Guerilla-Häkeln "Ich freue mich so sehr, wenn die Leute anhalten und schauen"

In einem Hamburger Ortsteil umhäkelt Dörte Horstmann Laternenpfähle oder Straßenschilder. Interview mit einer Frau, die dem Alltag ein wenig Farbe schenken möchte.

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SPIEGEL ONLINE: Frau Horstmann, Sie dekorieren seit einiger Zeit einen Straßenzug im Hamburger Stadtteil Moorfleet mit Häkelarbeiten. Wie ist es dazu gekommen?

Dörte Horstmann: Es begann mit dem "Vorfahrt-achten"-Straßenschild, das ich von hinten mit einer gehäkelten Schildkröte behängt habe. Da war immer die graue Fläche der Rückseite des Schildes, ich guckte aus meiner Wohnung immer drauf, das fand ich hässlich. Ich bin hier die "Schildkröten-Mama", habe ein Faible für Schildkröten und hole seit einigen Jahren alle, die im Hamburger Tierheim abgegeben werden oder ausgesetzt wurden, zu mir. Ich versorge inzwischen 17 Tiere in unserem Gewächshaus. Da dachte ich, ein Schildkröten-Straßenschild - das passt.

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Häkelkunst: "Für ein Lächeln"

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie selbst auf die Idee gekommen oder haben Sie das mal irgendwo gesehen?

Horstmann: Dass Pfähle, Pfosten oder Stangen bestrickt waren, hab ich mal in Wien gesehen. Da dachte ich, ach guck mal, das ist ja schön. Dieser kleine Moment, mal kurz innezuhalten und sich zu freuen. Dann ist das ja so eine Welle geworden, Guerilla-Knitting heißt das. Den öffentlichen Raum netter gestalten, das hat mir gefallen. Anfangs hab ich gestrickt, jetzt häkele ich aber mehr, da kann man die Figuren besser modellieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Objekte haben Sie inzwischen gehäkelt?

Horstmann: Wahrscheinlich um die 50. Ich platziere auch immer etwas nach Jahreszeit. Im Winter kommt der Schneemann Olaf um die Stange eines Straßenschildes, der hat eine Lichterkette in den Kugeln eingehäkelt und kann abends leuchten. Im Sommer war die Giraffe Mordillo da, im Herbst hänge ich eine Spinne in ein gehäkeltes Spinnennetz. Jetzt ist das nur ein Mandala ohne Spinne. Zu Ostern habe ich Küken und Hühner gehäkelt, die hab ich vor zwei Wochen rausgestellt. Ich hab ja Zeit, früher hatten wir die Arbeit in der Gärtnerei, Pflege der Eltern, drei Kinder. Jetzt sind die groß und ich muss nicht mehr so viel arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Passanten?

Horstmann: Ach, ich freue mich so sehr, wenn die Leute anhalten und schauen. Selbst schnelle Rennradfahrer fahren vorbei, bremsen und kommen zurück, um das zu fotografieren. Einen Augenblick mal rausziehen aus dem Alltag und überrascht sein - oh, da war was. Für ein Lächeln, das ist doch wunderbar. Inzwischen ist das ein Selbstgänger. Kinder fordern ihre Eltern auf, dort langsam zu fahren, weil sie gucken wollen, ob es wieder was Neues gibt.

Dörte Horstmann
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Dörte Horstmann

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hängt so ein Motiv normalerweise?

Horstmann: Das erneuere ich immer. Die Schildkröte zum Beispiel ist bestimmt schon die achte oder neunte, die Sonne bleicht die Wolle ganz schnell aus. Dann sieht es nicht mehr schön aus. Manchmal wird es auch geklaut. Neulich zum Beispiel haben sie die gesamte Ostergarnitur geklaut. Küken, Hühner, Eier, Eule - alles weg. Dann fang ich eben wieder von vorne an. Einerseits blöd, andererseits denk ich: Toll, deine Kunst ist so begehrt, dass sie gemopst wird. Man muss das positiv sehen. Inzwischen kriege ich schon Woll-Spenden, jeder hat ja irgendwo noch was rumliegen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es schon mal Beschwerden von Behörden?

Horstmann: Nee, da kam noch nichts. Selbst der Ortspolizist hier, der sonst alles ganz genau nimmt, hat noch nichts gesagt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch weitere Ideen zur Verschönerung der Straßen?

Horstmann: Neulich hab ich im Netz gesehen, dass Privatleute tiefe Schlaglöcher mit durchsichtigem Kunstharz ausgießen und kleine Gummifische da reinsetzen. Das hat mir gefallen. Ist ja sogar nützlich, denn stellen Sie sich mal vor, in so ein tiefes Loch fährt ein Motorrad- oder Radfahrer, was da passieren kann. Ich hab mich informiert, das Ausgießen mit Kunstharz ist sogar legal. Ist nicht strafbar. Vielleicht mach ich mal so was.

jat



insgesamt 6 Beiträge
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kortex 18.04.2019
1. Bürokratenstaat
Das die gute Frau für die Nummer mit dem Verkehrsschild nicht gleich angezeigt wurde, wundert mich für deutsche Verhältnisse. +1
Schartin Mulz 18.04.2019
2. Vielleicht
sollte man aber auch mal ein paar Fotos veröffentlichen, wie das ganze nach 1,2 Jahren aussieht. Da habe ich schon so manchen Schandfleck gesehen.
Lisa_can_do 18.04.2019
3. mehr davon
einfach mal anders, einfach mal machen. Bei uns in Deutschland gibt es ja für alles Regeln, Gesetze und Verbote. Da priorisieren wir auch mal solche Themen so hoch, dass sofort etwas dagegen getan werden muss. Oder diese aktive Frau mal machen und alle Vorbeifahrenden freuen lassen - das ist doch eine schöne Osterparole.
frau_flora 18.04.2019
4.
Zitat von Schartin Mulzsollte man aber auch mal ein paar Fotos veröffentlichen, wie das ganze nach 1,2 Jahren aussieht. Da habe ich schon so manchen Schandfleck gesehen.
Wer lesen kann... ;-) SPIEGEL ONLINE: Wie lange hängt so ein Motiv normalerweise? Horstmann: Das erneuere ich immer. Die Schildkröte zum Beispiel ist bestimmt schon die achte oder neunte, die Sonne bleicht die Wolle ganz schnell aus. Dann sieht es nicht mehr schön aus.
dasfred 18.04.2019
5. Zu Nr.2 Schartin Mulz
Im Text steht doch, dass die Frau zum Beispiel die Schildkröte schon ausgewechselt hat, wenn sie verblichen war. Zu Nr.1 noch mal, das Häkelnmotiv ist auf der Rückseite eines Schildes angebracht.
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