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Streit über Flüchtlingsheim: Stille im Björnsonweg

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Streit über Flüchtlingsheim in Hamburg-Blankenese "Dialog is nich"

Im edlen Hamburg-Blankenese zeigt sich, welche Ausmaße der Streit über Zuwanderung annehmen kann - und wie er die Gesellschaft spaltet.

Die Kampfzone haben sie inzwischen abgesperrt. "Gesichertes Objekt" steht an den Bauzäunen rund um den hügelig-kargen Sandplatz in Blankenese, als lagerten dort seltene Bodenschätze. Um Rohstoffe geht es am Björnsonweg im noblen Westen von Hamburg aber nicht. Es geht um Menschen.

Albrecht Hauter, ein weißhaariger Herr in rotem Rentnerjäckchen, spaziert an diesem Herbsttag den Zaun entlang, er macht ein düsteres Gesicht. "Hier könnten längst Häuser stehen", raunt er, "dann könnten die Flüchtlinge bald einziehen, Kinder würden auf der Straße spielen." Doch außer Sand und Gestrüpp ist hinter der Absperrung nichts zu sehen, dank einiger gewiefter Nachbarn: Erst verhinderten sie im April den Bau der Unterkünfte mit einer Straßenblockade, dann zog ein Anwohner vor Gericht. Seitdem liegen die Juristen im Dauerstreit.

In Blankenese verweigern wohlhabende Menschen Hilfsbedürftigen die Solidarität. Sie tun das unter dem Deckmantel des Naturschutzes: Der Björnsonweg grenzt an ein Landschaftsschutzgebiet, 42 Sträucher und Bäume sollen den Wohnpavillons für 192 Asylbewerber weichen. Aber um die angeblich schützenswerte Flora geht es den Asylgegnern wohl kaum - sondern um Angst vor Fremden.

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Streit über Flüchtlingsheim: Stille im Björnsonweg

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Albrecht Hauter grinst breit, wenn er erzählt, dass die Polizei schon vor einem halben Jahrhundert regelmäßig wegen zugezogener Unruhestifter ins Viertel ausgerückt sei: Im Wintersemester 1964, zu Beginn seines Lehramtsstudiums, sei er in ein Studentenwohnheim genau auf jenes Gelände gezogen, über das die Nachbarn heute so erbittert streiten. "Da", sagt er und zeigt auf ein paar Bäume, "stand damals mein Bett."

Die wilden Feten der rund hundert Studenten hätten manche Anwohner arg gestört, sagt Hauter, mit Straßenblockaden hätten sie trotzdem nicht reagiert. Als er 1991 mit seiner Familie wieder in den Björnsonweg gezogen sei, wohnten auf dem Gelände schon wieder Neulinge: Asylbewerber aus Iran, Afghanistan, Jugoslawien. "Gegner hat es schon damals gegeben", sagt Hauter, "aber es waren nicht so viele." Einmal habe ein Nachbar ein Straßenschild beschmiert. Aus dem Schriftzug "Vorsicht, spielende Kinder" sei durch einen Strich geworden: "Vorsicht, elende Kinder."

Es blieb ein Einzelfall bis 2008, als das Asylheim verschwand und die Stadt das Gelände der Natur überließ. Seine Kinder hätten jahrelang mit Flüchtlingskindern gespielt, sagt Hauter: "Wir haben das als sehr belebend empfunden - und es hat fast 20 Jahre lang sehr gut funktioniert."

Warum sollte das jetzt anders sein?

Markierte Bäume am Björnsonweg

Markierte Bäume am Björnsonweg

Foto: Axel Heimken/ dpa

Offenbar, weil es wieder Zugezogene im Viertel gibt. Keine Ausländer, keine Studenten - sondern wohlhabende Deutsche. Viele von ihnen wohnen schräg gegenüber der umzäunten Brachfläche in weißverputzten Wohnblöcken, die dort erst vor einigen Jahren entstanden sind. Die Spaltung der Gesellschaft ist in Blankenese daher auch räumlich: Am Beginn des Björnsonwegs stehen viele alte Reihenhäuser, hier wohnen Menschen wie Albrecht Hauter. Am Ende der Straße stehen schicke Neubauten, dort leben die Gegner des Asylheims, sagt er.

Seine Nachbarn, sagt Hauter, seien alle für das Flüchtlingsheim, "oder jedenfalls neutral". Spätestens seit der Straßenblockade vor dem Baugelände hätten sie aufgehört, an eine einfache Lösung des Konflikts zu glauben - erst recht, nachdem der Fall vor dem Verwaltungsgericht gelandet war. "Das mag ja alles legal sein", sagt Hauter, "aber dass das auch legitim ist, glaubt hier fast keiner."

Am anderen Ende der Straße wohnen diejenigen, die ihren Kampf für legitim halten - und durchaus sachliche Argumente vorbringen: Kritik am Genehmigungsverfahren, Sorge um zur Fällung vorgesehene Bäume, Hinweise auf die schwache Infrastruktur für so viele neue Nachbarn. Diejenigen, die sich öffentlich äußern, geben ein uneindeutiges Bild ab: Einige signalisieren Verständnis für die Pläne der Stadt, andere machen aus rassistischen Ressentiments gegenüber Asylbewerbern keinen Hehl.

Im Video: Wie der Konflikt im April eskalierte

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Warum sprechen die Blankeneser nicht offen über das Thema, warum gibt es keine Nachbarschaftstreffen oder Anwohnerversammlungen? "Das Thema ist irre hochgekocht worden", sagt eine Frau mit Fellkragenmantel und streng gebundenem Zopf. Die Meinungen über das geplante Flüchtlingsheim würden auseinandergehen, inzwischen werde kaum noch darüber gesprochen: "Wenn einer 'nen kritischen Mucks gesagt hat, wird man sofort angeprangert."

