Haiti und die Dominikanische Republik Ungeliebte Nachbarn

Die Welt schaut auf das vom Erdbeben zerstörte Haiti - doch niemand genauer als die Dominikanische Republik. Noch ist die Bereitschaft groß, dem geschundenen Nachbarland zu helfen. Doch schon bald könnten sich alte Konflikte enorm verschärfen. Die Angst vor einer Zuwanderungswelle wächst.

Von Sonja Bechtold


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Hamburg - Noch vor wenigen Wochen hatte man sich gewappnet gegen die unliebsamen Nachbarn: 600 zusätzliche Soldaten hatte die Dominikanische Republik an der Grenze zu Haiti postiert, sie sollten verstärkt gegen illegale Einwanderer vorgehen.

Alles vergessen - für den Moment. Nach dem Erdbeben, das Haiti am Mittwoch erschütterte und Zehntausende das Leben kostete, Hunderttausende obdachlos machte, ist die Grenze offen, die Solidarität der Dominikaner riesengroß.

Beobachter hoffen nun, dass dies auch so bleibt, denn Haitianer waren vor dem Beben auf der anderen Seite der Hispaniola-Insel nicht grundsätzlich willkommen.

"Das ganze Jahr wird hier über die Haitianer geschimpft", sagt Irene Prinz de Gomez vom Lateinamerikareferat der Friedrich-Ebert-Stiftung SPIEGEL ONLINE, "aber momentan ist die Anteilnahme riesig, ich würde sogar sagen hundertprozentig. Die Dominikanische Republik hat sofort nach dem Beben Hilfe geschickt. Alle, die Hilfe brauchen, dürfen ins Land und werden versorgt."

Haiti - eine zusätzliche Bürde für den armen Nachbarn

Sobald die internationale Hilfe richtig angelaufen ist und die schlimmsten Schäden in Haiti beseitigt sind, droht sich das soziale Gefälle zwischen beiden Ländern weiter zu vergrößern.

Bis heute schafft es Haiti nicht, die eigene Bevölkerung auch nur annähernd zu ernähren oder medizinisch zu versorgen, die meisten Güter werden aus der Dominikanischen Republik importiert. In Zukunft wird sich diese Tendenz noch verstärken.

Die Dominikanische Republik gehört seit Beginn der neunziger Jahre zu den wirtschaftlich stabilsten Ländern Lateinamerikas und verfügt über einen freien Zugang zu den europäischen und US-amerikanischen Märkten. Selbst die Pleite der größten Geschäftsbank 2003, die eine schwere Krise auslöste, wurde mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds erstaunlich schnell überwunden.

Kontinuierlich baut das Land seit Jahrzehnten den Wirtschaftsfaktor Tourismus aus, bis zu drei Millionen zahlende Gäste besuchen jedes Jahr das Land. Hotels wurden gebaut, Arbeitsplätze geschaffen. Im Gegensatz dazu taucht das Nachbarland Haiti, das Armenhaus Amerikas, das seit Beginn der Uno-Mission "Minustah" 2004 zum ersten Mal seit langem eine Phase der Befriedung erlebte, zumindest bei deutschen Reiseunternehmern gar nicht erst im Angebot auf.

Doch auch die Dominikanische Republik ist weit davon entfernt, ein stabiler Staat zu sein. "Das ist ein Schwellenland mit vielen eigenen Problemen. Hier gibt es auch massenhaft Armut. Ein bitterarmes Nachbarland wie Haiti ist für die Dominikanische Republik eine zusätzliche Bürde", sagt Stefanie Hanke von der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Dominikanischen Republik.

"Wir wissen noch nicht, was da genau auf uns zu kommt"

Illegale Flüchtlingsströme belasteten seit langem die Beziehung der beiden Staaten. Durch das Erdbeben könnte sich die Situation in Zukunft noch verschärfen. "Wir wissen noch nicht, was da genau auf uns zukommt, aber wir rechnen damit, dass noch mehr Flüchtlinge aus Haiti kommen könnten, die Arbeitslosigkeit steigen wird und sich das insgesamt auch schädlich auf die Entwicklung der Dominikanischen Republik auswirken könnte", sagt Lateinamerika-Expertin Gomez.

Bis zu einer halben Million illegal eingewanderter Haitianer leben momentan in der Dominikanischen Republik. Die Grenze zwischen den beiden Staaten ersteckt sich über rund 400 Kilometer. In weiten Teilen handelt es sich um eine sogenannte Grüne Grenze - bis auf wenige streng bewachte Übergänge ist sie leicht zu passieren. Viele Migranten aus Haiti kommen halbwegs organisiert in größeren Gruppen. Sie erhoffen sich davon nach der Einwanderung einen besseren Start im Nachbarland, hoffen, leichter an einen Job zu kommen und weniger Sprachproblemen ausgesetzt zu sein - in Haiti ist Französisch Landessprache, in der Dominikanischen Republik dagegen Spanisch. Schlepperbanden kassieren in vielen Fällen enorme Summen, zusätzlich müssen an den Übergängen Grenzposten bestochen werden. Das Geschäft mit der illegalen Einwanderung aus Haiti lohnt sich vor allem für die Dominikaner.

Haitianer leben unter schlechten Bedingungen, auch im Nachbarnland

Migranten aus Haiti arbeiten nach ihrer Einreise meist zu Billiglöhnen als Hilfsarbeiter auf Baustellen, in Haushalten oder in der Landwirtschaft. "Es herrscht hier eine Art Doppelmoral", sagt Hanke. Einerseits würden Arbeiter aus Haiti dringend gebraucht, die Dominikanische Republik sei geradezu abhängig von ihnen. Andererseits seien die illegal Eingewanderten enormen Anfeindungen ausgesetzt, es komme immer wieder zu Übergriffen.

Vor kurzem hat die Dominikanische Republik eine neue Verfassung verabschiedet. Darin heißt es, dass auch die Kinder der illegalen Einwanderer keine Möglichkeit auf Legalisierung ihres Aufenthalts in der Dominikanischen Republik haben. "Das bedeutet, dass diese Kinder keine Schule besuchen dürfen und weiterhin vom Gesundheitssystem ausgeschlossen sind", so Hanke.

Auch in der Dominikanischen Republik sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen für Haitianer also schlecht. Dennoch kommen viele, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Nach der Erdbeben-Katastrophe werden vermutlich noch mehr Haitianer die Flucht in die Dominikanische Republik wagen. "Haiti war schon so weit unten, dass man dachte, es könne gar nicht mehr weiter bergab gehen", so Stefanie Hanke von der Friedrich-Ebert-Stiftung. "Das Erdbeben ist der Beweis dafür, dass es tatsächlich noch schlimmer kommen konnte."



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Seite 1
ThomasGB, 02.10.2009
1. Garnicht !
Zitat von sysopWie bei vielen Katastrophen zuvor verlaufen in Erdbebengebieten die Rettungsarbeiten oft nur stockend. Es gibt zu wenig technische Hilfsmittel. Das verringert die Überlebenschancen der Verschütteten. Was kann getan werden, damit zügiger geholfen werden kann?
Es ist nämlich eine Eigenschaft von Naturkatastrophen, daß man niemals weiß, an welchem Ende der Welt diese als nächstes auftreten. Helfen müssen sich die betroffenen Länder schon selber. Oder wollen Sie in jedem Dorf der Welt zehn Bagger für den Eventualfall stationieren ?
Nonvaio01 02.10.2009
2. Das ist halt Pech
Hallo, es klingt zwar hard aber das ist pech. Wenn man in einem Erdbeben gebiet lebt muss man halt mit Erdbeben rechnen. Die jeweilige Regierung muss halt dafuer sorgen das vorgesorgt ist sogut es halt geht. Japan mach das auch so und trozdem passieren Erdbeben von einer staerke mit der man nicht gerechnet hat, durch gute vorsortge koennen die opferzahlen aber auf das minimum gehalten werden. San Francisco z.b. Da weiss man das es hochgradig Erdbeben gefaehrlich ist und trozdem baut man dort eine Millionen Stadt. Man beschliesst gewisse Baumasnahmen um Gebaeude Erdbebensicher zu bauen, nur verhindern kann man es nicht. Wenn die jeweilige regierung es nicht fuer noetig haelt oder es wegen korruption und pfusch zu mehr zerstoerung kommt als noetig, ist das ein problem der regierung, nun kann man sagen die armen buerger haben keine wahl, dazu sage ich nur das jeder eine wahl hat, wenn mein Haus zusammen bricht wegen pfusch werde ich mir das nicht bieten lassen. Wenn ich mir alles gefallen lasse habe ich es nicht besser verdient...sorry aber das ist meine meinung. Gruss Bernd
reuanmuc, 02.10.2009
3.
Zitat von ThomasGBEs ist nämlich eine Eigenschaft von Naturkatastrophen, daß man niemals weiß, an welchem Ende der Welt diese als nächstes auftreten. Helfen müssen sich die betroffenen Länder schon selber. Oder wollen Sie in jedem Dorf der Welt zehn Bagger für den Eventualfall stationieren ?
.. und wann und wie sie auftreten. Früher oder später, wahrscheinlich später, wird man erkennen, dass eine von der UNO organisierte, ständige Hilfstruppe für Katastrophenfälle sinnvoll wäre. Dagegen steht einzig der Stolz und die Autorität vieler Staatsregierungen. Je mehr Katastrophen noch kommen, desto eher steigt jedoch der Druck auf die Regierungen, mit Einsicht ist dagegen nicht zu rechnen.
DefTom 02.10.2009
4. Immer dasselbe Spiel...
Jetzt ist dieses Beben gerade mal eine Tag her, und schon fällt der versammelten Weltpresse dort nichts mehr anderes ein, als über Einzelschicksale und sog. Wunder zu berichten. Und der Spiegel spielt mit. Ich könnte kotzen.
wudi 02.10.2009
5.
Zitat von reuanmuc.. und wann und wie sie auftreten. Früher oder später, wahrscheinlich später, wird man erkennen, dass eine von der UNO organisierte, ständige Hilfstruppe für Katastrophenfälle sinnvoll wäre. Dagegen steht einzig der Stolz und die Autorität vieler Staatsregierungen. Je mehr Katastrophen noch kommen, desto eher steigt jedoch der Druck auf die Regierungen, mit Einsicht ist dagegen nicht zu rechnen.
Ich sehe das Problem aehnlich. Aber Druck auf die Regierungen? Wird in vielen Laendern wenig helfen. Nehmen wir nur das Beispiel Burma. Gerade Katastrophengebiete liegen oft in undemokratischen Staaten.
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