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24. Mai 2011, 15:03 Uhr

Harold Camping

US-Prediger verschiebt Weltuntergang

Tausende Amerikaner erwarteten am 21. Mai den Weltuntergang, über Monate hatte der US-Prediger Harold Camping seine Anhänger auf das Ende der Welt vorbereitet. Jetzt korrigiert er sich: Der Anfang vom Ende habe stattgefunden, so richtig apokalyptisch werde es aber erst im Herbst.

Oakland - Der amerikanische Radio-Prediger Harold Camping, der mit dem 21. Mai 2011 zum zweiten Mal seit 1994 einen konkreten Termin für das Jüngste Gericht angesagt hatte, hat erneut eine Fehlkalkulation zugegeben. Zwei Tage, nachdem er und seine Anhänger eigentlich erwartet hatten, zum Himmel aufzufahren, entschuldigte sich Camping in mehreren Radio-Interviews und im Rahmen einer Pressekonferenz öffentlich.

Der 21. Mai sei offensichtlich nicht das katastrophale, sichtbare Ereignis gewesen, das er erwartet habe. Das bedeute, dass er den Termin falsch berechnet habe - nicht aber, dass der Weltuntergang nicht stattfinden werde. Tatsächlich habe das Jüngste Gericht bereits begonnen, wenn auch nicht in so physisch sichtbarer Form, wie er das erwartet habe.

Untergehen werde die Erde nun am 21. Oktober. Das ist eine nur teilweise Rücknahme seiner bisherigen Prophezeiung: Den 21. Mai hatte er als Termin für die "Entrückung" der Rechtgläubigen angesetzt, ihr Auffahren in den Himmel, während der 21. Oktober den von ihm angesetzten Termin für das Weltende markiert.

Wörtlich sagte Camping: "Wenn man will, dass ich mich entschuldige, dann kann ich das tun. Ich hatte das alles nicht so genau auskalkuliert, wie ich wünschte, dass ich es getan hätte. Ich bin kein Genie."

Camping liefert damit eine erste Erklärung an seine Anhänger, von denen am letzten Wochenende mehrere tausend in konkreter Erwartung des Weltendes in US-Städten, im philippinischen Manila und einigen anderen Orten auf die Straße gegangen waren.

Zahlreiche US-Medien hatten nach Verstreichen des Termins die Verwirrung und Enttäuschung vieler Anhänger dokumentiert. Neben dem Spott gegen den 89-jährigen selbst ernannten Evangelisten und seine wiederholten wirren Prophezeiungen hagelt es nun Kritik, weil Campings Thesen in den letzten Monaten zahlreiche Menschen dazu bewegt hatten, ihre bürgerlichen Existenzen weitgehend aufzugeben, Vermögen und Zeit stattdessen in die Ankündigung des Jüngsten Gerichts zu stecken. Auch Campings eigene Organisation soll mehrere Millionen Dollar allein in Außenwerbung, Anzeigen und Plakatmaterial investiert haben.

Apokalyptisch orientierte Sekten gehören seit langer Zeit zum Glaubensspektrum Amerikas: Schon viele der Gründerväter waren aus Europa ausgewiesene christliche Fundamentalisten. Entsprechend tief verwurzelt sind dort bis heute teils extreme evangelikale Strömungen.

Harold Camping hatte sich nach Verstreichen der von ihm gesetzten Frist zunächst für zwei Tage aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, mindestens einen Tag verbrachte er mit seiner Frau in einem Motel, um Neugierigen, Enttäuschten und den Medien zu entgehen. Bei YouTube gibt es mehrere Audiomitschnitte und Videos von Leuten, die Camping nach Verstreichen der Frist kontaktierten und ihn zu ersten Statements bewegten. Die Bilder zeigen einen 89-jährigen, zutiefst verwirrten Mann, der aufrichtig überrascht darüber schien, dass seine Prophezeiung nicht eingetreten war. In einem Video sagt er: "Ich will dazu jetzt nicht mehr sagen. Ich muss damit erst einmal fertig werden."

Kurz darauf sendete Campings religiöses Radio-Netzwerk Family Radio eine Sendung mit ihm, in der er im Bruch mit sonstigen Gepflogenheiten keine Fragen von Zuhörern beantwortete, sondern ausführlich über das nur scheinbare Ausbleiben der prophezeiten "Entrückung" redete.

Campings neue Linie scheint es nun zu sein, diese Phase der Einleitung des Jüngsten Gerichts metaphorisch zu deuten und nicht mehr als konkretes, beobachtbares Ereignis. Gottes Gericht über die Welt habe begonnen, auch wenn sich dies nicht wie erwartet mit Erdbeben und der Entrückung der Gläubigen gezeigt habe.

pat

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