Guinness-Rekorde Perlen, Piercing und ein Presslufthammer im Hals

Jeder kann Weltrekordler werden - wenn er nur den Mut hat, hinreichend beknackte Dinge zu tun. So wie ein Brite, der sich einen Presslufthammer in den Hals steckte, oder der Kanadier, der sich binnen 90 Minuten mit Hunderten Nadeln malträtierte. Hauptsache, die Guinness-Redaktion erfährt davon.


Glaubt man der lokalen Presse, dann lag die Bevölkerung von Westendorf in Österreich Anfang Dezember im Freudentaumel: Aus 4000 Kohlen, 1500 Karotten und "unzähligen" Schals und Mützen und einer nicht benannten Menge Schnee baute sie 1020 Schneemänner. 480 Karotten müssen also anderweitig Verwendung gefunden haben, aber was soll's? Der Weltrekord steht: Endlich findet sich auch Westendorf im Guinness-Buch der Rekorde.

Das, behauptet der Verlag, sei nach Bibel und Koran das weitverbreitetste Buch der Welt, was offenbar Anreiz genug für Menschen ist, per Eintrag ihr kleines Stückchen Ruhm zu suchen. Heraus kommen dabei eine Menge Trash und Seltsamkeiten, zu denen es nie gekommen wäre, wenn es das Buch nicht gäbe.

So soll etwa das teuerste Dessert der Welt nach Auskunft seines Schöpfers Stephen Bruce "geschmacklos, aber knusprig" ausgefallen sein: Ein Kaltgetränk aus Kakao, Trüffel, Schlagsahne und 24-karätigem Gold. Kunden hat der Restaurantbesitzer dafür bisher nicht gefunden, aber darum geht es ja auch nicht: Nicht nur die Gemeinde Westerdorf weiß, wie werbewirksam die oft spektakulären Aktionen für die Weltrekorde sind. So ließ es sich auch Foto Quelle nicht nehmen, mit einem Mosaik aus 94.392 Fotos eine kostenlose Werbung im Rekorde-Buch zu erwirken.

Charmanter sind da Dinge wie die Aufstellung des aktuellen Rekords im Massen-Wäschewaschen (70.000 Kleidungsstücke an einer 40 Kilometer langen Wäscheleine) oder der Weltrekord im Massen-Weihnachtslied-auf-Blockflöte-Spielen (Tübingen am 22. Dezember 2007: 1701 Flöten).

Eher abschreckend wirken da Dinge wie der Rekord des Briten Thomas Blackthorne, der vor einigen Wochen vor TV-Kameras einen laufenden Presslufthammer für fünf Sekunden vollständig in seinem Hals versenkte. Selbst dieser Live-Selbstmordversuch wurde aus schwer verständlichen Gründen nicht mit Einweisung bestraft, sondern mit einem Eintrag belohnt. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand findet, der den verrückten Versuch wiederholt.

Rekorde, die man nicht haben muss

Dass ihr Geschäft mit solchen Risiken verbunden ist, ist auch der Redaktion des seit 1955 jährlich erscheinenden Skurril-Schmökers klar. So warnt sie unter Punkt 16 der Informationen zum Einreichen eines Rekordversuches vor dem Versuch, bestimmte Dinge wiederholen zu wollen: "Einige dieser Vorschläge sind zu gefährlich, um sie annehmen zu können, speziell wenn neben dem Rekordbrecher auch potentielle Zuschauer gefährdet werden könnten, andere dagegen stellen keine wirkliche Herausforderung dar, sind zu speziell auf den Anmeldenden zugeschnitten oder nicht überbietbar."

Und dann gibt es noch die, die wohl auch gar niemand überbieten will - die Kategorie der versehentlichen Rekordhalter. Matthew McKnight hat es so in diesem Jahr ins Rekord-Kompendium geschafft, und findet das inzwischen anscheinend auch schon witzig - jetzt, wo er wieder laufen kann.

McKnight hält den Rekord für das Unfallopfer, dass am weitesten durch die Luft geschleudert wurde. Nachdem ein Wagen den ehrenamtlichen Sanitäter bei einem Hilfseinsatz auf einer Autobahn bei Pittsburgh mit etwa 110 Stundenkilometern angefahren hatte, katapultierte ihn der Aufprall 36 Meter weit durch die Luft. Bei dem bereits sechs Jahre zurückliegenden Unfall kugelte er sich die Schultern aus, brach sich ein Bein, sein Steißbein und das Becken. Nach zwei Wochen im Krankenhaus musste er noch 80 Tage in eine Rehaklinik.

Der behandelnde Arzt der Notaufnahme schickte die Unterlagen an die Redaktion des Guinness-Buchs. "Ich dachte zuerst, das sei ein Witz", sagte McKnight. 2003 wurde der Rekord offiziell anerkannt, aber erst 2008 wird er erstmals im Guinness-Buch abgedruckt sein. Vielleicht hilft es ja, eine absolut nicht angenehme Erinnerung zu verschmerzen.

pat/AP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.