Geschichte einer Scheinehe Der Trau-Schein

Es gibt viele Gründe zu heiraten: Liebe, Torschlusspanik, Steuern - aber auch Solidarität. Mit Flüchtlingen und Migranten, denen eine Abschiebung droht. Scheinehe heißt das im Beamtendeutsch, Schutzehe nennen es die Aktivisten. Die Geschichte eines Mannes, der sich entschloss zu heiraten, um zu helfen.
Goldene Eheringe: Warum sollen nur binationale Paare auf Romantik geprüft werden?

Goldene Eheringe: Warum sollen nur binationale Paare auf Romantik geprüft werden?

Foto: dapd

Wer eine Scheinehe eingeht und angezeigt wird, muss mit einer Haftstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe rechnen. Thomas*, 31 Jahre alt, hat es trotzdem gemacht: Er hat geheiratet - aus Solidarität. Die Geschichte seiner Entscheidung:

"Miro* und ich haben uns in meiner Küche kennengelernt. Ich war nervös, als er sich zusammen mit einem Freund an den großen Holztisch setzte, habe sofort Kaffee gemacht und ihn kaum angeschaut. Das war er: Miro, mein Zukünftiger.

Eine Freundin hatte ein paar Wochen zuvor in ihrem Umfeld herumgefragt, wer eine Schutzehe eingehen würde. Wer also bereit wäre, einen jungen Mann zu heiraten, dessen Aufenthaltsstatus abläuft.

Ich war es. Ich hatte mich schon vor dem Blind Date in meiner Küche für die Heirat, in unserem Fall die eingetragene Lebenspartnerschaft, entschieden - unabhängig davon, wie Miro sein würde. Es ging mir nicht darum, ihn kennenzulernen und zu testen. Viel mehr wollte ich ihm gleich beim ersten Treffen vermitteln, dass er nichts zu leisten hat. Dass ich etwas Selbstverständliches mache. Ich hatte Angst, dass er dankbar sein könnte, und wollte zeigen, dass wir zwei Personen sind, die gemeinsam einen Deal haben, einer Sache wegen.

Die Sache: Unser Widerstand gegen eine von außen vorgegebene Hierarchie. Ich, der Deutsche, der qua Geburt das Recht bekam, sich überall frei zu bewegen und aufzuhalten so lange er will, und Miro, der dort, wo es sich angenehm lebt, in Europa, nicht erwünscht ist. Diese Hierarchie steht für den globalen Rassismus. Und die Schutzehe ist eine Taktik, die rassistischen Regeln des Bleiberechts zu unterlaufen.

Ist das vielleicht eine Scheinehe?

Viel Zeit zum Austausch über unsere politische Haltung blieb uns aber nicht. Miro war zwar ruhig und sachlich, doch der Druck war zu spüren. Wir mussten die nächsten Schritte sorgfältig organisieren. Wenn einer der beiden Partner kein Deutscher ist, werden die Behörden schnell misstrauisch: Ist das vielleicht eine Scheinehe? Will diese Person heiraten, um langfristig bleiben zu dürfen? Uns war klar: Dann hat Miro keine Chance. Und nur ein Monat blieb uns, bis sein Visum ablaufen sollte.

Wir durften in der Öffentlichkeit nicht über unseren Plan sprechen und auch nur unseren engsten Bekannten davon erzählen. Wir machten einen Termin zur Beratung mit einer Anwältin aus der antirassistischen Szene. Und die meinte zum Beispiel: Wenn ihr offiziell nicht zusammen wohnt, werdet ihr leichter verdächtigt. Beamte können unangemeldet zu Besuch kommen und die Wohnung inspizieren. Deshalb meldeten wir gleich Miros Wohnung als unsere gemeinsame an. Ich schlief zwar weiter in meiner normalen Wohnung, gab aber Miros Adresse als meine offizielle Anschrift an, stellte mein Foto auf Miros Bettkästchen und auch eine extra Zahnbürste neben sein Waschbecken. Wenn uns die Behörden auf die Schliche gekommen wären, hätte ich ein Bußgeld zahlen und meine Zahnbürste einpacken müssen, Miro aber hätte seinen Lebensraum verloren.

