"Großelterntag" in Bayern "Was sie versäumt haben, können Großväter jetzt nachholen"

Am 13. Oktober bekommen Omas und Opas in Bayern mehr Aufmerksamkeit als sonst: Das Bundesland feiert erstmalig den "Großelterntag". Muss das sein?
Großvater mit Enkelsohn: Schwierige Beziehung?

Großvater mit Enkelsohn: Schwierige Beziehung?

Foto: Westend61/ Getty Images

Opa ist der, der am Ende eines Nachmittags, nach Kaffee und Kuchen, noch einen Zehn-Euro-Schein zückt. Juchu! Opa ist auch der mit dem Werkzeugschuppen im Garten, in dem es so viel zu entdecken gibt. Und Opa ist der mit dem dicken Fotoalbum, Opa ist Zeitzeuge.

Wie besonders die Beziehung zwischen Großvätern und ihren Enkeln ist, hat der Sozialwissenschaftler Eckart Hammer erforscht und aufgeschrieben: Sein Buch "Großvater sein" handelt davon, wie man es schafft, ein guter Großvater zu sein. Für das Buch wertete Hammer die wenigen Studien aus, die es zu dem Thema gibt und sprach mit Großvätern, die von ihren Erfahrungen berichteten.

Das Buch solle, sagt Hammer, eine Leerstelle füllen: Viel zu wenig Aufmerksamkeit bekäme der Großvater in Forschung und Lehre, nicht einmal im Altenbericht der Bundesregierung, der die Lage der älteren Generation in Deutschland analysiert, bekäme der Großvater ausreichend Platz.

Der Freistaat Bayern hat das offenbar genauso empfunden - und will die Verdienste von Großeltern exklusiv würdigen: Als erstes Bundesland hat Bayern den "Großelterntag" eingeführt, er ist am 13. Oktober und wird mit einem "erlebnisreichen Familienfest" in München begangen, teilt das Bayerische Familienministerium mit.

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"Fürs Erste ein schönes Symbol", sagt Sozialwissenschaftler Hammer dazu, Großeltern und insbesondere Großväter bräuchten genau wie Mütter und Väter auch einen eigenen Ehrentag, der öffentlich sichtbar mache, welche familienpolitische Bedeutung Großeltern hätten.

Was macht Großeltern so wichtig? Und warum verdienen insbesondere Großväter besondere Betrachtung? Darüber spricht Eckart Hammer im Interview.

DER SPIEGEL: Herr Hammer, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass Männer, die ein Enkelkind bekommen, damit auch eine zweite Chance kriegen - die Chance, nachzuholen, was sie als Väter verpasst haben. Wie meinen Sie das?

Eckart Hammer: Bei den meisten Männern der jetzigen Großvatergeneration lief es in der Vergangenheit ziemlich klassisch ab: Sie waren in Vollzeit berufstätig, während ein großer Teil der Frauen lediglich in Teilzeit berufstätig war und sich mehr um die Kinder kümmern konnte. Die Männer waren abwesend, haben heftig gearbeitet und zu wenig mitbekommen, was die Mütter erlebt haben: den Alltag mit Kindern, wie sie sich entwickeln. Diese Generation lebte oft nach dem Motto: "Meine Kinder sollen es mal besser haben als ich." Was sie versäumt haben, können Großväter jetzt nachholen: Sie haben als Rentner mit sehr viel Zeit und bei guter Gesundheit erstmalig die Möglichkeit, sich aktiv um Kinder zu kümmern.

Zur Person

Eckart Hammer, Jahrgang 1954, ist Sozialwissenschaftler und Professor für Soziale Gerontologie an der Evangelischen Hochschule in Reutlingen. Zu seinem Forschungsschwerpunkt "Männer und Alter(n)" hat er mehrere Bücher veröffentlicht, darunter "Großvater sein".

DER SPIEGEL: Können diese Männer das denn überhaupt?

Hammer: Genau das ist die große Herausforderung: Aber viele heutige Großväter sind, anders als ihre eigenen Großväter, wenn sie auf Kinder treffen nicht mehr distanziert und unnahbar. Wenn die Enkel zu Besuch kommen, sind sie engagiert, lassen sich auf die Kinder ein und unternehmen viel mit ihnen. Einigen fällt das aber auch schwerer - schwerer als Großmüttern. Aber man darf nicht vergessen: Viele dieser Männer hatten oft keine guten Vorbilder, von denen sie das Opa-Sein lernen konnten.

DER SPIEGEL: Warum tun sich Großmütter offenbar leichter?

Hammer: Weil sie mit ihrer Rolle vertraut sind. Sie haben sich ja schon einmal um kleine Kinder gekümmert, sie getröstet oder ins Bett gebracht. Für viele Großväter ist diese Rolle neu. Wenngleich es natürlich auch viele gibt, die damit gar keine Probleme haben.

DER SPIEGEL: Was für ein Opa sind Sie?

Hammer: Noch gar keiner. Ich habe zwar drei erwachsene Kinder, die haben mich bisher allerdings noch nicht zum Großvater gemacht. Aber es ist durchaus von Vorteil, als Großvaterforscher selbst keine Enkel zu haben - das hat mich objektiver sein lassen. Ich lief nicht Gefahr, mich selbst ständig einzubringen, wie ich selbst als Großvater bin.

DER SPIEGEL: Für das Buch haben Sie die wenigen Studien ausgewertet, die es über Großväter gibt - und Sie haben mit Großvätern gesprochen. Wie wird man ein guter Großvater?

