Schicksal von Heimkindern Vorhof zur Hölle

Wolfgang Rosenkötter war Heimkind. In der Diakonie im Freistätter Moor erlebte er brutale Züchtigung und soziale Kälte. Mehr Leid, als er in einem Leben überwinden konnte.

Julia Steinigeweg

Von Antonia Schaefer


Fünf Mark für eine Busfahrkarte raus aus der Vorhölle. "Du fährst heute nicht ins Moor", hatte der Hausvater gesagt. "Du wirst entlassen." Es ist Oktober 1964, Wolfgang Rosenkötter steht im niedersächsischen Freistatt vor dem "Moorhort", der so lange sein Gefängnis war. Er ist erleichtert, doch dann steigt Panik in ihm auf. Wo soll er eigentlich hin?

Zweimal am Tag fährt ein Bus durch das Dorf irgendwo südöstlich von Bremen. Der 17-Jährige steigt ein und schaut hinaus ins Moor. Wäre draußen Krieg ausgebrochen, hier hätte es niemand bemerkt - solange das schlickrige, kalte, torfige Moor unberührt blieb. Der Bus fährt die B214 entlang. Irgendwann biegt er um eine Kurve. Wolfgang Rosenkötter sperrt den "Moorhort", die Einsamkeit und den dicken Hausvater in eine Kammer in seinem Hinterkopf.

"Das war der Moment, als mein zweites Leben begann", sagt Rosenkötter im Rückblick. Nach dem "Moorhort" hat er sein Leben in Abschnitte unterteilt. Heute ist er 73 Jahre alt und hat mehr als eine Wiedergeburt hinter sich. Trotzdem ist ihm mulmig, als er die B214 zurückfährt, zurück zu dem Ort, den er damals für immer vergessen wollte. Als der Motor nach zwei Stunden verstummt, atmet Rosenkötter kurz und stark aus. Plötzlich steigt er aus dem Wagen und wirft die Tür etwas zu stark ins Schloss.

Bloß nicht zu sanft zu den Jungen

Insgesamt 17 Monate verbrachte Wolfgang Rosenkötter im Kinder- und Jugenderziehungsheim Diakonie Freistatt. In Deutschland wurde der Ort lange als "Endstation" bezeichnet. Wer hierherkam, hatte meist schon eine Heimgeschichte hinter sich. Rosenkötter hatte das Personal anderer Heime vom "Vorhof zur Hölle" reden hören. Der Leiter wurde Hausvater genannt. Die Brüder - so die Bezeichnung für die Mitarbeiter der Diakonie - galten als die härtesten Diakone des Landes. Wer den rund 40 Jungen dort zu sanft gegenüber auftrat, musste gehen.

Von dem Heimgelände ist heute nur noch der "Moorhort" übrig. Ein Mahnmal. Rosenkötter geht auf das gelbe Haus zu. Als Leiter der Gedenkstätte hat er immer Zugang. Er steigt ein paar provisorische Gitterstufen hinauf, schiebt den Schlüssel ins Schloss und öffnet die Tür.

Selbst das wenige Licht wirkt wie ein Eindringling in der Aufenthaltshalle. Die Stühle stehen umgedreht auf massiven Holztischen, die Wände sind gräulich-gelb, gegenüber der Eingangstür hängt ein dunkles Holzkreuz. In der Mitte des Raums - ein Billardtisch. "Da mussten wir im Entengang drumherumlaufen - wer sich aufrichtete, den hat der Hausvater niedergeschlagen", sagt er. "Sportliche Betätigung nach der Arbeitszeit sozusagen." Rosenkötter kann das heute erzählen, ohne dass die Stimme stockt. 40 Jahre hat er nicht darüber gesprochen. Nicht mit seiner Frau, nicht mit seinem Sohn. Sein zweites Leben war einsam.

Schwarze Pädagogik

Kinder sollten durch körperliche Arbeit und Züchtigung Gehorsam lernen, so lehrte es die schwarze Pädagogik, die von Kriegsende bis in die Siebzigerjahre gelebt wurde. Richtig ist aber auch, dass Torf eine wichtige Einnahmequelle für die Diakonie war.

Die Jugendlichen in Freistatt fuhren jeden Morgen zum Torf im Freistätter Moor. Stachen ihn, wuchteten ihn auf die Lore, einen handbetriebenen Schienenwagen. Die ersten drei Monate trugen sie Holzbotten, Stiefel aus Holz, so schwer, dass an weglaufen nicht zu denken war. Rosenkötter erinnert sich an die Fußlappen, die die Zehen vor dem Holz schützen sollten - und an seine blutigen Füße jeden Abend. Erst im dritten Monat gab es Gummistiefel.

Zweimal hielt er es nicht aus und lief weg. Zurück zum Vater, der nicht verkraften konnte, dass sein einziger Sohn bloß die Volksschule schaffte. Er zeigte dem Vater die Striemen auf dem Rücken, flehte ihn an, ihn nicht zurückzuschicken. "Aber er hat mir nicht geglaubt", sagt Rosenkötter heute. Der Vater glaubte: Die Kirche tut nichts Böses.

Rosenkötter steigt die Treppe hinunter zum Keller, in die Waschräume. Die Fenster sind vergittert, auf einer angegrauten Kacheltrennwand stehen Zahnputzbecher. Feine Spinnweben spannen sich zwischen den Zahnbürsten. Es sind Filmrequisiten, dem Original nachempfunden. 2015 kam "Freistatt" in die Kinos, ein Spielfilm, angelehnt an Rosenkötters Leben.

