Gestorbener Schüler Beamte rätseln über Ursachen des tödlichen Trinkgelages

Alkoholexzess in Antalya: Während eine Reise in die Türkei betranken sich Schüler eines Lübecker Berufsbildungszentrums so heftig, dass einer von ihnen starb. Zwei weitere Beteiligte liegen noch immer im Koma. Lehrer, Ärzte und Ermittler suchen nun nach Ursachen.


Istanbul/Lübeck - Für die Schüler des Berufsbildungszentrums Mortzfeld war es eine traurige Heimkehr, als sie vergangenen Samstag von einer gemeinsamen Reise nach Antalya ins heimatliche Lübeck zurückkamen.

Die vier jungen Erwachsenen und ihr 55-jähriger Lehrer werden sich jetzt den vielen Fragen stellen müssen, denn nur ein Teil der Gruppe kehrte wohlbehalten aus dem Türkei-Kurzurlaub zurück.

Jugendlicher beim Alkoholkonsum: "Der Tote wurde mit mehr als sieben Promille eingeliefert"
DDP

Jugendlicher beim Alkoholkonsum: "Der Tote wurde mit mehr als sieben Promille eingeliefert"

Einer der jungen Männer ist tot, sechs weitere liegen in einem türkischen Krankenhaus, der Zustand von zwei der Jugendlichen gilt als äußerst kritisch: Die Schüler hatten in der Nacht zum vergangenen Donnerstag gemeinsam ein Trinkgelage veranstaltet und dabei, nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen, so viel Alkohol konsumiert, dass der 21-jährige Rafael N. am nächsten Morgen tot aufgefunden wurde - mit ungefähr sieben Promille im Blut.

Es war offenbar nicht das erste Mal, dass auf der Reise Alkohol im Spiel war: Die Gruppe traf am Sonntag (22. März) im Urlaubsort Kemer nahe Antalya ein und war im "Anatolia Beach Hotel" untergebracht. Nach Berichten von Mitschülern soll bereits am Abend der Ankunft viel Alkohol konsumiert worden sein. Der begleitende Lehrer sprach schließlich am Mittwoch ein Verbot aus - woran sich die jungen Männer nicht hielten. Sie sollen sich in einem Laden unweit des Hotels Wodka besorgt haben. Am Mittwochabend kam es zu dem exzessiven Gelage, das erst in den frühen Morgenstunden endete.

Tot in seinem Bett

Als Rafael N. am folgenden Vormittag nicht zur Gruppe stieß, klopfte man wiederholt an seine Zimmertür - keine Reaktion. Nach Rücksprache mit der Hotelleitung wurde die Tür schließlich gewaltsam aufgebrochen - der 21-Jährige lag tot in seinem Bett. Sechs seiner Mitschüler, alle zwischen 18 und 21 Jahre alt, sei so schlecht gewesen, dass man den Notarzt alarmiert habe.

Rüdiger Knoll, stellvertretender Leiter des Schulzentrums Mortzfeld, zeigt sich nun bestürzt und ratlos. Die Klasse, die seit vergangenem August auf den Realschulabschluss hinarbeite, sei bislang als "leistungsstarke, positive Gruppe" mit "vorbildlicher Einstellung und Disziplin" aufgefallen, ihr sehr erfahrener Klassenlehrer als "strikt" bekannt. "Wir kriegen das nicht zusammen - diese Klasse, dieser Kollege und dieses Ereignis", sagte Knoll.

Der Zustand der beiden noch im Koma liegenden Jugendlichen sei, so Knoll, "sehr, sehr ernst", zwei weitere konnten mittlerweile immerhin von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt werden. Inzwischen sind auch Familienangehörige der jungen Männer in die Türkei gereist.

Die Lübecker Schulleitung geht nun offenbar von einer Methylalkoholvergiftung der sieben betroffenen Schüler durch gepanschte Getränke aus. Nach Angaben von Eltern hätten türkische Ärzte eine Methylalkoholvergiftung bestätigt, sagte Knoll. Darauf deuteten auch die bei den Betroffenen aufgetretenen Sehstörungen hin.

"Mehr als sieben Promille"

Der Chef des Anadolu-Krankenhauses in Antalya, Irfan Erdogan, wollte dies nicht bestätigen. Ihm lägen derzeit keine Hinweise darauf vor, dass der von den Jugendlichen konsumierte Alkohol gepanscht gewesen sein könnte, sagte Erdogan. "Der Tote wurde mit mehr als sieben Promille eingeliefert. Bei den anderen war es weniger. Das zeigt uns, dass hier nicht gepanschter Alkohol das Problem war."

Osman Kafadar, Hoteldirektor des "Anatolia Beach" in Kerem, sagte, er glaube nicht, dass die Alkoholvergiftungen etwa mit gepanschtem Schnaps zu tun haben könnten. Er verwies auf Berichte, wonach die Gruppe nicht nur Alkohol getrunken habe, sondern auch Drogen genommen haben könnte. In dem vor drei Jahren eröffneten Hotel habe es bisher "keine derartigen Zwischenfälle" gegeben, sagte Kafadar.

Die Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Untersuchungen werden in den kommenden Tagen erwartet. Auch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die Medienberichten zufolge Alkoholflaschen im Zimmer der Deutschen sichergestellt hatte, sind noch nicht abgeschlossen.

Als "erschreckend" bezeichnete Lübecks Oberbürgermeister Bernd Saxe (SPD) die Tatsache, dass "auf Klassenfahrten so viel Alkohol getrunken werden kann, dass anschließend Menschen sterben". Er forderte die Landesregierung von Schleswig-Holstein auf, zu prüfen, wie es auf einer Klassenfahrt in Begleitung eines Lehrers zu einem solchen Vorfall kommen könne.

Die Lübecker Schule hat sich nach Angaben ihres stellvertretenden Leiters indes einen türkischen Anwalt genommen, um über den Stand der Ermittlungen auf dem Laufenden zu bleiben. Daneben stehe an der Schule jetzt die seelische Aufarbeitung im Mittelpunkt, sagte Knoll. Im Laufe der Woche sei ein ökumenischer Gottesdienst geplant.

pad/AFP/dpa



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