Gepanschter Alkohol in der Türkei Der Stoff, der Rafael das Leben kostete

Sie tranken gepanschten Wodka - und wussten nicht, dass sie sich vergifteten. Für Rafael N. endete die Klassenfahrt in die Türkei tödlich, zwei Kameraden sind in ernstem Zustand. Eine Tragödie wie bei der Lübecker Schulklasse kann sich jederzeit wiederholen. Denn Alkoholpanschen hat in der Türkei Methode.

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Hamburg/Istanbul - Der Stoff, der Rafael N. das Leben kostete, kommt tückisch harmlos daher. Methanol, das unter anderem als Treibstoff und Frostschutzmittel verwendet wird, ist von regulärem Alkohol kaum zu unterscheiden - berauscht aber weniger. Die Folgen können fatal sein: Denn wer sich nicht angetrunken fühlt, neigt dazu, noch ein paar Drinks mehr zu stürzen.

Zur tödlichen Gefahr wird Methanol erst dann, wenn die Leber mit seinem Abbau beginnt und dabei hochgiftige Ameisensäure produziert. Der Körper reagiert zunächst mit Bauchkrämpfen und Kopfschmerzen, eben typischen Kater-Symptomen. Ab einer gewissen Menge Ameisensäure im Blut versagen die Nieren, das Gehirn erleidet Schäden, bis hin zum Exitus.

Im Blut des am Freitagnachmittag beerdigten Schülers Rafael N., 21, stellten Rechtsmediziner 2,0 Promille Methanol fest. Zwei seiner ins Koma gefallenen Klassenkameraden, Jan L. und Jean-Pierre V., wurden am Donnerstag in einem Ambulanz-Flugzeug von ihrer All-Inklusive-Sause an der türkischen Riviera ins heimische Lübeck verfrachtet - auch sie hochgradig vergiftet durch offenbar gepanschten Fusel.

Methanol entsteht, wenn bei der Herstellung geschlampt wird. Was anfangs aussah wie die tragische, aber logische Folge des hemmungslosen Alkoholgenusses von außer Kontrolle geratenen Schülern, beschäftigt in der Türkei inzwischen nicht allein die Staatsanwaltschaft der Touristenmetropole Antalya: Der Fall schürt Ressentiments gegenüber Deutschland, er besorgt die Urlaubsindustrie des Landes und er befeuert eine nationale Debatte um die Besteuerung von harten Alkoholika sowie die Strafverfolgung von illegalen Schnapsbrennern.

Billard und Whisky-Cola

Dass die Mehrzahl der elf Schüler des Lübecker Bildungszentrums Mortzfeld (BZM) ihre Klassenreise nach Kemer auch als fröhliche Zechtour verstanden, steht nach diversen Aussagen der Beteiligen nicht in Frage. Dass der Trip für einen tödlich endete und der Zustand der zwei Koma-Patienten von den Ärzten weiterhin als ernst bezeichnet wird, hat jedoch mit Umständen zu tun, die einen dramatischen Schluss zulassen: So was kann sich täglich wiederholen.

In Antalya, Side, Bodrum und all den anderen sonnigen Flecken, an denen All-Inclusive-Resorts um die feierfreudige Kundschaft aus Deutschland, Großbritannien oder Russland buhlen.

Kemer ist ein beschaulicher Badeort, 45 Kilometer südwestlich von Antalya. Auf dem Atatürk-Boulevard reihen sich die Bettenburgen, darunter auch das "Anatolia Beach Hotel", ein schmuckloser Klotz mit grauen Fliesen und Gummipflanzen im Eingangsbereich. Jeder Gast bekommt ein gelbes Bändchen ums Handgelenk geschnürt.

An der Hotelbar türmen sich Wodkaflaschen der Billigmarke Borzoi, die Barkeeper fragen nicht nach dem Alter. Auch die jungen Deutschen aus Lübeck, die am vorletzten Sonntag im Anatolia Beach eincheckten, wissen das Alles-im-Preis-inbegriffen-Konzept der Anlage zu schätzen.

Die Sonne steht noch hoch, als einige von ihnen schon die ersten Biere trinken. Dennoch hält sich ihr Alkoholkonsum zunächst in Grenzen. Für den Mittwoch vergangener Woche beschließen die Jugendlichen indes, ausgiebig zu feiern - darunter Dustin K., 18, und Jan L., 19.

"Wir waren plötzlich superbreit"

Nach dem Abendessen spielen die beiden Freunde Billard, surfen im Internet. Zwischen neun und halb zehn Uhr wechseln sie an die Hotelbar und treffen Mitschüler, sie bestellen sich Wodka und Whiskey-Cola.

Die vier türkischstämmigen Mitschüler wollen feiern ohne zu trinken. Sie haben sich an einen Nebentisch gesetzt, spielen Rommé. Als ein Hotelangestellter die Gruppe um zehn Uhr bittet, die Bar zu verlassen, diskutieren die sieben deutschen Schüler mit dem Barkeeper. Sie einigen sich auf einen Deal: 25 Euro für zwei Flaschen Wodka und zwei Flaschen Pepsi-Cola.

