Hohe Inzidenzen in Oberbayern »Bei ungeimpften Familien liegt die Ansteckungsrate bei 100 Prozent«

Feiern Jugendliche in Miesbach Coronapartys, um sich bewusst mit dem Virus zu infizieren? Diese These vertritt ein lokaler Mediziner. Der betroffene Landkreis sieht andere Ursachen für die hohen Fallzahlen.
Hinweis auf Coronatests am Münchner Flughafen (Symbolbild)

Hinweis auf Coronatests am Münchner Flughafen (Symbolbild)

Foto: Frank Hoermann / SVEN SIMON / picture alliance

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Für die sehr hohen Coronazahlen in einigen Landkreisen im Süden Bayerns machen die Verantwortlichen vor Ort vor allem private Kontakte verantwortlich. Laut einem aktuellen »Corona-Update« des Landratsamtes Miesbach sieht die dortige Koordinierungsgruppe derzeit etwa »private Treffen von Schülern« als Infektionstreiber. Im Schulunterricht fänden hingegen kaum Infektionen statt.

Über die Gruppe der Jüngeren hinaus »sind viele Bürger relativ sorglos und halten sich – mutwillig oder aus Nachlässigkeit – nicht oder nicht mehr an die Schutzmaßnahmen wie z.B. Tragen einer Maske, Abstand etc.«, heißt es in der Veröffentlichung. Es seien auch Gerüchte ans Landratsamt herangetragen worden, »wonach es angeblich Corona-Partys geben würde«. Man habe jedoch »keine Kenntnis zu konkreten Fällen«.

Der Landkreis schwächt damit Aussagen eines Mediziners ab, der im Kreis als Pandemie-Koordinator fungiert. Dieser hatte in einem Zeitungsinterview von einer »ganz großen Masche« unter Jugendlichen gesprochen. »Früher gab es Rötel-Partys, bei denen sich Kleinkinder mit Röteln anstecken sollten«, so der Koordinator laut Gespräch mit dem »Münchner Merkur«. »Heute veranstalten einige Partys bei Corona-Positiven, um sich zu infizieren und danach sechs Monate als genesen zu gelten, um keine Tests machen zu müssen.« Der Mediziner war für eine Erläuterung seiner Aussagen nicht zu erreichen.

Der Landkreis führt demgegenüber vor allem strukturelle Faktoren dafür an, dass der Süden Bayerns besonders betroffen sei: Die Sommerferien hätten in Bayern spät geendet, Reiserückkehrer hätten das Virus mitgebracht. Bei einigen asymptomatisch Infizierten hätten sich fünf Tage Quarantäne als zu kurz erwiesen, sie verbreiteten danach das Virus unwissentlich. Außerdem stecke mittlerweile ein Infizierter »im Schnitt etwa zwei Drittel der Familien-/Haushaltsmitglieder« an. »Bei ungeimpften Familien liegt die Ansteckungsrate bei 100 Prozent.«

Ähnlich fiel die Analyse unlängst in Rosenheim aus, wo eine grenznahe Lage an Hauptverkehrswegen mit einer unterdurchschnittlichen Impfquote zusammenfällt.

FFP2-Maske wieder verpflichtend

Die stark betroffenen Landkreise Mühldorf, Altötting, Traunstein, Berchtesgadener Land und Miesbach sowie die Stadt und der Landkreis Rosenheim einigten sich am Freitag auf gemeinsame Maßnahmen: So soll das Tragen einer FFP2-Maske in bestimmten Situationen wieder verpflichtend sein, eine medizinische Maske reicht dann nicht mehr aus. Für Diskotheken und Klubs gilt die 2G-Regel.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat für sein Bundesland bereits schärfere Maßnahmen angekündigt. So sollen die Schülerinnen und Schüler nach den bayerischen Herbstferien wieder im Unterricht Maske tragen. Söder sprach sich für eine Regionalisierung der Regelungen aus, die es erlaubten, etwa bei einer angespannten Lage in den örtlichen Krankenhäusern passgenau zu reagieren.

Söder verwies auf den Zusammenhang zwischen niedrigen Impfquoten und hohen Inzidenzen, zum Beispiel in den Landkreisen am Alpenrand und im Südosten Bayerns. Am Donnerstag veröffentlichte das bayerische Innenministerium zudem die regionalen Ergebnisse des gescheiterten Volksbegehrens »Landtag abberufen«. Die maßgeblich von Gegnern der Coronamaßnahmen getragene Initiative fand teilweise in solchen Landkreisen hohe Zustimmung, in denen wenige geimpft und vergleichsweise viele infiziert sind – ein Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Staatskritik und niedrigen Impfzahlen.

Die SPD-Opposition im Bayerischen Landtag fordert ein schnelleres Handeln der Staatsregierung. »Je später Maßnahmen ergriffen werden, desto härter müssen sie ausfallen«, so die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Ruth Waldmann.

fri
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.