Gefängnis in Haiti "Das ist die Hölle"

Überbelegung und Unterernährung sind dramatisch: So elende Bedingungen wie in den Gefängnissen Haitis gibt es sonst kaum auf der Welt. Fotos zeigen die Zustände in der Hauptstadt Port-au-Prince.

AP

Dutzende abgemagerte Männer mit eingefallenen Wangen und vorstehenden Rippen liegen schweigend auf der Krankenstation im größten Gefängnis Haitis. Die meisten sind zu schwach, um zu stehen. Die Leiche eines Häftlings, qualvoll an Mangelernährung gestorben, wird mit einer Plastikplane abgedeckt.

Anderswo in der Nationalen Strafanstalt in der Hauptstadt Port-au-Prince drängen sich die Gefangenen Schulter an Schulter in ihren Zellenblöcken. Die Räume sind so überfüllt, dass die Insassen in provisorischen Hängematten schlafen oder sich zu viert in eine Koje quetschen müssen. Sie verrichten ihre Notdurft in Plastiktüten, weil es an Toiletten fehlt.

Schockierende Szenen wie diese hat David McFadden, Reporter der Nachrichtenagentur AP, beobachtet. Haiti gilt als eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt. Der Inselstaat in der Karibik hat zudem mit den Folgen des Erdbebens von 2010 zu kämpfen, bei dem etwa 230.000 Menschen starben und 190.000 Häuser zerstört wurden.

Fotostrecke

18  Bilder
Haiti: Überlebenskampf im Knast

"Das ist die Hölle. In Haiti eingesperrt zu sein, macht dich verrückt, falls es dich nicht vorher tötet", sagt Vangeliste Bazile. Er steht unter Mordverdacht - und gehört zu den 80 Prozent der Inhaftierten, die noch nicht verurteilt wurden, sondern in verlängerter Untersuchungshaft sitzen und auf ihre Chance warten, einen Richter zu sehen. In einigen Fällen dauert dies bis zu acht Jahre.

Überbelegung, Unterernährung und Infektionskrankheiten haben zu einem Anstieg der Todeszahlen in den Gefängnissen Haitis geführt. Allein in der Nationalen Strafanstalt in Port-au-Prince starben im vergangenen Monat 21 Menschen. "Das ist die schlimmste Rate vermeidbarer Todesfälle, die mir irgendwo auf der Welt begegnet ist", sagt John May. Der Arzt aus Florida ist Mitgründer der Hilfsorganisation Health Through Walls, die Gesundheitsbedingungen in der Karibik und mehreren afrikanischen Ländern verbessern will.

"Ich habe wirklich Angst"

Etwa 40 Prozent der 11.000 Häftlinge in Haiti sitzen unter den elenden Bedingungen in dem Hauptstadtgefängnis ein - viele von ihnen ohne Prozess und mit der Perspektive einer Inhaftierung von unbestimmter Dauer. "Ich habe wirklich Angst, dass ich keinen Richter sehe, ehe ich ein alter Mann bin", sagt Paul Stenlove. Er befindet sich seit elf Monaten wegen Mordverdachts in Haft.

Gefängnisse sind in vielen Ländern überfüllte, düstere Orte. Aber Haitis Strafvollzug liegt in einem Ranking der Universität London auf Platz eins - mit einer Belegungsquote von 454 Prozent. Die Philippinen folgen mit deutlichem Abstand, dort liegt die Quote bei 316 Prozent.

Die enorme Überbelegung sei zum Teil auf die grassierende Korruption zurückzuführen, sagt Brian Concannon, Direktor des gemeinnützigen Instituts für Gerechtigkeit und Demokratie in Haiti. So seien Richter, Staatsanwälte und Anwälte an der Schaffung eines Marktes für Bestechungen beteiligt gewesen. "Wenn jemand keine Aussicht auf einen fairen Prozess hat, wird seine Familie einen Weg finden, ihn durch Bestechung freizubekommen, unabhängig von seiner Schuld", sagt Concannon. Aber diese finanziellen Mittel haben längst nicht alle.

Mehr als 80 Häftlinge in einer 20-Mann-Zelle

Um nicht verrückt zu werden, entwickeln die Häftlinge Routinen im Tagesablauf. Einige machen Liegestütze und stemmen Krüge mit schmutzigem Wasser, andere spielen Dame oder Domino. Aber angesichts der weit verbreiteten Mangelernährung und Ratten, die durch Zellen huschen, die für 20 Menschen ausgelegt, nun aber mit 80 bis 100 Menschen belegt sind, fällt es schwer, sich auf etwas anderes als das Überleben zu konzentrieren.

Nicht alle Insassen leiden Hunger. Einige bekommen Mahlzeiten von Verwandten ins Gefängnis gebracht. Anderen sind Kontakte nach draußen erlaubt. So beobachtete der AP-Reporter einen Häftling, der mit einem Bündel Geldscheine in der Nähe des Haupteingangs stand und bei einem Verkäufer Spaghetti mit Kochbananen orderte.

Die Gefängnisbehörden beteuern, sie würden ihr Bestes versuchen, um die Bedürfnisse der Häftlinge zu befriedigen. Sie erhielten jedoch nicht immer ausreichend staatliche Mittel, um genug Nahrung oder Gas zum Kochen zu kaufen. "Immer wenn das Geld zu spät kommt, sind es die Gefangenen, die dafür bezahlen müssen", sagt Ysarac Synal, Nationaler Direktor für Strafvollzug. Auch sauberes Trinkwasser sei oft knapp.

Wie dramatisch die Situation für die Häftlinge ist, macht Thomas Ess vom Roten Kreuz in Haiti deutlich: "Es ist ein permanenter Kampf, sie am Leben zu halten."

wit/AP

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.