Özlem Gezer

Ein Jahr nach dem Hanau-Attentat Es waren meine Leute

Özlem Gezer
Ein Kommentar von Özlem Gezer
Ein Kommentar von Özlem Gezer
Unsere Reporterin hat die Angehörigen der Opfer von Hanau monatelang begleitet. Sie stammt selbst aus einer Einwandererfamilie. Heute bereut sie, dass sie vor einem Jahr nicht auf die Straße gegangen ist.
Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau

Gedenken an die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau

Foto: Milos Djuric / DER SPIEGEL

Am 19. Februar 2020 tötete ein Rassist neun junge Menschen in Hanau. Er erschoss sie, während sie hinter einer Theke standen, in ihrer Shishabar saßen, am Straßenrand eine Zigarette rauchten, Nudeln aßen in einem Kiosk in Hanau-Kesselstadt.

Ich bin in einem Hochhaus in der Nähe der Hamburger Reeperbahn aufgewachsen, in den Neunzigerjahren war mein Viertel vergleichbar mit Hanau-Kesselstadt: hohe Blocks, Familien aus aller Welt, viele Kinder. Unser Treffpunkt damals war »Sun Food«, eine Bar wie der letzte Tatort dieser Nacht in Hanau. Ich bin 39 Jahre alt, die Toten von Hanau waren alle jünger als ich, manche hätten meine Söhne sein können.

In den Tagen nach dem Anschlag hörte ich im Fernsehen ihre Mütter, die sagten: Aber mein Sohn hatte doch gerade seine Ausbildung abgeschlossen. Ich hörte Väter, die sagten: Wir haben doch immer Steuern gezahlt in diesem Land, warum wollt ihr uns noch immer nicht.

Da waren sie plötzlich sichtbar, Menschen, die man sonst kaum hörte. Menschen, die deutsche Autobahnen mit aufgebaut hatten, Schichtführer in Industriebetrieben waren, Busfahrer oder Schreiner. Ihre Kinder waren Heizungsinstallateure, Anlagenmechaniker, Lageristen, Hausmeister und Kammerjäger. Nützliches Personal für die deutsche Wirtschaft.

Es gibt in diesem Land zwei Schubladen für Migrantenkinder: die für Vorzeigemigranten und die für Problemmigranten. Die Eltern der Ermordeten schienen diese Schubladen zu kennen, es war ihnen wichtig, den echten Deutschen noch einmal zu sagen, wo man ihre toten Kinder einsortieren sollte.

Ermordet wurden am 19. Februar 2020 Kinder und Enkel von Menschen, die in den vergangenen 60 Jahren in dieses Land gekommen sind, damit es ihnen oder ihren Kindern eines Tages »besser geht«. Ich weiß, für Leserinnen und Leser ohne Einwanderungsgeschichte ist das wahrscheinlich eine alte Migrationsfloskel. Für uns ist es ein Versprechen, das wir mit unserer Einschulung abgeben. Unsere Abschlüsse und unsere Jobs sind die Medaillen unserer Eltern und Großeltern, sie sind der Beweis dafür, dass es richtig war, hierherzukommen.

Neun von ihren Kindern waren jetzt tot. Es gab Demonstrationen, Solidaritätsbekundungen. Aber es gab keine Massenproteste, keine Märsche durch deutsche Städte, keine bundesweiten Ausschreitungen wie nach dem Tod von George Floyd in Amerika.

Warum eigentlich nicht?

Wir blieben zu Hause: Menschen ohne Einwanderungsgeschichte, weil sie sich nicht getroffen fühlten von diesem Anschlag. Leute wie ich, weil sie nicht gemeint sein wollten.

Dabei war der »gut gemeinte« Alltagsrassismus schon immer da in meinem Leben. Lehrer, die meinem Vater erklärten, ich redete nur so viel, weil er mich, aufgrund seiner türkischen Herkunft, zu Hause unterdrücke als Mädchen. Chefärzte, die meine Mutter, die ihre Räume im Uniklinikum Eppendorf putzte, lobten für das Glas Wein, das sie hob bei der Weihnachtsfeier. Fahrgäste, die in das Taxi meines Vaters stiegen und es toll fanden, dass er es als »Türke« geschafft hatte, Jugendtrainer bei St. Pauli zu sein.

Ich hatte mich daran gewöhnt.

Wenige Monate nachdem ich meinen Redakteursvertrag beim SPIEGEL unterschrieben hatte, wurden die rassistischen Morde des NSU öffentlich. Der Gemüseladen des Hamburger NSU-Opfers Süleyman Taşköprü lag wenige Straßen von der türkischen Teestube meines Onkels entfernt. Mein Vater kannte die Familie persönlich. In den Jahren danach beobachtete ich, dass etwas kaputtging in seinem Verhältnis zu diesem Land. Mein Vater war als Teenager gekommen, er war seinem Vater hinterher gereist, der 1964 als Hafenarbeiter nach Hamburg gezogen war. Er hatte dem deutschen Staat immer vertraut. Doch dann behandelte man Angehörige der NSU-Opfer wie Beschuldigte, schredderte Akten, es kam heraus, dass V-Männer zur Mordzeit an Tatorten gewesen waren. Dieser Staat hatte Menschen wie meinen Vater nicht geschützt.

Ich hatte mir jahrelang vorgenommen, die Familien der NSU-Opfer zu besuchen, mich in den Prozess in München zu setzen. Ich habe es nie getan. Ich hatte jahrelang verdrängt, dass ich betroffen bin, wenn Rechte in diesem Land töten, demonstrieren, Hassbriefe schreiben. Dass es Täter gibt in diesem Land, die bereit sind, Menschen wie mich zu töten, nur weil wir da sind.

Dann kam Hanau. Es ging um Kinder, die noch nach mir in diesem Land geboren wurden.

Die Menschen, die ich im Fernsehen reden sah, waren wieder meine Leute.

DER SPIEGEL

Mit meinem Kollegen Timofey Neshitov gemeinsam verbrachte ich monatelang Zeit mit den Hinterbliebenen und Überlebenden. Wir begleiteten sie in ihrem Alltag, bei dem Versuch, zu verstehen, was passiert war.

Wir saßen Menschen gegenüber, die nach dieser rassistischen Tat noch behördlichen Rassismus erfahren hatten. Die erst selbst ermitteln mussten, damit Versäumnisse der Behörden vor und während der Tatnacht öffentlich werden. Die nicht verstehen, warum nicht mehr Menschen in diesem Land für ihre Kinder auf die Straße gingen.

Und sie hatten recht. Wieder hatten es die Vielen in diesem Land nicht geschafft, mit ihnen zu trauern.

Auf meinen Zugfahrten zurück nach Hamburg beschäftigte mich immer wieder diese Frage, die sich die Eltern von Hanau jeden Tag gegenseitig stellen: Warum ist mein Kind tot?

Mein Sohn ist 4 Jahre alt, und wenn er groß ist, wird er genauso aussehen wie die Kinder, die in Hanau ermordet wurden.

Sie heißen: Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Vili-Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin.