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21. Oktober 2011, 06:44 Uhr

Gewalt gegen Schiedsrichter

Der Ball ist rund, der Hass groß

Von Benjamin von Brackel

Schiedsrichter werden beleidigt, bespuckt, bedroht. Die Gewalt auf Berliner Fußballplätzen eskaliert. In dieser Saison wurden bereits vier Unparteiische angegriffen. Sie wehren sich - und gehen nun zum Gegenangriff über.

Berlin - Die Spieler des TSV Helgoland trotten mit ernster Miene auf den Kunstrasenplatz im Süden Berlins. Kurz vor dem Anpfiff bilden sie einen Kreis, fassen sich an den Schultern und stecken die Köpfe zusammen. "Der Schiri ist tabu", beschwört Kapitän Hasan Demir seine Mannschaft. "Was er pfeift - akzeptieren und weiterspielen!"

Die Spieler der Seniorenmannschaft auf dem Stadtteil Tempelhof halten sich daran. Das Pokalspiel gewinnen sie 6:2. Nach der Partie stellt sich der Schiedsrichter mit Zigarette und Berliner Kindl in der Hand zur Mannschaft. Trotz des Sieges will sich aber keiner wirklich freuen.

Es ist das erste Pflichtspiel nach dem fatalen Auswärtsspiel in Friedrichshain Ende September. Dem Tag, als Schiedsrichter Gerald Bothe in der 85. Minute erst die Gelbe, dann die Rote Karte aus der Tasche zog, weil Helgoland-Stürmer Hakan Güngör gemeckert hatte. "Ich dachte erst, er geht einfach vom Platz", erinnert sich Vereinschef Marcus Becker. Doch der 38-jährige Güngör marschiert direkt auf den Schiedsrichter zu und schlägt ihm die Faust ins Gesicht. Bothe sackt zusammen, verliert das Bewusstsein und verschluckt die Zunge. Ein Spieler der Gegenmannschaft leistet erste Hilfe.

Helgoland-Kapitän Hasan Demir traut erst seinen Augen nicht. Seit 30 Jahren spielt er Fußball, der Verein ist wie eine große Familie für die Spieler, von denen einige Bauchansatz oder lichtes Haar zeigen und ihre kleinen Söhne zu den Spielen mitbringen. Und dann das.

Demir geht auf Güngör zu: "Warum machst du sowas?"

"Weiß nicht, ich hatte ein Blackout, ich weiß nicht, was ich getan habe", sagt Güngör. In seiner Familie soll es mehrere Trauerfälle gegeben haben. Zehn Minuten steht er noch am Spielfeldrand, während Schiedsrichter Bothe ins Krankenhaus abtransportiert wird. Dann geht er in die Kabine, die Polizei holt ihn ab. Inzwischen hat ihn das Sportgericht auf die "schwarze Liste" gesetzt: lebenslang gesperrt.

Die Unparteiischen fordern eine härtere Gangart gegen die Angreifer

Acht Spiele wurden in der noch jungen Saison bereits abgebrochen, viermal wurden Berliner Schiedsrichter angegriffen. Gewürgt, geschlagen, mit einer Kopfnuss von hinten traktiert. Gerald Bothe war im April schon einmal attackiert worden. Auch damals auf dem Laskersportplatz in Friedrichshain: Ein Spieler hatte ihn beleidigt, der Torwart der Gästemannschaft wollte ihn verprügeln, weil er eine Rote Karte bekommen hatte, und wieder ein anderer Spieler wollte die Gelbe Karte aus seiner Hand schlagen, woraufhin er Bothe im Gesicht traf.

Der jüngste Angriff war noch einmal eine Steigerung: Im Krankenhaus musste der 50-Jährige wegen eines Schädel-Hirn-Traumas und eines Blutgerinnsels im Kopf behandelt werden. Noch heute sieht er vieles doppelt.

Doch nun wehren sich die Unparteiischen. "Das Maß ist voll!", heißt es in einem Brandbrief des Schiedsrichterausschusses. Der fordert eine härtere Gangart mit den Angreifern auf dem Platz. Und droht damit, zu manchen Spielen gar keine Schiedsrichter mehr zu schicken - als letztes Mittel, sollte die Gewalt anhalten. "Es wäre verheerend, wenn wir Schiedsrichter uns aus Angst vor Gewalt nicht mehr trauen würden, unsere Wahrnehmungen [...] in entsprechende Entscheidungen umzusetzen", warnt Präsidiumsmitglied Bodo Brandt-Chollé. "Das wäre der Tod des Fußballs!"

Gewalt auf Berliner Fußballfeldern ist an sich nichts Neues. Im vergangenen Jahr war es zu mehreren Massenschlägereien auf den Plätzen gekommen. Anfang dieses Jahres ging es gleich weiter: Zuschauer stürmten während eines Bezirksligaspiels in Kreuzberg auf den Rasen und bedrohten die Spieler. Später lief ein Mann mit Machete in der Hand auf das Spielfeld. Damals blieben Verletzte aus.