Hammer: Eigentlich ist es nicht kompliziert. Ein guter Großvater ist jemand, der von Anfang an für das Enkelkind da ist und nicht darauf wartet, bis es Fußball spielen kann. Gute Großväter führen Kinder in Welten ein, in die die Eltern sie nicht einführen können, weil ihnen die Zeit oder die Kompetenz fehlt. Gute Großväter gehen mit Enkeln raus, zelten, wandern, kochen, basteln. Sie stellen Fragen und geben Antworten, sind aber keine Erzieher.

DER SPIEGEL: Wie kann man mit einem Kind zelten, kochen und basteln, ohne es zu erziehen?

Hammer: Indem man gewisse Dinge den Eltern überlässt. Wenn der Teenager ankommt und sagt: "Opa, ich habe einen Joint geraucht", dann nimmt ein guter Großvater das zur Kenntnis, sagt vielleicht auch seine Meinung, aber bestraft nicht. Wenn das Grundschulkind länger aufbleiben will, erlaubt man das vielleicht einfach mal. Tischsitten, die bei den Eltern der Kinder gelten, dürfen bei Oma und Opa auch mal anders sein. Grundsätzlich gilt: Wenn Großeltern Freiräume schaffen, ohne zu sehr von der pädagogischen Linie der Eltern abzuweichen, bekommen sie einen besonderen Stellenwert im Leben eines Kindes.

DER SPIEGEL: Was tun, wenn zwischen Großeltern und Enkeln Hunderte Kilometer liegen?

Hammer: Auch dann spüren Kinder genau, wenn jemand sich für sie interessiert und den Kontakt sucht - egal wie weit weg er wohnt. Wenn die finanzielle Lage es zulässt, kann ich nur raten: Besuchen Sie Ihre Enkel so oft es geht! Aber bleiben Sie vielleicht nicht gleich eine ganze Woche, die kann nämlich ziemlich lang werden für alle Beteiligten. Falls Besuche nicht gehen: anrufen, schreiben.

DER SPIEGEL: Brauchen Großväter Skype und WhatsApp?

Hammer: Klar! Sie sollten sich mit diesen Medien auskennen, um mit den Kindern und Jugendlichen kommunizieren zu können. Schnell mal nachfragen, wie es denn so geht, mal ein Foto schicken. Das geht super über WhatsApp oder andere Messenger-Dienste. Aber die Großeltern sollten auch akzeptieren, wenn Kinder Grenzen setzen und keine Lust haben, sich zu unterhalten. Es gibt Phasen, zum Beispiel, wenn sich die Eltern eines Kindes scheiden lassen, in denen Großeltern sehr wichtige Bezugspersonen sein können. Aber es gibt auch Phasen, in denen Kinder ihre Großeltern überhaupt nicht brauchen.

DER SPIEGEL: Und was, wenn Eltern und Großeltern sich nicht ausstehen können?

Hammer: Es gilt der Grundsatz: Der Weg zum Herzen der Enkelkinder führt über die Herzen der Kinder. Beide Seiten sollten viel Anstrengung aufwenden, damit das Verhältnis funktioniert. Ging man bis in die Siebzigerjahre in Pädagogik und Psychologie noch davon aus, dass man Kinder zu ihren Großeltern eher auf Distanz halten sollte, gibt es in der Fachwelt inzwischen eine große Übereinstimmung: Für Kinder ist der Kontakt zu den Eltern ihrer Eltern wichtig. Es ist der Kontakt zu einer älteren Generation, die eine Menge zu erzählen hat und die für Kinder eine wichtige Bezugsgröße ist.

DER SPIEGEL: Erinnern Sie sich an Ihre eigenen Großväter?

Hammer: Der eine ist vor meiner Geburt gestorben. Der andere, Jahrgang 1885, war ein ausgesprochen netter Mann. Ich bin mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Alle vier Wochen besuchten wir den Großvater. Er hat gerne Späße gemacht. Aber er war kein Opa zum Kuscheln, er hätte sich nie mit uns auf den Boden gelegt und mit Bauklötzen gespielt. Wenn wir zu Besuch waren, redete er meistens mit meinen Eltern.

DER SPIEGEL: Ihr Großvater gehörte zu einer Generation von Kriegsheimkehrern, die traumatisiert - und oft schweigsam - nach Hause kamen.

Hammer: Der Erste Weltkrieg lag ja nun schon lange zurück und war eigentlich nie Thema bei uns. Mein Großvater ging als Arzt in diesen Krieg, davon erzählte er mir ein paar Kriegsanekdoten. Aber ich fragte auch nicht nach. Obwohl es viel gegeben hätte, was unsere Verbindung vielleicht vertieft hätte. Doch auch er stellte nur wenige Fragen, und ich war eben sehr jung. Als er starb, war ich 14. Später, mit meinem Vater, lief es dann ähnlich ab: Er hat mit uns Kindern so gut wie nie über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und seine Gefangenschaft gesprochen.

DER SPIEGEL: Viele stellen sich früher oder später die Frage, was der Vater oder Opa eigentlich im Krieg gemacht hat. Wie kann man von diesen Zeitzeugen mehr erfahren, bevor es zu spät ist - und ohne das Verhältnis zum schweigsamen Vater oder Großvater aufs Spiel zu setzen?

Hammer: Inzwischen gibt es dafür immer seltener Gelegenheit, denn für solche Gespräche kommen ja nur noch über 90-Jährige infrage. Enkel haben dabei oft leichteren Zugang als die Kinder. Wenn man auf direkte Fragen keine Antwort bekommt, gibt es Hilfsmittel, um ins Gespräch zu kommen: ein Fotoalbum zum Beispiel, das man aus dem Regal zieht, mit der Bitte, sich das gemeinsam anzuschauen.

DER SPIEGEL: Gibt es etwas, das Sie Ihrem Großvater gerne sagen würden?

Hammer: Ja: Großvater, schade, dass wir so wenig geredet haben. Da haben wir eine Menge verpasst.

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