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Chemiewaffen: Gift in der Heide

Foto: © Fabian Bimmer / Reuters/ REUTERS

Kampfstoff-Entsorgung Von Syrien in die Heide

Der Bundestag entscheidet über die deutsche Beteiligung an der Vernichtung syrischer Chemiewaffen. Im niedersächsischen Munster warten Kampfmittelvernichter auf die Ankunft von Senfgas-Resten aus dem Krisenland. Nervös? Aber nicht doch.

Mitten in der Heide, aber weit weg von allem, liegt das niedersächsische Munster. 6700 Soldaten leben hier, es gibt ein Panzermuseum, riesige Truppenübungsplätze, ein "Hotel Grenadier" - und es gibt die Geka , die Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten.

Vor dem Eingang zu dem 670.000 Quadratmeter großen Areal steht Paul Walker. Der 67-jährige Rüstungskontrollexperte ist aus Boston angereist, um sich vor Ort anzusehen, wie in Deutschland Rückstände von Giftgas aus Syrien entsorgt werden sollen. Walker trägt eine rote Krawatte mit indischen Elefanten darauf, in seinem Knopfloch einen Button der Right Livelihood Award Foundation , die ihm den Alternativen Nobelpreis für seinen jahrzehntelangen Kampf gegen Chemiewaffen verliehen hat.

Zwei gut gelaunte Geka-Mitarbeiter führen den Besucher über den Hof, zeigen, wo das stark verdünnte Senfgas vom Tanklastzug in die Anlage fließen soll, wie es über eine Düse in einen Spezialofen gespritzt und bei etwa 1000 Grad Celsius verbrannt wird. Eine saubere Entsorgung für eine unverdächtig aussehende Substanz, die dann etwa so gefährlich sein wird, wie herkömmliche Industrieabfälle es sind. In seinem Urzustand kann Senfgas, wenn es mit der Haut in Kontakt kommt oder eingeatmet wird, Verheerendes anrichten.

Seit 1997 entsorgt die Geka im Auftrag der Bundesregierung Kampfmittel. Seit bekannt wurde, dass hier etwa 370 Tonnen sogenanntes Hydrolysat, verflüssigtes Senfgas aus Syrien, entsorgt werden sollen, ist das Interesse immens. "Wir hätten lieber die 20 Tonnen Senfgas direkt entsorgt, nicht erst das Hydrolysat", sagt Geka-Verwaltungsleiter Ralf Saelzer. Aber in diesem Fall hätte die Geka chemische Kampfstoffe eingeführt - und das ist verboten. Das verflüssigte Senfgas hingegen gilt nicht als Kampfstoff, sondern "nur" als gefährliche Chemikalie.

Proteste und Gelassenheit

Neutralisiert wird das Senfgas im Mittelmeer auf dem US-Frachtschiff "Cape Ray", das zwei Hydrolyse-Anlagen an Bord hat. Es ist eine Premiere: Erstmals sollen auf hoher See etwa 20 Tonnen Bis(2-chlorethyl)sulfid mit Druck, heißem Wasser und Chemikalien in Hydrolysat umgewandelt werden. "Dafür brauchen die US-Experten bis zu drei Monate, je nach Wetterlage", sagt Saelzer. Die entstandene Flüssigkeit soll dann nach Bremen verschifft und von dort mit speziellen Tankzügen nach Munster gebracht werden.

In Griechenland, Spanien und Italien kam es bereits zu Bürgerprotesten gegen den Transport über das Mittelmeer. Im kalabrischen Hafen Gioia Tauro, wo das Senfgas von Schiffen aus Dänemark und Norwegen auf die "Cape Ray" verladen werden soll, schlugen die Wellen hoch: "Wenn etwas passieren sollte, werden mich die Leute aufspießen", klagte Bürgermeister Renato Bellofiore. Auf der griechischen Insel Kreta gingen 10.000 Menschen auf die Straße.

