Vorwürfe gegen Filmmogul Weinstein Das Schweigen der Frauen

Viele Frauen haben zu den Belästigungen durch Harvey Weinstein lange nichts gesagt, nun machen sie ihre Vorwürfe öffentlich. Warum erst jetzt? Wer das fragt, verkennt wie unangreifbar der Filmmogul erschien.
Ashley Judd 2015 in Washington

Ashley Judd 2015 in Washington

Foto: Charles Sykes/ Charles Sykes/Invision/AP

Stellen Sie sich vor, Sie treffen sich mit einem Mann zur Frühstückszeit für ein Gespräch in einem Hotel. Sie glauben, es geht um ein Geschäftsgespräch, das Ihre Karriere entscheidend voranbringen könnte. Doch dann empfängt er Sie nicht in der Lobby, sondern auf einem Zimmer, im Bademantel. Er bietet an, Sie zu massieren, fragt, ob Sie ihm beim Duschen zusehen wollen.

Wenn Sie ja sagen, steigen vielleicht Ihre Chancen in dem Job, den sie lieben. Wenn Sie sich umdrehen und gehen, haben Sie es sich vielleicht mit einem der mächtigsten Männer in Ihrer Branche verdorben.

Entscheiden Sie jetzt. Und entscheiden Sie auch: Wem erzählen Sie hinterher davon?

Das Treffen im Hotelzimmer ist die Schlüsselszene im Skandal um Harvey Weinstein. Es ist die Zusammenkunft zwischen dem Hollywood-Mogul und der Schauspielerin Ashley Judd. In einem "New York Times"-Artikel  fand die 49-Jährige den Mut, darüber zu berichten. "Wie komme ich so schnell wie möglich aus diesem Zimmer, ohne Harvey Weinstein gegen mich aufzubringen?" Das habe sie sich damals vor 20 Jahren gefragt, so Judd.

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Vorwürfe gegen Medienmogul: Die Akte Weinstein

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Inzwischen werfen etliche Betroffene dem Produzenten Belästigung vor, drei Frauen beschuldigen ihn sogar der Vergewaltigung - was er bestreitet.

Es geht um Einladungen auf Weinsteins Hotelzimmer, um ungewollte Berührungen, um Angebote und Drohungen. Viele Frauen schildern ähnliche Erlebnisse wie Judd. Szenen mit Weinstein, in denen Sie Übergriffigkeiten zurückweisen, das Hotelzimmer verlassen konnten - und keine große Sache aus dem Vorfall machten.

Die meisten Betroffenen schweigen

Manchen lassen diese Schilderungen offenbar kalt. Im Internet fragen User, warum die Frauen sich erst jetzt meldeten. Unter einem Artikel über den Fall kommentiert ein Leser: "Frauen sind keine Kinder. Sie sind selbst für sich verantwortlich. Man kann von ihnen erwarten, dass sie sich gegen Anzüglichkeiten selbst wehren und nicht erst nach Jahren darüber an die Öffentlichkeit gehen, wenn es nicht mehr nachprüfbar ist."

Nein, das kann man nicht so einfach erwarten. Es gibt viele Gründe, aus denen Betroffene schweigen: Etwa weil sie psychisch leiden, weil sie verdrängen, weil sie sich schämen, weil sie nicht wollen, dass ihr Partner davon erfährt, geschweige denn die Öffentlichkeit. Weil sie fürchten, dass ihnen niemand glaubt und ihre Lage sich noch verschlechtert.

Eine berechtigte Sorge, wie eine Untersuchung  der britischen Feministin Laura Bates ("Everyday Sexism Project") in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften zeigt. Demnach schwiegen 80 Prozent der Frauen, die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebten, über den Vorfall. Von denen, die sich an ihren Arbeitgeber wandten, sagten 75 Prozent, es habe sich anschließend nichts getan. Und 16 Prozent sagten, sie seien danach noch schlechter behandelt worden.

Sexuelle Belästigung sei untrennbar mit Machtfragen verbunden, heißt es in der Studie - und meist sei der Täter in einer übermächtigen Position. Im Fall Weinstein unterschätzen offenbar einige, was für gewaltige Dynamiken in der Konstellation aufstrebende-Schauspielerin-trifft-mächtigen-Produzenten liegen - und wie mächtig ein Mann wie Weinstein ist.

