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"Sole Survivors": Club der Überlebenden

Foto: Sal Veder/ AP

Einziger Überlebender von Flugzeugabsturz "Dieses Gefühl ist ein Monster"

70 Menschen starben, als eine Lockheed-Chartermaschine 1985 in Nevada abstürzte. Nur der damals 17-jährige George Lamson Jr. überlebte. Nach der Katastrophe plagten ihn Schuldgefühle und die immer wiederkehrende Frage: Warum ich? Nun sucht er Kontakt zu Schicksalsgenossen.

Der Himmel über Reno war klar, als Galaxy-Airlines-Flug 203 gegen ein Uhr nachts die Starterlaubnis erhielt. An Bord der Lockheed-Chartermaschine waren sechs Crewmitglieder und 65 Passagiere, Kurzurlauber aus Minnesota, sie wollten zurück nach Hause. Doch nur einer von ihnen sollte seine Heimat jemals wieder sehen.

Kurz nach dem Start spürten die Piloten ungewöhnliche Vibrationen, ausgelöst durch eine nicht richtig geschlossene Klappe. Sie schafften es nicht mehr, zum Flughafen zurückzukehren.

Sekunden vor dem Crash zog ein junger Mann auf Sitzplatz 6A die Knie an den Oberkörper und hielt die Arme vor das Gesicht. Als die Lockheed unweit des Airports zerschellte, wurde George Lamson Jr. aus der Maschine geschleudert. Als er auf einem Highway zu sich kam, war er noch immer auf seinen Sitz geschnallt.

Die vollbetankte Passagiermaschine ging sofort in Flammen auf. Zwei weitere Männer überlebten zunächst schwer verletzt, darunter George Lamsons Vater. Sie starben Tage später im Krankenhaus.

George Lamson Jr. überlebte als einziger den Absturz vom 21. Januar 1985 . Er kam mit Verbrennungen zweiten Grades, Prellungen und Risswunden davon. "Miracle Boy" wurde er genannt. "Der Wunderjunge" - das macht es für einen 17-Jährigen, der gerade seinen Vater verloren hat, nicht leichter.

Lamson tat sich schwer, das Unglück zu verarbeiten. Er schämte sich. Warum war er dazu bestimmt, zu überleben?

Für die Dokumentation "Sole Survivor" begab er sich auf die Suche nach Schicksalsgenossen. Menschen, die wie er als einzige einen Flugzeugabsturz überlebt haben. 14 von ihnen haben Lamson und Filmemacherin Ky Dickens weltweit ausgemacht. Zum Beispiel Bahia Bakari, die 2009 nach dem Absturz einer Yemenia-Maschine aus dem Indischen Ozean gerettet wurde. Lamson besuchte das Mädchen in Frankreich. Er sagt: "Das Treffen zeigte uns, dass wir nicht allein sind."

SPIEGEL ONLINE: Mr. Lamson, im Jahr 1990 - nur fünf Jahre nach dem Absturz - sind Sie von Minnesota nach Reno gezogen, ganz in die Nähe des Unglücksortes. Warum?

George Lamson Junior: Weil ich gute Erinnerungen an die Menschen dort hatte. Sie haben mich sehr nett behandelt, ich habe Freundschaften geschlossen. Ich hatte meinem Vater vor dem Absturz gesagt, dass ich eines Tages dorthin ziehen wolle. Aber meine Gesellschaft in dieser Zeit war für andere schwer auszuhalten. Meine Stimmung schwankte ständig. Ich wusste nicht, wie ich mit der Tragödie umgehen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es Ihnen in den ersten Jahren nach dem Unglück ergangen?

Lamson: Was passiert ist, war erdrückend. Ich kannte niemanden, der durchgemacht hat, was ich durchmachte. Ich orientierte mich an den Menschen in meinem Umfeld. In meiner Nachbarschaft lebten Veteranen aus dem Koreakrieg - ich sah, dass sie nicht über ihre Erfahrungen sprachen. Also unterdrückte auch ich meinen Schmerz und meine Traurigkeit. Ich versuchte so zu tun, als sei alles in Ordnung.

Flugzeugwrack in Reno, Nevada: "Ich unterdrückte meinen Schmerz"

Flugzeugwrack in Reno, Nevada: "Ich unterdrückte meinen Schmerz"

Foto: Sal Veder/ AP

SPIEGEL ONLINE: Das konnte nicht gutgehen.

Lamson: Ich schaffte zunächst sogar das College. Aber die Ferien nach dem ersten Semester waren schwierig, ich vermisste meinen Vater. Auch meine Mutter und meine Schwester litten sehr. Als im Januar 1986 die Challenger-Raumfähre zerbrach, löste das etwas in mir aus. Ich wurde depressiv und brach die Uni ab. Im Sommer bekam ich eine Entschädigung für das Flugzeugunglück, viel Geld. Das lenkte mich zwar ab, aber ich entwickelte mich in eine Richtung, die nicht gut war.