Die Munsteraner jedoch bleiben gelassen. "Der Bürgermeister war hier und hat sich ausführlich informiert, es gibt keine Probleme", sagt Saelzer. "Wir handeln transparent, jeder kann kommen und sich alles ansehen." Aus dem Kontrollraum der Geka - 15 Überwachungskameras und 15 Monitore - werden Daten zu Emissionen online an die Gewerbeaufsicht übermittelt und jährlich einmal veröffentlicht.

Entscheidung im Bundestag

Heute Nachmittag soll im Bundestag über die Entsendung der Bundeswehrfregatte "Augsburg" zum Schutz der "Cape Ray" ins Mittelmeer entschieden werden. Union, SPD und Grüne werden voraussichtlich dafür stimmen. In der Linksfraktion werden viele Enthaltungen und Nein-Stimmen erwartet. "Ich denke, es ist gut, wenn so viele Länder wie möglich an solchen Aktionen beteiligt sind", meint Paul Walker. "So ein Schiffskonvoi ist nicht gefährlich, ein terroristischer Angriff zwar prinzipiell möglich, aber eher unwahrscheinlich."

Sollte ein Schiff mit so gefährlicher Fracht an Bord sinken, sind die Auswirkungen auf die Umwelt allerdings beträchtlich - und schwer zu prognostizieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Hunderttausende Tonnen Chemiewaffen in den Meeren entsorgt, noch heute werden Kampfstoff-Klumpen an der Ostsee angespült - und sie sind noch immer reaktiv.

"Strategisch spielen Chemiewaffen heute keine Rolle mehr", sagt Walker. "Schon in den achtziger Jahren war den USA und Russland klar, dass diese Kampfstoffe nur noch einen Last sind - anfällig, gefährlich und sehr teuer in der Unterhaltung." Es sei ein riesiger Durchbruch gewesen, als Syrien im Oktober als 190. Kandidat der Chemiewaffenkonvention beigetreten sei. "Die Arbeit der Chemiewaffen-Inspektoren in Syrien ist gefährlich", berichtet Walker. Immer wieder würden Fahrzeuge beschossen, die Experten seien nur in kugelsicheren Westen unterwegs.

"Inspektoren können nicht hinter jeden Busch gucken"

Liegt es nicht nahe, dass gerade in Krisengebieten wie Syrien ganze Chemiewaffenarsenale einfach unterschlagen werden? "Die Inspektoren können nicht hinter jeden Busch gucken", sagt Walker mit einem Seufzer. "Es gibt immer den Verdacht, dass Kampfstoffe versteckt werden." Es sei die größte Herausforderung, vollständige Berichte der Staaten zu erhalten - und die sind gern mal 600 bis 700 Seiten lang. Oft ergäben Vergleiche von Ex- und Importzahlen Unstimmigkeiten, die belegten, dass die Angaben fehlerhaft seien.

Im Falle Deutschlands entbehrt es nicht einer historischen Ironie, dass syrische Kampfmittel ausgerechnet in Munster entsorgt werden, wo die Nazis bis 1942 sämtliche damals bekannten chemischen Kampfmittel produzierten und wo bereits 1919 etwa eine Million Kampfstoffgranaten explodierten und die Heide bis zum heutigen Tag verseuchten.

Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen  (OPCW) berichtete, dass deutsche Unternehmen zwischen 1982 und 1993 unter anderem eine Chemiewaschanlage an Syrien geliefert haben - außerdem 2400 Tonnen Schwefelsäure, die zur Produktion des Giftgases Sarin genutzt werden kann. Immer wieder werden sogenannte Dual-Use-Produkte in die Krisenregion verkauft, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können.

Jetzt zahlt der Bund etwa 500.000 Euro für die Entsorgung des Senfgases aus Syrien. Auch die Betriebskosten der Anlagen in Munster sind immens - jeden Monat fallen allein 300.000 Euro Stromkosten an.

Zwischen Juni und August soll das Material von der "Cape Ray" in Munster eintreffen. Rund fünf Monate wird es dauern, bis das komplette Hydrolysat behandelt ist. Zurückbleiben kontaminierte Salze, die in Fässer abgefüllt und in eine Untertagedeponie gebracht werden, vermutlich nach Sondershausen in Thüringen.