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"Hier mussten wir uns für die Zahnpasta aufstellen", sagt er. "21,22,23 hat der Hausvater gezählt, damit jeder das Gleiche bekam." Totale Kontrolle. Doch wenn die Diakone den Raum verließen, kam selten Freude auf. Kollektivstrafen führten zur Spaltung der Jugendlichen, der Täter wurde im Nachhinein von der Gruppe bestraft. "So haben sie dafür gesorgt, dass wir keinen Zusammenhalt hatten." Im Keller musste sich der ausgemachte Täter ausziehen und hinlegen. 39 Jungen schlugen mit Badeschuhen auf den Einen ein. "Wir nannten das Schlappenparade."

Rosenkötter hat bis heute niemanden, den er Freund nennt. "Ich habe ja nie gelernt, wie Bindung geht." Lange war er rastlos, zog von Hamburg nach München, folgte einer Frau nach Mexiko, nur um nach drei Wochen zurückzukommen. Er studierte Sozialwissenschaften, lernte dabei seine spätere Ehefrau kennen, lebte ein Leben, wie es seiner Meinung nach von ihm erwartet wurde. "Als Sozialwissenschaftler wurden wir beide zum Kommunizieren ausgebildet. Richtig miteinander reden konnten wir nicht."

Seine Stimme hallt nach in der Dunkelheit. Er räuspert sich, legt die gepflegten Hände zusammen und geht zur Treppe. Im zweiten Stock befindet sich ein Schlafsaal. Die Wände sind in intensivstationgrün gestrichen. 40 Betten reihen sich hier aneinander, die Gestelle trennen nur wenige Zentimeter.

Die Tür zum Gang war nachts abgesperrt. Für die Jugendlichen gab es keinen Rückzugsort, keine Sicherheit. Nichts, was Rosenkötter sein Eigentum nennen konnte. Heute nennt er das "Entpersönlichung".

Mehr zum Thema: "Schläge im Namen des Herren"

Immer wieder versuchte er später seinen eigenen Wert zu beweisen. Am meisten wohl sich selbst. "Viel Geld, das bedeutete für mich wertvoll sein", sagt er. Schicke Anzüge, das neue Auto. "Erst der Opel Kapitän, später dann der Mercedes", sagt der Mann in groben Jeans und Rollkragenpulli. "Mein zweites Leben war fehlgeleitet."

Irgendwann ging alles schief. Er verdiente bei der Krankenkasse als Berater viel Geld, warf es aber "mit beiden Händen wieder raus", sagt er. "Es war ein Kampf um Anerkennung, die es in dieser Form gar nicht gab." Das Haus in Soltau, in dem er mit seiner Frau und seinem Sohn wohnte, wurde schließlich zwangsversteigert. Kurz darauf scheiterte die Ehe. Sein Sohn gebe ihm bis heute die Schuld daran, sagt Rosenkötter.

Der Horror der Besinnungszellen

Im Treppenhaus deutet er die Stufen hinauf in den dritten Stock: "Dahin komm' ich nicht mit". Er meint die Besinnungszellen: zwei schmale Räume, ein hartes Bett, ein Fenster kaum größer als ein Guckloch. Abgeschieden in der Abgeschiedenheit. Bis zu drei Wochen wurden die Jugendlichen dort eingesperrt, sie hatten nur ein einziges Buch. Die Bibel.

Das Buch, das Rosenkötter schließlich hilft, ist ein anderes. Mit "Schläge im Namen des Herrn" stieß der SPIEGEL-Journalist Peter Wensierski 2005 eine Debatte über Misshandlung in der Geschichte deutscher Kinderheime an. Wensierski hielt eine Lesung in Freistatt, eingeladen waren alle ehemaligen Kinder des Heims. Auch Wolfgang Rosenkötter bekam Post. Wochenlang schlief er kaum, überwand sich schließlich, hinzugehen. Sein zweites Leben ließ er an diesem Abend hinter sich.

Mehr zur Gedenkstätte Freistatt
    Die Gedenkstätte Freistatt kann besichtigt werden, allerdings nur mit Führung. Dazu ist eine Voranmeldung nötig. Mehr Informationen geben die Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel.
  • Zur Webseite der Gedenkstätte Freistatt

Fortan sucht er Kontakt zu anderen Menschen mit Heimvergangenheit. Er wird Mitgründer des Vereins ehemaliger Heimkinder e.V., setzt sich für rückwirkende Entschädigungen ein. Doch er erlebt auch viel Missgunst. "Wir Heimkinder können uns bis heute nicht stützen", sagt er. Jeder werde anders mit dem Erlebten fertig.

Rosenkötter macht eine Therapie. Und er erzählt seine Geschichte. Immer wieder. Seiner Exfrau, seinem Sohn und schließlich einem Regisseur. Als Marc Brummunds Interpretation von Rosenkötters Leben Preise gewinnt, fährt er mit zu den Galas. Bis heute ist der 73-Jährige bei Filmvorführungen dabei, spricht mit Schülergruppen über Heimerziehung.

Mit seiner Exfrau telefoniert er fast täglich. "Wir haben in den letzten zehn Jahren ein besseres Verhältnis als in unserer gesamten Ehe", sagt er. Rosenkötter wohnt in einer Seniorenanlage in Hamburg-Horn. Tagsüber ist er meist unterwegs, auf Vorlesungen, bei Vorträgen. Abends schneidet er vor dem Fernseher Glas für Tiffany-Lampen, sein Hobby. Zum ersten Mal ist er mit seinem Leben zufrieden. Es ist schließlich schon sein Drittes.



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