Als Chef der Produktionsfirma Miramax und später als Mitinhaber der Weinstein Company war Weinstein extrem einflussreich. Sein jüngerer Bruder Bob und er produzierten mit einem außergewöhnlichen Instinkt erfolgreiche Filme wie "Sex, Lügen und Video", "Pulp Fiction", "Good Will Hunting", "Shakespeare in Love", "The Artist", "The King's Speech" und "Django Unchained". Verhältnismäßig kleine Produktionen - mit dem Potenzial, ihre Hauptdarsteller groß zu machen. So wurden seine Firmen in Hollywood zum Nadelöhr, durch das aufstrebende Schauspieler mussten, um in die Oberliga aufzusteigen.

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Harvey Weinstein: Skandal in Hollywood

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Weinstein liebte es offenbar, als große Nummer in Hollywood seine Muskeln spielen zu lassen. Seine Tricks und Kniffe, mit denen er seine Filme vor den Oscars positionierte - Beziehungen spielen ließ, glamouröse Partys veranstaltete, Anzeigen schaltete, Verantwortliche umgarnte oder gar gezielt die Filme der Konkurrenz schlecht machte - sind legendär in der Branche. So konnte Harvey Weinstein Stars erschaffen oder Hollywood-Karrieren zerstören.

An einem Freitagabend im März 2015 soll er die Italienerin Ambra Battilana Gutierrez in sein New Yorker Büro eingeladen haben, um über ihre Schauspielkarriere zu sprechen. Wenige Stunden später meldete sich das damals 22-jährige Model bei der Polizei. Weinstein habe gefragt, ob ihre Brüste echt seien und habe sie begrapscht, sagte Gutierrez laut Polizeireport, der der "New York Times" vorliegt. Außerdem soll der Produzent eine Hand unter ihren Rock geschoben haben.

"Wir hatten die Beweise"

Eine spezielle Einheit übernahm die Ermittlungen. Um Beweise zu sammeln, trug Gutierrez bei einem weiteren Treffen mit Weinstein ein verstecktes Tonbandgerät. Auf den Aufnahmen, die der "New Yorker"  nun teilweise veröffentlicht hat, gibt Weinstein zu, das Model unangemessen berührt zu haben. Er sei dieses Verhalten "gewöhnt". Dem Bericht zufolge zählte Weinstein auch Schauspielerinnen auf, deren Karriere er in Schwung gebracht habe.

Gutierrez klingt auf den Aufnahmen nervös. Sie sagt, sie fühle sich "unwohl". Weinstein redet mit ruhiger Stimme, bittet das Model keine Szene zu machen und sagt schließlich "Bitte ruiniere nicht die Freundschaft mit mir nur wegen fünf Minuten." Gutierrez beendet anschließend abrupt das Gespräch und geht.

"Wir hatten die Beweise", sagte ein an dem Fall beteiligter Polizist dem "The New Yorker"-Reporter Ronan Farrow. Die Staatsanwaltschaft erhob dennoch keine Anklage gegen Weinstein - möglicherweise gab es eine außergerichtliche Einigung, denn Gutierrez darf sich eigenen Angaben zufolge nicht mehr zu dem Fall äußern.

Der Vorfall beschäftigte damals tagelang die US-amerikanischen Boulevardblätter. Im Mittelpunkt stand dabei jedoch das Model und nicht der Produzent. Bilder von Gutierrez in erotischen Posen, in Dessous oder am Strand standen neben Überschriften, in denen gefragt wurde, ob Gutierrez eine naive Unschuld sei oder eine Frau, die mit ihrer Schönheit einen reichen Mann angeln will ("Gold Digger").

Selbst eine Verbindung zu Silvo Berlusconis berüchtigten "Bunga-Bunga-Parties" wurde thematisiert. Einige Blätter griffen das Gerücht auf, Gutierrez habe bereits als Teenager Missbrauchsvorwürfe gegen einen 70-jährigen Geschäftsmann erhoben.

Während Weinstein von dem Vorfall nahezu unberührt blieb, ging Gutierrez als Verliererin daraus hervor - öffentlich bloßgestellt und bis heute ohne nennenswerte Karriereerfolge.

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