Was nun, zwischen zehn und elf Uhr in der Hotelbar geschah, schildern die Schüler so: "Wir haben alle ein bis zwei Gläser Wodka-Cola getrunken, jeder eine Fifty-fifty-Mischung", so die polizeiliche Aussage von Dustin. Nur Rafael, Jan und Jean-Pierre schenkten sich noch ein drittes oder sogar viertes Glas. "Ich hätte vielleicht auch ein drittes Glas getrunken, aber ich durfte in der Bar nicht rauchen, ich musste immer wieder rausgehen", sagt Dustin. "Das Rauchen hat mir wohl das Leben gerettet."

Gegen elf Uhr wurde den Jugendlichen übel. Sie gingen auf ihre Zimmer. Vanessa, das einzige Mädchen in der Gruppe, berichtet, dass sie kurz blind gewesen sei. Ihr Mitschüler Hendrik B. sagt: "Nach den ersten Gläsern sind einige von uns schon durchgedreht. Wir waren plötzlich superbreit."

Die Schüler versuchen, Ihren Rausch auszuschlafen. Doch Jean-Pierre und Jan kommen nicht zur Ruhe, sie erbrechen sich mehrfach, bleiben den folgenden Tag auf dem Zimmer.

Gegen 17 Uhr fragt sich die Gruppe, was mit Rafael los sei. Der Lehrer Albrecht S., in Kemer die einzige Begleitperson der Schule, findet ihn auf dem Hotelzimmer. Rafael ist seit einigen Stunden tot.

Defensiver Umgang mit der Wahrheit

Ob es der Schock ist über die schreckliche Entdeckung oder ob sich ihr Befinden nochmals verschlechterte: Erst gut drei Stunden später schleppen sich Jean-Pierre und Jan ins "Anadolu"-Privatkrankenhaus von Kemer, das nur 200 Meter vom Hotel entfernt liegt; auf der Türschwelle wird Jean-Pierre bewusstlos. Der zuständige Arzt will einen Alkoholwert von 7,7 Promille festgestellt haben. Auch Jan ist benebelt, die Mediziner versetzen ihn ins künstliche Koma, sie messen bei ihm 5 Promille.

Kaum ist die Nachricht von Rafaels Tod in der Welt - und mit ihr die Vermutung, gepanschter Alkohol könne die Ursache sein -, kommentieren türkische Medien den Fall mit einem Reflex, der viel aussagt über das deutsch-türkische Verhältnis. "Wieder eine Verleumdungskampagne in Deutschland", schreibt etwa die Online-Zeitung "Turizmdebusabah", die schwerpunktmäßig über die Tourismusbranche berichtet. Auch Massenblätter wie die Tageszeitung "Milliyet" sind eindeutig im Ton: "Deutsche Jugendliche trinken sich zu Tode, die Medien beschuldigen die Türkei." Als das Ergebnis der Obduktion aus Deutschland veröffentlicht wird, fallen die türkischen Artikel darüber deutlich dezenter aus - wenn es der Presse überhaupt eine Meldung wert ist.

Einige der große Tageszeitungen wie "Sabah", die über den "Alkoholgenuss ohne Limit" der Deutschen berichtet hatten, erwähnen die Fortentwicklung mit keiner Zeile mehr.

Der defensive Umgang mit der Wahrheit scheint verständlich angesichts des Imageschadens, den die türkische Ferienindustrie befürchten muss, wenn sich unter deutschen Pauschaltouristen herumspricht, dass in der Türkei immer wieder Menschen sterben nach dem Konsum gepanschten Alkohols. Erst vor zwei Wochen verloren vier Männer in der westtürkischen Stadt Bursa ihr Leben. Und bei einer breit angelegten Razzia in Istanbul und Bursa fand die Polizei zuletzt 660 Flaschen gefälschten Whisky und Raki. "Der Handel ist voller Todesflaschen", berichtete der lokale Radiosender Olay FM.

Für die Panscher lohnt sich das Geschäft

Betrug im Geschäft mit dem Alkohol gibt es in allen Regionen der Türkei: Vor wenigen Wochen wurden in der osttürkischen Stadt Gaziantep vier Menschen wegen Verdachts auf Schwarzbrennerei verhaftet. Im westtürkischen Balikesir nahm die Polizei im Vorjahr 28 Menschen fest. Die Beamten hatten 16.000 Liter gefälschten Whisky gefunden, 10.000 Liter Wodka und unzählige gefälschte Verpackungen und Etiketten.

Für die Panscher lohnt sich das Geschäft vor allem wegen der hohen Alkoholsteuer. Die Türkei führte im vergangenen Jahr eine Zusatzsteuer auf Rohalkohol ein, auch um die Schwarzbrennerei einzudämmen. Doch die Kreativität der Kriminellen scheint größer als die Fachkunde der Strafverfolger. Osman Ünlü, Vorsitzender des Verbandes der Spirituosenhersteller, sieht die Behörden machtlos: "Es gibt keine Experten bei der Polizei, die feststellen können, ob es sich bei den Waren um Gepanschtes handelt oder nicht." Um leichter an den Grundstoff Ethylalkohol zu kommen, haben sich manche Schwarzbrenner als "medizinische Fabrik" getarnt.

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