenkampagne bezeichnet, um dann auf Druck der Öffentlichkeit Schritt für Schritt zurückzukrebsen. Erst nach seiner kanonischen Amtsübernahme gab er am Freitagabend erstmals zu, "mit diesen Verwicklungen der Kirche Schaden zugefügt" zu haben.

Polnische Kirchenexperten bezweifeln die Authentizität dieser letzten Erklärung inzwischen. "Nach der Ermordung des Solidarnosc-Preisters Popieluszko durch den Geheimdienst haben sich die meisten Spitzelpriester zusrückgezogen, Wielgus aber arbeitete als Agent munter weiter", erklärt Maria Temekin, eine gläubige Katholikin, die nur aus Neugierde vor die Johannes-Kathedrale gekommen ist. Für Wielgus hätte doch nur seine Karriere gezählt, ist sie überzeugt. "Einst galt hier in Polen 'Gott – Ehre – Vaterland', heute aber denken alle nur an den eigenen Ruhm, seien das Erzbischöfe oder der Präsident". Sogleich giftet ein anderer die Frau an: "Sie sind wohl eine dieser verfluchten Liberalen."

Wielgus hat sich längst zurückgezogen und sitzt zerknirscht in der Kathedrale. Während der Vatikan seinen Rücktritt als "angemessene Lösung" bezeichnet, setzt der polnische Primas Glemp, der nach Willen des Vatikan die Amtsgeschäfte bis zu einer Neuberufung weiterführen soll, in seiner Predigt zu einer Verteidigung Wielgus an. "Auf der Basis von Papierfetzen, von Kopien von Kopien, wurde ein Urteil über Herrn Wielgus gefällt", sagt Glemp. Wielgus sei "ohne Anwälte, ohne Zeugen" verurteilt worden. "Das war kein gutes Urteil." Die Anhänger des zurückgetretenen Erzbischofs applaudieren.

Vor der Kathedrale treffen mit Schirmen und Taschenradios bewaffnete alte Menschen ein. Die ultra-katholische Vereinigung "Radio Maryja-Familien" hat Hunderte von Gläubigen mit Autobussen in die Hauptstadt gekarrt; doch die Busfahrer konnten die Kathedrale offenbar nicht rechtzeitig finden.

"Der arme Wielgus konnte den psychischen Druck nicht verkraften", erklärt eine Frau mit gütigem Gesicht und einer Radio-Maryja-Flagge. "Sie haben einen Polen gehenkt!", ereifert sich einer der Neuankömmlinge. "Dieses Land wird von Juden regiert! Deshalb ist es so!" Unter dem Schlossplatz zieht die Polizei derweil neue Ordnungskräfte zusammen. Sie tragen weder Helme noch Schilder, denn die meisten vor der Kathedrale sind weit über 60 und können gerade noch mit Mühe zwei Flaggen in die Höhe halten - jene Polen und jene Radio Maryjas.

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