Erziehungsstudie Schläge »bei erschreckendem Teil der deutschen Bevölkerung« verbreitet

Jeder Zweite hält einen Klaps auf den Po für angebracht, jeder Sechste sogar Ohrfeigen: Eine Studie offenbart, dass die Anwendung von Gewalt in der Erziehung noch immer weitverbreitet ist.
Gewalt in der Erziehung (Symbolbild): Für viele Menschen kein Tabu

Gewalt in der Erziehung (Symbolbild): Für viele Menschen kein Tabu

Foto: Evgen Prozhyrko / Getty Images / iStockphoto

Fast jeder zweite Deutsche lehnt körperliche Bestrafung bei der Kindererziehung nicht komplett ab. Das ergab eine Umfrage des Uniklinikums Ulm im Auftrag des Deutschen Kinderschutzbundes und Unicef. Einen »Klaps auf den Hintern« finden demnach knapp die Hälfte der Befragten nicht problematisch, eine Ohrfeige ist für jeden Sechsten in Ordnung.

Die Studie über Einstellungen zu Körperstrafen und elterlichem Erziehungsverhalten ergab, dass insbesondere das Ausmaß und die negativen Folgen psychischer Gewalt gegen Kinder bis heute weitgehend unterschätzt würden. Allerdings ist auch der Anteil der Menschen, die Gewalt in der Erziehung anwenden oder als angebracht ansehen, laut der Studie seit dem Jahr 2000 deutlich gesunken. Vor 20 Jahren war in Deutschland das Recht jedes Kindes auf gewaltfreie Erziehung in Kraft getreten. Insbesondere leichtere Körperstrafen bleiben aber »bei einem erschreckenden Teil der deutschen Bevölkerung« weiter verbreitet, wie die Initiatoren der Untersuchung erklärten .

Eigene Erfahrungen spielen eine Rolle

Bei der Untersuchung stellte sich unter anderem heraus, dass Befragte mit eigener Gewalterfahrung im Kindesalter Körperstrafen in der Erziehung eher zustimmen als ohne Gewalt aufgewachsene Menschen. So ist die Wahrscheinlichkeit, der Aussage »Ein Klaps auf den Hintern hat noch keinem Kind geschadet« zuzustimmen, bei der Gruppe mit eigenen körperlichen Gewalterfahrungen fast 16-mal so hoch wie bei den anderen Menschen.

Zudem ist der Studie zufolge die Zustimmung zu Körperstrafen bei Männern größer als bei Frauen. Auch lehnten ältere Befragte Körperstrafen als Mittel der Erziehung seltener ab als jüngere. Befragte über 60 Jahren hielten zu 65 Prozent den »Klaps auf den Hintern« für angemessen, Befragte unter 31 Jahren stimmten dem nur zu 45 Prozent zu.

Angesichts der Studienergebnisse forderten die Initiatoren, das Bewusstsein für alltägliche Gewalt gegen Kinder zu schärfen sowie das Recht auf gewaltfreie Erziehung auf allen gesellschaftlichen Ebenen umzusetzen. Notwendig seien eine Stärkung der Kinderrechte unter anderem durch deren Aufnahme ins Grundgesetz, nachhaltige Aufklärungskampagnen über Ausmaß und Folgen von Gewalt gegen Kinder sowie eine verbesserte Datenlage.

Für die Untersuchung befragte ein Forschungsteam der Ulmer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie im Frühjahr 2500 repräsentativ ausgewählte Menschen.

lmd/bbr/AFP/dpa
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