Umgang mit mutmaßlichem Missbrauch Hamburger Erzbischof Heße gerät unter Druck

Das Kölner Erzbistum lässt den Umgang mit Missbrauchsfällen von Juristen untersuchen. Sie stießen laut Medienberichten auf einen Vermerk, der den Hamburger Erzbischof Heße in Erklärungsnot bringt.
Unter Druck: Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße (Archivbild)

Unter Druck: Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße (Archivbild)

Foto: Malte Ossowski / SVEN SIMON / imago images

Seit der Aufdeckung der ersten großen Missbrauchsskandale im Jahr 2010 ist die katholische Kirche in Deutschland mit der Aufarbeitung solcher Straftaten konfrontiert - und deren systematischer Vertuschung. Nun gerät der Hamburger Erzbischof Stefan Heße unter Druck. Ein Aktenvermerk legt nahe, dass er an der Vertuschung eines Falles von mutmaßlichem Missbrauch beteiligt sein könnte.

Die katholische Kirche hatte vor zwei Jahren die wegen ihrer Methodik umstrittene MHG-Studie veröffentlicht. Demnach wurden zwischen 1946 und 2016 mehr als 3600 überwiegend männliche Minderjährige Opfer sexueller Übergriffe durch Priester und Diakone. Die Untersuchung der Deutschen Bischofskonferenz galt als wichtiger Schritt in der Aufarbeitung - nannte jedoch nicht die Namen der Täter.

Das sollte sich im Falle des Kölner Erzbistums ändern. Erzbischof Rainer Maria Woelki lässt den Umgang des Erzbistums mit Missbrauchsfällen von Münchner Anwälten untersuchen. Die Juristen sollten auch Namen derer nennen, die sexuellen Missbrauch vertuscht oder nicht konsequent geahndet haben, wie Woelki ausdrücklich versprach.

Foto: Marius Becker/ dpa

Im März sollte das Gutachten der Presse vorgestellt werden. Doch kurz vor dem angekündigten Termin machte Woelki einen Rückzieher: Die "identifizierbare Nennung der früheren Verantwortungsträger" sei nicht in all ihren Rechtsaspekten "abschließend geklärt", hieß es.

Zuvor, so ist zu hören, hatten einige dieser "Verantwortungsträger" mit Gegenmaßnahmen gedroht. Inzwischen ist rund ein halbes Jahr vergangen, aber einen neuen Termin für die Veröffentlichung des Gutachtens gibt es immer noch nicht.

Nun sickern die Ergebnisse nach und nach auf inoffiziellem Weg durch. Und diese bringen Heße in Bedrängnis.

Priester soll Mädchen missbraucht haben

Heße, ein gebürtiger Kölner, hat in seinem Heimatbistum Karriere gemacht. Er war dort Personalchef und Generalvikar, bevor er 2015 als Erzbischof nach Hamburg wechselte.

Er gerät im Fall eines heute 69 Jahre alten Priesters unter Druck. Der Priester soll in den Neunzigerjahren seine minderjährigen Nichten über Jahre schwer sexuell missbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft Köln hat bereits Anklage gegen den Geistlichen erhoben.

"Alles erzählt"

Die "Bild"-Zeitung berichtete , die Münchner Anwälte seien bei ihren Nachforschungen auf einen brisanten Aktenvermerk gestoßen. Demnach habe Pfarrer U. im "Generalvikariat in einem Gespräch alles erzählt".

Über dieses Gespräch wurde dem Vermerk zufolge bewusst kein Protokoll angefertigt, da man befürchtete, dieses könnte beschlagnahmt werden. Es sollten nur handschriftliche Notizen existieren, "die notfalls vernichtet werden könnten". Und: "Herr Prälat Dr. Heße gibt zu diesem Vorgehen sein Einverständnis", heißt es laut "Bild" in dem Vermerk von 2010. Das Erzbistum Hamburg hat den Text mittlerweile bestätigt.

Im Raum steht nun der Verdacht, Heße sei an der Vertuschung des Missbrauchs beteiligt gewesen. Zu dem Vermerk teilt er der Deutschen Presse-Agentur mit: "Es handelte sich um eine Telefonnotiz meiner Sekretärin. Es ist also nicht etwas, was ich gesagt habe, auch nicht etwas, was mir gesagt wurde, sondern etwas, das aufgeschrieben worden und mir vorgelegt worden ist, und das wirft einige Fragen auf." Er sei an einer vollständigen Aufklärung interessiert.

Der unter Missbrauchsverdacht stehende Pfarrer war nach dem erstmaligen Bekanntwerden der Vorwürfe noch lange für das Kölner Erzbistum tätig. Von 2002 bis 2016 war er Krankenhauspfarrer in Wuppertal, von 2016 bis 2019 Pfarrvikar im Kreisdekanat Euskirchen. Auch beteiligte sich das Erzbistum an seinen Anwaltskosten.

"Heße wäre 2010 kirchenrechtlich dazu verpflichtet gewesen, eine Voruntersuchung einzuleiten und den Vatikan zu informieren", sagt der Münsteraner Theologe und Kirchenrechtler Thomas Schüller dem SPIEGEL. "Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, ist Heße als Hamburger Erzbischof nicht mehr haltbar."

bhr/jpz/dpa
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