Gleichberechtigung Macht jeden Tag zum Frauentag!

Ein Kommentar von Eva Horn
Heute schon der Gattin gedankt und der Kollegin eine Blume zugesteckt? Können Sie sich sparen. Wer wirklich etwas für Frauen erreichen will, muss sich für eine neue, gerechtere Politik einsetzen.
Auch wenn es zum Frauentag Rosen gibt: Im Bundestag sitzen nur 223 weibliche Abgeordnete – und 486 männliche

Auch wenn es zum Frauentag Rosen gibt: Im Bundestag sitzen nur 223 weibliche Abgeordnete – und 486 männliche

Foto: Frederic Kern / Future Image / imago images

Jedes Jahr um den 8. März herum bekomme ich Mails, die mir Blumensträuße »für Powerfrauen« andienen, Coachings für Frauen anbieten oder Bücher zum Weltfrauentag anpreisen. Und jedes Jahr, von jeder Mail, werde ich ein bisschen müder. Frauentag ist einmal im Jahr. Doch Frauen existieren auch an allen restlichen 364 Tagen. Es wäre also logischer – und vermutlich auch nachhaltiger – auch an den anderen Tagen gleichberechtigt ihre Geschichten zu erzählen, ihre Bücher zu verkaufen, sie als Expert*innen zu Wort kommen zu lassen, Blumen zu kaufen. Oder, noch besser, eine Politik voranzutreiben, die Frauen wirklich unterstützt.

Frauen sind auch im Jahr 2021 in vielen Bereichen des Arbeitslebens immer noch weniger stark vertreten als Männer: Im Deutschen Bundestag sitzen 223 weibliche Abgeordnete und 486 männliche. Es gibt mehr Oberbürgermeister mit dem Vornamen »Thomas« als Frauen jeden Namens in diesem Amt . Im Jahr 2018 waren von rund 48.000 Universitätsprofessor*innen nur 25 Prozent Frauen . Im öffentlichen Dienst, wo insgesamt mehr Frauen als Männer arbeiten, geht der Frauenanteil mit steigender Besoldungsgruppe immer weiter zurück .

Auch bei den Medien gibt es Verbesserungsbedarf. Zwar sind beim SPIEGEL immerhin rund 40 Prozent der Führungskräfte weiblich, doch auch bei uns gibt es in der obersten Führungsebene sehr viel »Thomas« und »Stefan« – und nur wenige Frauen. Viele Regionalmedien sind fest in männlicher Hand.

Frauen wird es bis heute unnötig schwer gemacht

Mangelnde Flexibilität, die Unmöglichkeit, Familie und Beruf ohne komplette Erschöpfung unter einen Hut zu bekommen, verkrustete Strukturen, in denen Männermacht die Norm ist und alles andere die Ausnahme, gläserne Decken – das sind nur einige von vielen Faktoren, die es Frauen schwer machen, gleichberechtigt voranzukommen.

In anderen Bereichen sind Frauen dafür spitze. Bei der Altersarmut zum Beispiel. Auch das ist kein Zufall. Frauen arbeiten oft in Branchen, in denen vergleichsweise niedrige Löhne gezahlt werden, und es sind immer noch in den allermeisten Fällen Frauen, die längere Erziehungszeiten nehmen und anschließend in Teilzeit arbeiten, weil sie beispielsweise Kinder versorgen oder andere Care-Aufgaben erfüllen.

Es ist faszinierend, wie stark in Deutschland die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen auseinandergeht, wenn Kinder ins Spiel kommen. Während frisch gebackene Väter auf der Karriereleiter voranschreiten, stagnieren die Karrieren der jungen Mütter.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Pandemie als Brennglas

Die Corona-Pandemie wirkt wie ein Brennglas. Sie hält die Lupe auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Ungleichheiten und lässt sie erst recht zutage treten. Mütter tragen, so zeigen es aktuelle Untersuchungen , die Hauptlast, wenn es darum geht, die Corona-bedingte Kinderbetreuung zu schultern. Damit zementiert sich eine Ungleichheit, die es auch schon lange vor der Pandemie gab. Erwerbstätige Frauen wenden im Mittel fast doppelt so viele Stunden pro Tag für Care-Arbeit auf wie Männer. Unbezahlt, versteht sich.

Bis heute ist es in vielen heterosexuellen Partnerschaften so, dass vor allem die Frauen Kinder, Job und Betreuungszeiten jonglieren, während die Männer die Rolle der Familienernährer übernehmen. Das ungerechte und aus der Zeit gefallene Ehegattensplitting verstärkt diesen Effekt. Viele Frauen, die ich kenne, sind ausgebrannt, müde, immer im Stress und dazu noch voller Schuldgefühle, weil sie es niemandem recht machen können.

Die Lösung: Eine 30-Stunden-Woche für alle

Dabei gibt es eine Lösung, die für Entlastung sorgen würde: die 30-Stunden-Woche für alle – unabhängig von Geschlecht oder Kindern. Eltern hätten mehr Zeit für ihre Kinder, Mütter hätten weniger teilzeitbedingte Verdienstausfälle, und alle hätten mehr freie Zeit zur Verfügung.

Klingt radikal? Ist es auch. Aber wann, wenn nicht am Frauenkampftag, ist die Zeit für radikale politische Forderungen? Blumensträuße helfen nicht gegen gläserne Decken oder Altersarmut. Eine andere Politik aber schon.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.