Gewaltopfer Schmerz, ein Leben lang

Jan Keller hilft einem Mann, der von Jugendlichen verprügelt wird - und wird selbst zum Opfer der Schläger. Der Angreifer muss ins Gefängnis, inzwischen hat er seine Strafe verbüßt. Doch Keller leidet immer noch an den Folgen, er hat lebenslänglich bekommen. Vom Täter.

Jugendgewalt (Symbolbild): "Der Tag X, wo man hätte tot sein können"
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Jugendgewalt (Symbolbild): "Der Tag X, wo man hätte tot sein können"

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Hamburg - Jan Keller*, 53, sitzt in seinem Wohnzimmer im Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg. Er sagt: "Das bleibt immer hängen - der Tag X, wo man hätte tot sein können." Er sagt: "Wenn ich aufstehe und in den Spiegel gucke, denke ich daran." Er sagt: "Das bestimmt ständig den Alltag."

"Das" ist der Moment, in dem aus dem Kraftfahrer Keller das Opfer Keller wird.

Eigentlich ist Keller Risiken gewohnt. Mit seinem Lastwagen transportiert er Gefahrengüter. Gefahren gehören zu seinem Alltag, sie lassen sich kalkulieren. Keller ist kein ängstlicher Mensch.

Am 12. April 2008 hat er die Gefahr nicht kommen sehen. Die Tat passierte völlig unvermittelt. Willkürlich. Ein Angriff von hinten. Unkalkulierbar. Seither ist sie allgegenwärtig für Keller.

Es ist ein schöner Frühlingstag, ein Samstag. Keller ist einer von fast 55.000 Zuschauern bei der 0:1-Niederlage des Hamburger SV gegen Duisburg. Es ist etwa 22 Uhr, als er an der Endhaltestelle Mümmelmannsberg die U-Bahn verlässt. Vom Bahnsteig führt eine Treppe in eine Vorhalle. Dort bemerkt Keller zwei Jugendliche. "Zuerst dachte ich, die treten gegen die Wand." Dann sieht er einen Mann am Boden liegen, auf den die beiden eintreten, "so richtig karatemäßig, das war die volle Brutalität", sagt Keller, ein kräftiger Mann, kurze Haare, Halbglatze, raue Stimme.

Rechte Gesichtshälfte komplett zertrümmert

"Wenn die weitermachen, hauen die ihn tot", habe er gedacht. Er geht dazwischen, schubst einen Jugendlichen fort, der andere hat bereits vom Opfer abgelassen. Die Angreifer ziehen sich zurück, der Mann rappelt sich auf und geht. Keller hat nie wieder etwas von ihm gehört.

"Für mich war damit der Fall erledigt", sagt Keller. Doch nicht für einen der Jugendlichen. Keller geht weiter, Richtung Ausgang, der 18-Jährige holt ihn ein. Aus zwei Metern Entfernung wirft er Keller einen Pflasterstein an den Kopf.

Seine rechte Gesichtshälfte wird komplett zertrümmert. Die Wucht des Wurfs ist so stark, dass der Stein von Kellers Kopf abprallt und die zwei Zentimeter dicke Glasscheibe einer Vitrine zertrümmert. Die Jugendlichen hatten mit dem Brocken schon auf den anderen Mann geworfen, ihn aber verfehlt.

Überwachungsvideos zeigen, wie Keller sich nach dem Angriff mit der Hand das blutende Gesicht hält, erst taumelt, dann zu Boden geht. Das gesamte Geschehen dauert nur Sekunden. Es verändert ein Leben.

Keller hat keine Chance. "Wenn jemand von vorne kommt, kann man ja noch eine Schutzbewegung machen", sagt er.

Ärzte setzten rechte Gesichtshälfte wie ein Puzzle zusammen

Nach dem Steinwurf verliert er das Bewusstsein. Der 18-jährige Täter und sein Kumpan rennen weg. "Der hat wahrscheinlich gehört, wie das in meinem Gesicht knackte", sagt Keller. Kiefer, Nase, Jochbein gehen zu Bruch. "Ich hatte so ein Glück, dass ich mein Augenlicht nicht verloren habe", sagt der 53-Jährige. Hätte ihn der Stein zwei Zentimeter näher an der Schläfe getroffen, wäre er jetzt tot.

Es folgt eine fünfstündige Operation - die erste von insgesamt fünf. Ärzte fügen die Gesichtshälfte wie ein Puzzle zusammen. Ganz gelingt es nicht: Der Oberkiefer ist stark beschädigt, noch immer klafft ein Loch im Knochen.

Zwei Wochen bleibt Keller im Krankenhaus. Mehrere Monate kann er nicht arbeiten. Auch nachdem er wieder in den Betrieb geht, muss er immer wieder aussetzen - manchmal Tage, manchmal Wochen.

Keller hat bis heute weniger Gefühl im Gesicht als früher, ständig empfindet er Druck und stechenden Schmerz, nimmt starke Tabletten. Es ist ihm nicht anzusehen, dass in seiner rechten Gesichtshälfte einmal fünf Metallplatten und 21 Schrauben steckten.

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