Verhör des Kapitäns der "Blue Sky M" 15.000 Dollar für 800 Leben

Sie bestachen ihn mit einem unmoralischen Angebot: Der Kapitän des Flüchtlingsschiffs "Blue Sky M" erhielt von den Schmugglern laut einem Medienbericht 15.000 Dollar und freien Transport für seine Familie. Vor Italien verließ er dann die Brücke.
Flüchtlingsschiff "Blue Sky M": Jeder Kontrolle entgangen

Flüchtlingsschiff "Blue Sky M": Jeder Kontrolle entgangen

Foto: STRINGER/ITALY/ REUTERS

Athen - Mit unzähligen hilflosen Menschen an Bord trieben die führerlosen Flüchtlingsschiffe "Blue Sky M" und "Ezadeen" vor den Küsten Italiens und Griechenlands - nur dank des Eingreifens der Küstenwache konnten die Menschen gerettet werden. Die Spur der Schmuggler verläuft sich nach und nach, doch jetzt kommen immer mehr Details zu den menschenunwürdigen Bedingungen der Überfahrten ans Licht: Inzwischen hat der Kapitän der "Blue Sky M", Sarkas Rani, der italienischen Polizei bei einem Verhör die näheren Umstände des Transists von Nordafrika nach Südeuropa geschildert, wie die Zeitung "La Repubblica" berichtete.

Nach der Ankunft des Schiffs im süditalienischen Hafen von Gallipoli war der 36-Jährige festgenommen und von den Ermittlern befragt worden, wie das Blatt berichtete. Demnach hätten ihm die Schmuggler ein unmoralisches Angebot gemacht, das Rani unschwer ablehnen konnte: 15.000 Dollar (12.450 Euro) und die Möglichkeit, seine ganze Familie an Bord mitzunehmen hatten die Menschenschmuggler für seine Dienste geboten.

Der Flüchtling aus Syrien willigte ein, mit drei weiteren Männern schiffte er sich auf der "Blue Sky M" ein, die mit seiner Mannschaft vor dem Hafen in Mersin nahe der syrischen Grenze ankerte. Nach zwei Tagen brachte ein Boot eine erste Flüchtlingsgruppe an Bord, nach vier Tagen zählte der Kapitän bereits 800 Menschen, berichtete "La Repubblica". Dann stach er in See.

Rani zufolge scheuten es die Schmuggler nicht, sogar auf Facebook für die Überfahrt zu werben: 5500 Dollar sollte die Reise nach Italien pro Person kosten. Einen zynischen Gruppenrabatt von 4500 Euro gab es beim "Einchecken" einer Gruppe ab 25 Menschen.

Vom Beginn der Reise bis zur Ankunft im italienischen Hafen fiel das Schiff durch das Raster der schlampigen Kontrollen von Behörden: Vor dem türkischen Mersin sei es Rani zufolge nie kontrolliert worden. Als es voll war, habe Rani persönlich die Route nach Italien festgelegt.

Vor Griechenland habe der 36-Jährige dann wegen der rauen See die Behörden um Erlaubnis gebeten, in einer Bucht Schutz zu suchen, was ihm erlaubt worden sei. Doch auch hier hätten Kontrolleure das Schiff nicht überprüft. Und das, obwohl die griechische Hafenpolizei die Schiffsführung kontaktierte, im Wissen, dass es mit Hunderten Flüchtlingen unterwegs war.

Als sich das Schiff Italien näherte, setzte Rani es mit sechs Knoten, etwa elf Stundenkilometer, auf Kurs. Mit Autopilot trieb es zur Küste. Daraufhin verließ Rani die Brücke, um sich unter die anderen Flüchtlinge zu mischen. So blieb er zunächst unerkannt.

Fünf Seemeilen (neun Kilometer) vor der italienischen Küste gelangten Mitglieder der Küstenwache von Helikoptern auf die Blue Sky M und übernahmen die Kontrolle. Am frühen Mittwochmorgen erreichte das Schiff mit fast 800 Flüchtlingen dann den Hafen Gallipoli. Ohne das Eingreifen der Küstenwache wäre das Schiff wohl aufgelaufen und gekentert.

Nach einem ähnlichen Muster hatten vermutlich die verantwortlichen Schmuggler auf der "Ezadeen" agiert - auch sie sollen sich unter die Flüchtlinge begeben haben, um so später unerkannt die Schiffe verlassen zu können.

Erst am Samstag waren schockierende Aufnahmen von dem schrottreifen Geisterschiff veröffentlicht worden: Die syrischen Flüchtlinge zahlten bis zu 8000 Euro für eine Überfahrt auf dem ehemaligen Viehtransporter - und lebten an Bord zusammengepfercht inmitten von Müllhaufen, Dreck und Fäkalien, wie eine Fotostrecke auf SPIEGEL ONLINE zeigt.

daf/AFP
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