Hamburger Kinder- und Jugendnotdienst "Ich hatte schon Todesangst"

Ein Baby wird misshandelt, ein Teenager leidet unter seiner psychisch kranken Mutter: In solchen Fällen sind die Mitarbeiter des Hamburger Kinder- und Jugendnotdienstes gefragt. Bericht über einen Job am Limit.

KJND-Mitarbeiter im Einsatz
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KJND-Mitarbeiter im Einsatz

Von Gesine Müller


Gewalt, sexuelle Übergriffe, Drogen- und Alkoholmissbrauch - die Mitarbeiter des Hamburger Kinder- und Jugendnotdienstes (KJND) kommen zum Einsatz, wenn Kinder und Jugendliche akut in Gefahr sind. Rund 30 Angestellte arbeiten im ambulanten Notdienst in Wechselschichten rund um die Uhr. Sie beraten am Telefon und fahren zu Hausbesuchen. Immer dann, wenn das Jugendamt geschlossen hat: nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Wer sie begleitet, bekommt einen Einblick in einen Job, der Mitarbeiter an ihre Grenzen bringt.

Knapp 30 Jahre arbeitet Renate Flerlage beim KJND. Ihre Schicht beginnt an einem Samstag um 17 Uhr, mit Glück endet sie am Sonntagmorgen um 4 Uhr. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Reinhard Hölzen fährt die 51-Jährige zu einem unangekündigten Besuch bei einer alleinerziehenden Mutter mit 15-jährigem Sohn. Dem Jugendamt liegt eine anonyme Anzeige vor: Die Mutter sei psychotisch, nehme ihre Medikamente nicht, und der Junge sei bereits seit Wochen nicht mehr in der Schule gewesen.

Die Mitarbeiter des KJND sollen kontrollieren, ob sich das Kind in einer Notsituation befindet und Hilfe benötigt. "Man weiß bei solchen Hausbesuchen nie, was so passiert. Manchmal ist es ein Anruf, wo es eigentlich nur darum geht, dass Nachbarn sich gestört fühlen und jemanden einen schlechten Leumund nachsagen wollen, und manchmal steckt auch eine heftige Kindeswohlgefährdung dahinter", sagt Reinhard Hölzen.

In diesem Fall droht das Gespräch mit der Mutter im Treppenhaus zu enden. Die Frau verweigert dem Team des KJND den Zutritt zu ihrer Wohnung. Doch die Helfer müssen mit dem Teenager sprechen, sich überzeugen, dass es dem 15-Jährigen gut geht.

"Mich macht das im Moment jetzt erst einmal sprachlos"

Mit Unterstützung der Polizei gelangen sie schließlich in die Wohnung - mit bedrückenden Resultat: Vermutlich aufgrund einer psychischen Erkrankung isoliert die Mutter ihren Sohn seit Jahren in der Wohnung. Er darf diese nur in Begleitung der Mutter verlassen. Zuletzt meldete sie ihn mit diversen Attesten bei der Schule ab.

"Also, mich macht das im Moment jetzt erst einmal sprachlos, dass in dieser Stadt Kinder so groß werden müssen." Renate Flerlage sieht in ihrem Beruf viel Leid, doch das Schicksal des Jungen berührt sie sehr. Das Angebot, ihn sofort in einer Wohngruppe unterzubringen, lehnte der Teenager unter Tränen ab. Die Krisenhelferin wird einen Vermerk ins Computersystem setzen. Ab Montag werden die Mitarbeiter des zuständigen Jugendamtes Mutter und Sohn weitere Hilfsangebote unterbreiten.

Die sogenannte Inobhutnahme ist das letzte Mittel der Sozialpädagogen des KJND in Krisen. Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, das Wohl des Kindes zu schützen, können sie es mitnehmen und vorläufig unterbringen. Dafür stehen 36 Plätze in der Einrichtung selbst zur Verfügung, aber auch andere Wohngruppen in Hamburg.

Todesangst im Auto

Die Krisenhelfer des KJND müssen die Entscheidung häufig vor Ort treffen. Das erfordert Mut. Jedes Herausnehmen eines Kindes aus seiner familiären Umgebung ist ein traumatischer Eingriff - einerseits. Jedes Zögern kann das Wohl des Kindes gefährden - andererseits.

Und selbst in eindeutigen Situationen verläuft eine Inobhutnahme selten reibungslos. "Ich hatte schon ein einziges Mal wirkliche Todesangst, das war haarscharf. Wir mussten da ein Baby rausnehmen. Und ich saß mit diesem Kind im Dienstfahrzeug und die Nachbarschaft hat versucht, gemeinsam diesen Wagen zu kippen", sagt Renate Flerlage.

Renate Flerlage
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Renate Flerlage

An einem Wochenende werden sie und ihre Kollegen noch Kinder in Obhut nehmen, minderjährigen Missbrauchsopfern helfen und viele weitere Hausbesuche absolvieren - wie immer, wenn es Nacht wird in Hamburg.


Mehr zum Thema am Dienstagabend in der 37-Grad-Reportage "Wir holen dich da raus! - Hilfe für Kinder in Not" (22.15 Uhr, ZDF)



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