SPIEGEL ONLINE: Was geschah mit Ihnen?

Lamson: Das ist schwer zu beschreiben. Es ging nicht um Alkohol oder Drogen, aber ich habe mich zurückgezogen. Ich wollte nicht einmal einsehen, dass ich ein Problem habe. Ich fand es aufregend, an der Schwelle zum Tod zu stehen. Ich kletterte auf Brückengeländer und fuhr wie ein Verrückter mit 220 Kilometern pro Stunde Auto.

SPIEGEL ONLINE: Als ob Sie sich unverwundbar fühlten.

Lamson: Ein junger Mann, der sich selbst verliert. Nach einem Unfall, bei dem ich unverletzt blieb, hörte ich auf zu rasen. Ich wollte mich nicht umbringen, es ging um den Rausch. Jahre später habe ich verstanden, dass es vielen nach einer Tragödie so geht. Sie ziehen sich zurück, einige trinken oder nehmen Drogen. Man tut alles, um die Gedanken zu verdrängen, die einem nicht aus dem Kopf wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was war das bei Ihnen?

Lamson: Traurigkeit, Schuld, Verwirrung. Warum bin ich derjenige, der überlebt hat? Ich dachte: Da waren so viele Menschen in diesem Flugzeug, die etwas besseres aus ihrem Leben hätten machen können als ich aus meinem.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihnen geholfen?

Lamson: 1996 kam meine Tochter Hannah zur Welt. Ihre Geburt brachte mich auf den richtigen Weg. Vater zu sein ist wahrscheinlich die wichtigste Aufgabe, die ein Mann übernehmen kann. Meine Ehe scheiterte, aber Hannah lebt seit 2009 bei mir. Was mir auch geholfen hat, war Tagebuch schreiben. Das habe ich jahrelang getan, es gab mir eine Chance, mich auszudrücken. Ich musste lernen, dass mein Leben mir gehört, niemand anderem. Ich muss in der Lage sein, für mich selbst das Richtige zu tun. Das war eine harte Lektion.

SPIEGEL ONLINE: Man spricht in Fällen wie Ihrem von "Überlebensschuld". Können Sie das beschreiben?

Lamson: Das Gefühl ist ein Monster. Es verschwindet nicht, bis man sich ihm entgegenstellt. Ich habe mich den Menschen gegenüber schlecht gefühlt, die beim Absturz Angehörige und Freunde verloren haben. Ich konnte ihnen nicht unter die Augen treten. Ky Dickens hat dann ein Treffen arrangiert. Alle sagten mir, sie seien froh, dass ich am Leben bin und dass es mir gut geht. Mir fiel eine gigantische Last von den Schultern.

SPIEGEL ONLINE: Dachten Sie, die Leute wären wütend auf Sie?

Lamson: Nicht unbedingt wütend. Aber enttäuscht und vielleicht auch eifersüchtig, weil ihre Angehörigen nicht überlebt haben. Die Sorge war unbegründet. Die Angehörigen zu treffen, war sehr wichtig für mich. Und ich glaube, ihnen tat es auch gut.

"Sole Survivor" Cecelia Cichan im Oktober 1987: "Ich dachte lange, ich sei allein"

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Foto: AP/ Michigan Medical Center,

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es Ihnen heute?

Lamson: Ich fühle mich als besserer Mensch. Ich bin zuversichtlich, habe wunderbare Menschen in meinem Leben. Ich habe manchmal noch Alpträume oder bin plötzlich traurig. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, mit den Gefühlen besser umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie stehen in Kontakt mit anderen "Sole Survivors". Was versprechen Sie sich davon?

Lamson: Es fühlt sich gut an, mit jemanden zu sprechen, der das Gleiche durchgemacht hat. Ich wünschte, ich hätte das früher getan. Meine Erfahrungen können Hoffnung geben, dass es eines Tages wieder okay sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Um Bahia Bakari zu treffen, mussten Sie nach Frankreich fliegen. Haben Sie kein Problem damit, in ein Flugzeug zu steigen?

Lamson: Ich bin schon 1987 wieder geflogen. Um mich dabei nicht unwohl zu fühlen, habe ich fünf Flugstunden genommen. Das war wahrscheinlich noch in meiner Draufgängerphase. Aber es hat mir tatsächlich viel Angst genommen.


Ob die Dokumentation "Sole Survivor" auch in Deutschland zu sehen sein wird, ist noch unklar.

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