Flüchtlingsheim am Grenzweg Safouh zieht aus

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Für Safouh Hussain aus Syrien geht ein Wunsch in Erfüllung: Nach mehr als anderthalb Jahren im Flüchtlingsheim zieht er in eine eigene Wohnung. Der Umzug ist ein Abschied von liebgewonnenen Begleitern.

Flüchtlingsheim am Grenzweg
  • Arnold Morascher
    Die Erstaufnahme Rahlstedt befindet sich am Rand eines Hamburger Gewerbegebiets. Eines Tages sollen hier 560 Flüchtlinge wohnen. Wie sieht ihr tägliches Leben aus? Wie funktioniert eine Erstaufnahme? Was verändert sich für die Nachbarn? Dieser Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Unterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.

1 Jahr, 7 Monate und 22 Tage ist es her: Der Syrer Safouh Hussain, damals 18 Jahre alt, betrat sein neues Heim - eine eilig zur Flüchtlingsunterkunft umgebaute Turnhalle der Bundeswehr in Hamburg-Osdorf. Mit sieben anderen Männern teilte er sich ein Compartment, eingerichtet mit Spinden und Etagenbetten aus Metall.

Ein Jahr später saß er in einem Reisebus und fuhr quer durch die Stadt in sein nächstes Zuhause, die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt. Dort im Containerdorf hatte er einen Zimmernachbarn.

Und nun steht Safouh vor einem Kleinbus der Malteser, die die EA Rahlstedt führen. In den Transporter sind Taschen eingeladen, schwarze und blaue Müllsäcke voller Kleidung, Schaumstoffmatratze, Bettwäsche. Neben ihm wischt sich der Sozialmanager Jacques Zeljko Blagojevic über die Augen und sagt ein wenig trotzig: "Wenn ich weine, dann weine ich." Denn an diesem Tag zieht Safouh aus der Erstaufnahme aus - in eine eigene Wohnung.

Keine Eins-a-Lage, aber völlig in Ordnung

Dreimal so lange wie gesetzlich vorgesehen hat Safouh in einer prekären Unterkunft und in der Erstaufnahme verbracht. Er gehört damit zu den 5400 sogenannten Überresidenten in Hamburg - was rund zehn Prozent der Flüchtlinge in der Stadt entspricht.

Dass er jetzt in eine ganz normale Wohnung zieht, verdankt er nicht der städtischen Tochterfirma Fördern&Wohnen, denn die ist für die Vermittlung in Mietwohnungen nicht zuständig (dafür gibt es Fachstellen in den Hamburger Bezirksämtern). Sondern sich selbst und auch dem Malteser-Mitarbeiter Blagojevic, der ihm bei den vielen, vielen Bewerbungsschreiben geholfen hat. Wenn also fördern&wohnen Safouh verlegt hätte, wäre er in eine der 119 sogenannten öffentlich-rechtlichen Unterkünfte in der Stadt gekommen. Dazu gehören Pavillon- und Bestandsgebäude, wie zum Beispiel ehemalige Schulen, Blöcke aus gestapelten Containern, aber auch ganz normale Mehrfamilienhäuser.

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Umzug: Vom Flüchtlingsheim in die eigene Wohnung

Was auch daran liegt, dass der Hamburger Senat in einer Zwickmühle ist: Weil die Stadt boomt, brauchen immer mehr Menschen und neues Gewerbe Platz. Aber freie Flächen gibt es kaum noch. Die rot-grüne Regierung hat kein Interesse daran, der Befürchtung mancher Hamburger Bürger Nahrung zu geben, sie müssten mit Flüchtlingen um den ohnehin knappen Wohnraum konkurrieren.

Deshalb plant die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen Flüchtlingsunterkünfte auf Flächen, für die kein Wohnungsbau vorgesehen ist. Landschaftsschutzgebiete zum Beispiel. Das erfreut auch nicht alle Hamburger. Obwohl ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren geschaffen wurde, dauert es Monate oder gar Jahre, bis die Unterkünfte gebaut sind.

Also keine Option für Safouh. Er erfuhr von einem Bekannten, dass in ein paar Wochen eine Dreizimmerwohnung frei werde, in Neuwiedenthal, einem Stadtteil südlich der Elbe. Keine Eins-a-Lage, aber völlig in Ordnung. Der Vermieter sei bereit, an Flüchtlinge zu vermieten.