Schon im Einwohnermeldeamt war es wichtig, wie ein Pärchen zu wirken. Mir war das zuerst unangenehm, doch mit Miro klappte es: Wir waren entspannt, unaufgeregt und haben uns ab und zu angelächelt - ganz professionell. Es war ein Schauspiel, eine Strategie. Beim Treffen zuvor hatten wir zusammen auf den Hockern in seinem Schlafzimmer gesessen und vereinbart, wie unsere gemeinsame Geschichte bei Nachfragen von Beamten lauten müsste. Wir hatten uns darauf geeinigt, uns in seinem Herkunftsland in einer Kneipe kennengelernt zu haben, ich als Rucksacktourist, er bei einem Feierabendbier.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland hätten wir beide starken Liebeskummer gehabt und uns E-Mails geschrieben. Bis er herkommen, wir uns wiedersehen und das gemeinsame Leben hier hätten testen können. Miro war mir immer sympathischer geworden, während wir unsere Liebesgeschichte entwarfen. Aber an erster Stelle stand, die Formalia gut zu regeln. Wir sprachen kaum über seine tatsächlichen Gründe dafür, nach Deutschland zu kommen. Darum ging es mir ja auch nicht. Es ging darum, ihm das Leben hier zu ermöglichen.

Warum sollen nur binationale Paare auf Romantik geprüft werden?

Endlich konnten wir auf das Standesamt. Wir wussten: Hier muss es auf Anhieb klappen, einen Heiratstermin zu bekommen. Sonst wäre es zu spät. Wir waren auf die Fragen vorbereitet. Auch auf intime Fragen, die kein Beamter je einem deutsch-deutschen Paar stellen würde, wie: 'Wer von Euch beiden trägt den Müll runter?' Die Ausländerbehörden spannen die Standesbeamten ein, sie fordern sie dazu auf, Paare besonders zu prüfen, wenn Menschen mit Migrationshintergrund heiraten wollen. Die Beamten müssen sich an diese Vorgaben halten, aber denken sich vielleicht selber auch: Warum sollen nur binationale Paare auf Romantik geprüft werden und nicht die, die aus Steuergründen vor den Altar ziehen?

Ich als Deutscher musste bloß meinen Personalausweis und meine Meldebescheinigung mitnehmen. Miro hatte seine Meldebestätigung, seine Geburtsturkunde und eine Heiratserlaubnis aus seiner Heimat dabei - all die notwendigen Papiere, das hatten wir sorgfältig geprüft. Die Frau im Büro sah den Stapel durch. Warum blätterte sie so langsam? Ich spürte Miros Hand in meiner, den Schweiß, den die Aufregung in sie trieb. Die Frau musste uns einen Termin geben, sie musste, dachte ich. Sie sah wieder hoch: 'Da fehlt die Erlaubnis seiner Eltern', sagte sie zu mir. Die Erlaubnis der Eltern? Das war absurd! Ganz kurz hatte ich den Impuls, sie zu bitten, doch einfach von den Regelungen abzusehen. Doch der Rat von Miros Freund hallte in meinem Kopf: 'Bei den Behörden dürft Ihr es nie über Empathie versuchen.'

Wir traten aus dem Büro, standen im Flur, schauten uns an, schauten auf die Tür zum Nachbarbüro und klopften einfach an. Da saß ein Mann hinter dem Schreibtisch, der uns spontan sprechen ließ. Wir sagten, dass wir schnell einen Termin bräuchten, unbedingt heiraten wollen. Er stellte keine Fragen, sah unsere Papiere durch. Ich glaube, der Typ fand eingetragene Lebenspartnerschaften gut, oder er hatte einen guten Tag. Er sagte, er würde uns trauen, er wollte unser Standesbeamter sein!

Wir hatten oft Geschichten von der Schikane der Beamten gehört und sie ja auch im Fall der Frau zuvor zu spüren bekommen. Dass es doch noch klappte, das war Willkür und unser Glück. Innerlich habe ich gejubelt. Miro und ich grinsten uns an. Der Typ hinter dem Schreibtisch gab uns eine Bescheinigung mit, die wir bei der Ausländerbehörde vorlegen mussten. Das war die zentrale Bescheinigung, das Papier, das eine Ausweisung verhindern würde.

Die Hochzeit war ein kleines Fest, sogar ein paar Luftballons und Sekt brachten unsere Gäste ins Standesamt mit. Wir hatten die Freunde eingeladen, die uns begleitet hatten. Miros und meine 'Ehe' verlief gut: Die Beamten ließen uns in Ruhe, wir sahen uns einmal im Monat und tauschten Post aus, er baute sein Leben hier weiter auf. Nach drei Jahren bekam er eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und wir haben uns scheiden lassen. Miro kann nun erst mal bleiben, so lange er will. Und ich heirate vielleicht bald wieder."

*Name von der Redaktion geändert
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.