Hannover Toter Säugling lag stundenlang vor der Babyklappe

Er wurde zufällig entdeckt - erst nach mehreren Stunden: Vor der Babyklappe eines Krankenhauses in Hannover wurde ein toter Säugling gefunden. Rechtsmediziner gehen davon aus, dass das Kind seit der Nacht dort lag. Möglicherweise starb das Baby erst an Ort und Stelle.


Hannover - Der Krankenpfleger wollte seiner Freundin nur die Babyklappe zeigen - dabei entdeckte er den toten Säugling. Das Kind lag tot am Ende eines Treppenabgangs zu der Babyklappe außerhalb des Gebäudes. Die Obduktion ergab, dass der am Mittag gefundene Junge an Unterversorgung beziehungsweise durch Kälteeinfluss starb.

Babyklappe eines Krankenhauses in Neukölln: Hilfe für Schwangere in Not
DPA

Babyklappe eines Krankenhauses in Neukölln: Hilfe für Schwangere in Not

Der Junge sei offensichtlich erst in diesem Jahr zur Welt gekommen, die Nabelschnur noch nicht abgetrennt worden, teilte die Polizei mit. Eine exakte Todesursache habe sich nicht feststellen lassen, hieß es. Hinweise auf eine Gewalteinwirkung hätten sich nicht ergeben.

Die Rechtsmediziner gehen laut Polizei davon aus, dass das Kind mehrere Stunden vor der Babyklappe gelegen hat, vermutlich seit der Nacht. Bislang konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob der Junge bereits tot abgelegt wurde oder erst an Ort und Stelle gestorben ist. Die Babyklappe wurde versiegelt. Spezialisten des Landeskriminalamtes sollen nun ihre Funktionalität überprüfen.

Bei dem toten Säugling wurden mehrere Textilien gefunden - in einem Stoffbeutel befanden sich nach Angaben der Polizei ein weißes langärmeliges T-Shirt sowie ein Frotteetuch. Die Polizei sucht nun Zeugen sowie die Eltern des Kindes.

"Ich bin völlig fassungslos und erschüttert", ließ Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann erklären. Die Umstände müssten so schnell wie möglich geklärt werden. Die von der evangelischen Kirche eingerichtete Babyklappe befindet sich abseits gelegen an einem Nebengebäude des Krankenhauses und ist nur über eine Treppe zugänglich. Sie ist Bestandteil eines Hilfsnetzwerkes für Schwangere in Not, für das die Bischöfin die Schirmherrin ist.

Nach dem erschütternden Fund kamen der Pfleger und die Ärzte, die vergeblich versuchten, den Säugling wiederzubeleben, in seelsorgerische Betreuung. Seit Schaffung der Babyklappe im Jahr 2001 wurden dort acht Kinder abgegeben. Sie seien adoptiert worden oder in ihre Ursprungsfamilie zurückgekehrt, sagte ein Sprecher der Landeskirche Hannover. Das Netzwerk für Schwangere in Not hat bislang mehr als 800 Frauen in schwieriger Lage unterstützt.

Verwahrloste Wohnung

Unterdessen sind in Mecklenburg-Vorpommern drei Kinder aus einer vollkommen verwahrlosten Wohnung gerettet worden. Die Behausung in Jamitzow beim vorpommerschen Anklam sei mit Müll und der Asche eines Ofens verdreckt gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Die Kinder im Alter von sieben, zwölf und 13 Jahren hätten keine Bettwäsche gehabt, der Strom war abgestellt. Der Notarzt war in der Nacht alarmiert worden, weil die 42 Jahre alte Mutter sich bei einem Sturz schwer verletzt hatte und ohnmächtig war. Sie kam ins Krankenhaus. Die Kinder wurden dem Jugendamt übergeben.

Die Mutter begründete den Zustand der Wohnung gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk mit einem noch nicht abgeschlossenen "Umzug" der Familie innerhalb des Hauses. Demnach bewohnt die Familie, zu der ein weiterer 21 Jahre alter Sohn gehört, dort eine zweite Wohnung.

Kindergeld gegen Vorsorgeuntersuchung

In der Diskussion über mehr Kinderschutz forderte inzwischen der Jugendforscher Klaus Hurrelmann, Kindergeldzahlungen von der regelmäßigen Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen (U1 bis U9) abhängig zu machen. "Dass Kinder zu haben, reine Privatsache ist und mit Kindern gemacht werden kann, was man will, das ist ein Holzweg", sagte Hurrelmann. Der Forscher forderte außerdem ein verbindliches Training von Eltern in Erziehungsfragen "spätestens, wenn sie ihr Kind zur Grundschule anmelden".

In so gut wie allen bisher bekanntgewordenen Fällen von Kindesverwahrlosung oder -misshandlung seien die staatlichen Behörden vorab über Probleme informiert gewesen. "Doch der Wächter Staat hat nicht aufgepasst oder nicht richtig reagiert", kritisierte Hurrelmann. Offenkundig seien viele Fachkräfte nicht richtig geschult. Sie bräuchten bei der Beurteilung ihrer Fälle eine klare, fachlich abgesicherte Checkliste.

Darüber hinaus sprach sich Hurrelmann dafür aus, in den Katalog der Vorsorgeuntersuchungen auch psychische Gesundheitsstörungen wie Aufmerksamkeitsdefizite, Konzentrationsstörungen und Ängste einzubeziehen. Sie blockierten später bei Eintritt in die Schule die Leistungsentfaltung der Kinder sehr stark. Bisher aber seien die meisten Kinderärzte nicht geschult, diese Aspekte ebenfalls zu berücksichtigen, beklagte der Jugendforscher.

flo/jdl/AP/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.