Schon die Fotos gefielen Safouh ziemlich gut, und als er die Wohnung besichtigte, war er begeistert: große Zimmer! Eine nagelneue weiße Einbauküche! Endlich selbst kochen! Doch die Miete war zu hoch, es war klar, dass das Jobcenter, das die Wohnkosten für ALG-2-Empfänger übernimmt, Nein sagen würde. Deshalb schlug Safouh vor, dass zwei syrische Brüder aus der EA Rahlstedt mit ihm dort einziehen sollten. Im Jobcenter wurde der Mietvertag überprüft, und Safouh bekam ein Okay.

Menschen vom Grenzweg
Safouh Hussain
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Schon 2012 verließ er mit seiner Familie Damaskus und floh in den Libanon, denn seine Mutter ist Libanesin. Der Syrer machte in Beirut Abitur und entschloss sich danach, eine neue Perspektive in Deutschland zu suchen. Deutsch brachte er sich mit Internet-Kursen selbst bei, seit Dezember 2016 besucht er einen Integrationskurs. Er ist als Flüchtling anerkannt und möchte im Herbst 2017 ein Studium beginnen. Anfang April 2017 hat er die EA Rahlstedt verlassen und ist in eine eigene Wohnung in Hamburg umgezogen.
Olav Stolze
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Für die Malteser leitete Olav Stolze ab Herbst 2015 schon die Flüchtlings-Notunterkunft in der Turnhalle Rugenbarg und zog mit den verbliebenen Bewohnern im Oktober 2016 in die Erstaufnahme in Hamburg-Rahlstedt um, die er seitdem leitet. Ihm unterstehen Unterkunftsmanagement, Sozialmanagement und Technischer Dienst in dem Flüchtlingsheim.
Susanne Behem-Loeffler
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Ihr Job als Ehrenamtskoordinatorin ist es, Freiwillige für die Arbeit in der EA Rahlstedt zu gewinnen: Menschen, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen, mit ihnen Sport, Musik oder Theater machen, die mit den Kindern basteln oder mit Frauen nähen. Sie kümmert sich auch um Ehrenamts-Aktivitäten außerhalb der Unterkunft und vermittelte zum Beispiel Murad eine Theaterhospitanz.
Mena Rytlewski
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Sie studierte in Hamburg Sozialökonomie und arbeitete lange mit Behinderten. Dann bewarb sie sich bei den Maltesern, und seit Januar 2017 leitet sie in der EA Rahlstedt das Sozialmanagement. Sie ist Ansprechpartnerin für die Bewohner, vermittelt Traumatisierte an Ärzte oder zuständige Behörden, sorgt für den sozialen Frieden in der Unterkunft.
Familie Rashid
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Ashna, Awat sowie ihre Kinder Dekan, Mohammed und Divan sind irakische Kurden. Sie flohen 2015 vor Morddrohungen im Zusammenhang mit einer Blutfehde, die schon Dekans Zwillingsschwester das Leben kostete. Im Februar 2017 zog die Familie aus der EA Rahlstedt in eine Hamburger Folgeunterkunft. Dekan besucht einen Berufsvorbereitungskurs, Mohammed geht in die Waldorfschule und Divan in eine Grundschule. Der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt, sie haben Widerspruch eingelegt und warten auf ihren Prozess.
Murad
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Vor den mordenden Terrortruppen des IS floh der irakische Jeside im August 2014 mit seiner Familie Hals über Kopf ins Sindschar-Gebirge und später in die Autonome Region Kurdistan. Da er dort keine Perspektive für sich sah, kam er 2015 nach Hamburg. Seit November 2016 ist er als Flüchtling anerkannt und besucht einen Integrationskurs. Außerdem dreht er einen eigenen Film, in dem er seinen Blick auf Flüchtlinge in Deutschland dokumentieren will. Derzeit sucht er zudem einen Halbtagsjob.

Vier Wochen vor dem Einzug ist Safouh wieder in Neuwiedenthal, um dem Vermieter den unterschriebenen Mietvertrag vorbeizubringen. Er klingelt, steigt ein paar Stufen zur Wohnung hoch, die Tür geht auf. Vermieter Amir Ullah bietet Safouh an, ein paar weiße Schleiflack-Möbel zu übernehmen, die er nicht mehr braucht.