Schuld an der verfahrenen Situation sind demnach vor allem Politiker und Journalisten: Die Geschichte von der Straßensperre im April sei ein Märchen ("ich habe keine Blockade gesehen"), und über die Pläne für die Unterkünfte hätte die Stadt mit den Anwohnern vorab nie gesprochen. Solche Vorwürfe werden in Hamburg nicht nur in Blankenese laut. "Man stand plötzlich mit dem Rücken zur Wand", sagt sie und nennt die Klage vor Gericht den "einzigen Weg, seine Meinung zu äußern."

Im Nachbarhaus steht eine junge Mutter in der Haustür, einen Säugling im Arm: "Über das Flüchtlingsheim wird eigentlich nicht mehr gesprochen", sagt sie, "das Thema ist durch."

Nicht nur in Dresden oder Bautzen spaltet das Thema Flüchtlinge die Gesellschaft. Andernorts wird gebrüllt, im Björnsonweg wird geschwiegen und geklagt.

Eine Frau will die Debatte retten

So hat sich ein besonders engagierter Gegner des Asylheims durch die Instanzen geklagt - mit Erfolg. Sein Eilantrag hat die Bauarbeiten gestoppt, nun muss das zuständige Bezirksamt eine neue Genehmigung ausarbeiten. Doch was, wenn Anwälte das Projekt Björnsonweg erneut vereiteln?

Für Helga Rodenbeck wäre das eine Katastrophe. Die Pädagogin, eine Dame mit grellblonden Locken und guter Laune, sitzt in einem verglasten Wintergarten im Zentrum von Blankenese. Dort, im Pfarrhaus neben der Marktkirche, steuert Rodenbeck die Flüchtlingsarbeit des Stadtteils - obwohl im kompletten Stadtteil bis heute keine einzige Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber steht. Sie will das ändern, mit Gesprächen. "Mir fällt es leicht, auf die Menschen zuzugehen", sagt sie.

Rodenbeck geht seit 23 Jahren auf Menschen zu. Damals, als sie ihr Büro noch am Björnsonweg hatte, gründete sie den Flüchtlingshilfeverein "Runder Tisch Blankenese", im vergangenen Mai organisierte sie die erste große Demo für die Errichtung der geplanten Unterkunft . Laut Polizeiangaben kamen fast 800 Blankeneser, doch eine breite gesellschaftliche Debatte blieb aus. Stattdessen grüßen einige Blankeneser sie nicht mehr, wie Rodenbeck sagt: "Ich habe auch mal ein Schreiben bekommen, da stand drin: 'Kehr vor deiner eigenen Haustür!'"

"So ist unsere Welt nicht mehr"

Das Problem sei die Polarisierung, sagt Rodenbeck, im Grunde gebe es nur noch drei Gruppierungen: Hardliner, die gegen Asylheime vor Gericht ziehen; Engagierte, die Flüchtlingen helfen; Unbeteiligte, die ihre Ruhe haben wollen. So seien etwa zur letzten Demo für das Flüchtlingsheim vor allem Aktivisten aus anderen Stadtteilen gekommen, das sei kontraproduktiv. Um den Konflikt in Blankenese zu lösen, helfe nur eines: reden.

Sie werde nun gezielt Blankeneser zum Frühstück einladen und mit ihnen über Asylbewerber sprechen, außerdem sollen ein Flüchtlingsstammtisch und eine Begegnungsstätte entstehen, das "Bunte Haus". "Es gibt aber vielleicht eine Handvoll Menschen, die ich trotzdem nicht knacken werde", räumt Rodenbeck ein. Isolieren wolle sie diese Leute nicht - aber sie habe kein Verständnis für die Forderung, dass alles so bleiben soll, wie es ist: "So ist unsere Welt nicht mehr."

Wie aber funktioniert eine Gesellschaft, wenn der Dialog über eines der umstrittensten Themen zum Erliegen kommt?

Albrecht Hauter schaut auf die Neubauten am Björnsonweg und streicht durch seine weißen Bartstoppeln. Einmal, sagt der Pensionär, sei er auf einer Art Anwohnerversammlung gewesen, es war der bis heute einzige Versuch eines direkten Austauschs zwischen Gegnern und Befürworten der Flüchtlingsunterkunft. Einige Nachbarn hätten etwa über den Geruch von Flüchtlingen referiert, seitdem habe es keine Gespräche mehr gegeben.

"Dialog is nich", sagt Hauter, "die wollen wohl ihre Ruhe haben." Er glaube zwar, dass viele inzwischen ein schlechtes Gewissen hätten - weil sie inzwischen wüssten, dass ihr Verhalten egoistisch sei. Gesprochen werde trotzdem nicht mehr, höchstens noch höflich gegrüßt. "Der Dialog ist gescheitert", entfährt es Hauter seufzend, "jetzt entscheiden halt die Gerichte."

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Zusammengefasst: Im Hamburger Stadtteil Blankenese gehen die Meinungen über ein seit Monaten geplantes Flüchtlingsheim weit auseinander - die Gegner hatten erste Bauarbeiten unter anderem mit einer Straßenblockade sabotiert. Geredet wird über das Thema jedoch nicht, stattdessen müssen sich Gerichte damit befassen. Der stille Streit hat das Viertel tief gespaltet.

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