Der Fußballplatz als Austragungsort sozialer Konflikte

Was sich zu Beginn der Saison nun ballt, ist die Gewalt gegen Schiedsrichter. Vier Angriffe erscheinen nicht viel - verglichen mit den etwa 1500 Spielen, die jedes Wochenende in den Berliner Ligen bestritten werden. Trotzdem ist die Intensität der körperlichen Attacken auffallend. Und diese sind ohnehin nur die Spitze des Eisbergs: Schiedsrichter werden beleidigt, bespuckt, bedroht. "Davon redet ja kaum noch jemand", sagt Brandt-Chollé. Der Ton auf dem Platz werde ruppiger, berichten viele Berliner Schiedsrichter. Vor allem die Eltern von jungen Spielern zeigen Ehrgeiz und pöbeln die Schiedsrichter an. Von den Vereinsfunktionären bleibt die Unterstützung oft aus - oder sie schimpfen mit. "Der respektlose Umgang greift um sich", sagt Brandt-Chollé.

Erste Gegenmaßnahme: Am Wochenende vom 21. bis zum 24. Oktober werden alle Spiele von den Jugendligen bis zur Berlin-Liga für fünf Minuten unterbrochen. Die Schiedsrichter gehen in der Zeit in die Kabinen, und Anti-Gewalt-Flyer werden verteilt. Den Spielern, Funktionären und Fans soll damit vor Augen gehalten werden, worum es auf dem Platz eigentlich geht: Fußball ist nur ein Spiel.

Doch vor allem in den Großstädten gilt das längst nicht mehr. "Fußball ist ein Brennglas unserer Gesellschaft", sagt der Sportwissenschaftler Gunter Pilz. "Und Berlin ist ein besonderer Schmelztiegel mit geballter sozialer Problemlage." An der Leibniz Universität Hannover forscht Pilz seit Jahren zur Gewalt im Sport. Seine These: Der Fußballplatz dient als Austragungsort sozialer Konflikte. Wer sich im wahren Leben ausgegrenzt fühlt, wer keine Arbeit hat, die Miete nicht zahlen kann oder Angst vor der Zukunft hat, der kompensiert das auf dem Platz. Wenn es auch dort nicht läuft, suchen sich die Spieler einen Schuldigen, um ihren Frust abzulassen. Niemand bietet sich da besser an als der Schiedsrichter. Denn mit jeder Entscheidung verschafft er der einen Mannschaft einen Vor- und der anderen einen Nachteil.

Pilz warnt aber davor, die Schuld an der Gewalt im hohen Migrantenanteil von Städten wie Berlin zu suchen. Statistiken hätten zwar gezeigt, dass Fußballer mit Migrationshintergrund überproportional oft handgreiflich werden. Jedoch gingen dem in den meisten Fällen massive Provokationen anderer Spieler voraus. Bei den Beleidigungen wiederum lägen deutsche Spieler überproportional weit vorne.

Wie lässt sich die aggressive Grundstimmung bekämpfen?

Ein weiteres Problem: Viele Amateure kennen die Regeln kaum und können die Entscheidungen des Schiedsrichters gar nicht begreifen. Pilz ließ einmal Fußballer in Jugendmannschaften befragen. Das Ergebnis: Abgesehen von den Grundregeln kannten sich die wenigsten genauer aus. Doch auch wer die Regeln kennt, folgt ihnen oft nicht. Aus einfachem Grund: "Der Schiedsrichter ist die Instanz, die den Spieler von der Verantwortung entlastet, Regeln einzuhalten", sagt Pilz.

Überfordert sind auch die Schiedsrichter, vor allem die jungen. Zu den unterklassigen Spielen fahren sie alleine - Assistenten samt Linienrichtern gibt es erst ab der Landesliga. Vielen Schiedsrichterkandidaten fehle eigentlich die Zeit oder Lust, sagt Brandt-Chollé. Aber aus Mangel an Personal werden auch sie eingesetzt. Etwa 1100 Schiedsrichter gebe es in Berlin. Das Problem: Es kommen mit etwa 200 neuen im Jahr nicht genug nach, und es hören zu viele auf. "Wenn die Stimmung besser wäre, würden es auch wieder mehr werden."

Doch wie lässt sich die aggressive Grundstimmung bekämpfen? Eine Möglichkeit sind Geldstrafen. Seit Saisonbeginn muss jeder Spieler des TSV Helgoland in die Mannschaftskasse einzahlen, der wegen Meckerns die Gelbe Karte bekommen hat. Die Maßnahme hatte zunächst Erfolg, die Büchse blieb leer. Doch den Ausraster von Stürmer Güngör konnte das auch nicht verhindern.

Gewaltforscher Pilz schlägt vor: Ein Fußballer dürfe nur in einer Meisterschaftsrunde spielen, wenn er schon einmal als Schiedsrichter gepfiffen habe. Damit würden zwei Probleme beseitigt: Spieler lernten erstens die Regeln kennen und könnten sich zweitens besser in die Rolle des Schiedsrichters hineinversetzen.

Auch Gerald Bothe hält das für eine gute Maßnahme. Der Angriff hängt ihm noch nach. Doch er will weitermachen. "Nichts macht mir so viel Spaß wie die Schiedsrichterei", sagt er. Seit 13 Jahren leitet er Spiele, davor war er Trainer und Geschäftsführer eines Berliner Vereins. Inzwischen hat er wieder eine Partie gepfiffen - erneut auf dem Laskerplatz in Friedrichshain. Die Freizeitliga-Spieler wussten, was passiert war. Trotzdem stellte sich ein Spieler "Nase an Nase" an ihn heran und sagte, er habe ja keine Ahnung, was er da pfeife. Bothes 28-jähriger Sohn sah sich das von der Seitenlinie aus an. "Er war erschüttert, was dort abgeht."

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