Ullah zieht aus seiner Eigentumswohnung in ein Haus nach Buxtehude. Er arbeite als Container-Kranfahrer im Hafen, erzählt er, die Pendelei zum Job sei von Buxtehude aus gut zu schaffen. Dann klopft er Safouh auf die Schulter und sagt: "Wir Ausländer müssen zusammenhalten." Ausländer? Na ja, seine Mutter heiße Sabine, sagt Ullah, sein Vater aber sei pakistanisch-iranischer Herkunft. "Sehe ich deutsch aus?", sagt er und blickt fragend aus stahlblauen Augen.

Sprachprüfung? "Manchmal einfach und manchmal wirklich schwer"

Sechs Tage vor seinem Umzug macht Safouh den nächsten Schritt in Richtung Integration: Er schreibt seine B2-Sprachprüfung an der Berlitz School. "Manchmal einfach und manchmal wirklich schwer", sei der Test gewesen, erzählt er. Aber er ist optimistisch. Falls er tatsächlich bestanden hat, beginnt im Mai der nächste Kurs, für das C1-Level. Und wenn er das schafft, kann er ein Medizintechnik-Studium beginnen. Jedenfalls, wenn er einen Studienplatz ergattert. Es sind noch ein paar Wenns bis zur Normalität.

Der weiße Malteser-Kleinbus steht fertig beladen und abfahrbereit vor dem Tor der EA Rahlstedt. Safouh hat mit dem Leiter des Unterkunftsmanagements, Simeon Rehr, sein ausgeräumtes und geputztes Zimmer besichtigt, alle Punkte aus dem Formular fürs Auschecken sind abgehakt.

Da kommt der Unterkunftschef Olav Stolze vorbei, um sich von Safouh zu verabschieden. "Du warst sogar zwei Wochen vor mir in Osdorf", sagt Stolze, und dann tauschen sie Erinnerungen aus. Zum Beispiel, dass Stolze damals für die Flüchtlinge gleich Karten für ein Eishockey-Spiel besorgt hatte. Dass sie sich nächtelang unterhalten hatten, anfangs noch auf Englisch. Und dass Safouh sich blitzschnell Deutsch beibrachte und als Übersetzer aushalf.

Zur Autorin
  • Torsten Kollmer
    Marianne Wellershoff ist Autorin beim SPIEGEL und beschäftigt sich mit Themen aus Kultur und Gesellschaft. In diesem Blog berichtet sie aus dem Mikrokosmos einer Erstaufnahme. Sie geht der Frage nach, wie Flüchtlinge in Deutschland leben und wie das Land mit ihnen lebt.

Dann klettert Safouh auf den Beifahrersitz. Der Sicherheitsdienst lässt das Stahltor zur Seite gleiten, Blagojevic steuert den Kleinbus vom Gelände. Über die Autobahn fahren sie 25 Kilometer zu einer Wohnung. Dort lebte ein Rentner, der in ein Altersheim gezogen ist und seinen Hausstand zurückgelassen hat. Wie Safouh und Blagojevic bei ihrer Ankunft feststellen, war die Sozialeinrichtung "Mook wat", die Möbel preisgünstig an Bedürftige abgibt, schneller.

In der Küche ist kein Besteck mehr und nur noch hinten im Schrank ein vergessener Topf ohne Deckel. Dazu ein Geschirrsammelsurium, ein Stuhl, Handtücher und Waschlappen, ein Wäscheständer, Putzeimer, Kissen, eine kleine Lampe, ein Servierwagen aus Glas und poliertem Messing. Einen Fernseher hat "Mook wat" auch zurückgelassen. Safouh freut sich. Das Geld, das er für Möbel und Hausrat beim Jobcenter beantragt hat, ist nämlich noch nicht angekommen.

Safouh wickelt Gläser vorsichtig in Handtücher, läuft die Treppen hoch und runter, schleppt gemeinsam mit Blagojevic den Fernseher, den Stuhl, die Umzugskisten. Er hat es eilig, er will endlich ankommen. Als sie alles eingeladen haben, ist der Kleinbus voll. Dann fahren sie zu Safouhs neuer Heimat in Neuwiedenthal.

In der Wohnung des Rentners bleiben nur ein paar Tassen zurück. Und die Korkenzieher. Und der Weihnachtsschmuck.

Dieses Blog beschreibt Woche für Woche den Alltag einer großen Flüchtlingsunterkunft und lässt Bewohner, Mitarbeiter, Anwohner zu Wort kommen.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

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