Heimkinder-Schicksale "Es tut mir leid"

Tausende Kinder durchlitten in den fünfziger und sechziger Jahren die Schrecken staatlicher und kirchlicher Heimerziehung. Im Interview mit dem SPIEGEL fordert der Präsident der deutschen Caritas, Peter Neher, einen offeneren Umgang mit einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte.

SPIEGEL:

Ehemalige Heimkinder leiden noch immer unter den Folgen der Erziehung in den zumeist konfessionellen Heimen der fünfziger und sechziger Jahre. Trägt die Caritas heute dafür Mitverantwortung?

Neher: Natürlich sind wir als Gesamtverband davon betroffen. Es gab zwar nicht nur katholisch geführte Heime, sondern auch Heime anderer Konfessionen und staatliche Träger mit Nonnen und Ordensbrüdern als Heimpersonal, die nicht Mitglied im Caritasverband waren. Dennoch wollen wir den Betroffenen der Heimerziehung helfen, dieses dunkle Kapitel der jüngsten deutschen Vergangenheit gemeinsam aufzuarbeiten. Wir wollen die heute Erwachsenen nicht mit den in ihrer Kindheit entstandenen Traumatisierungen alleine lassen.

Fotostrecke

Dunkles Kapitel: Heimkinder in der Bundesrepublik

SPIEGEL: Was ist bisher bei Caritas und Kirche über die Schrecken der Heimerziehung bekannt?

Neher: Ich habe Verständnis für den Wunsch der Menschen, jetzt endlich diese Erlebnisse öffentlich zu machen. Was da bekannt wird, finde ich schlimm und es tut mir leid, wenn solche Dinge bedauerlicherweise auch in katholischen Heimen geschehen sind. Wir müssen uns aber noch einen genauen Überblick verschaffen und differenzieren. Einige Einrichtungen haben schon seit längerem Kontakte zu ihren ehemals Anvertrauten aufgenommen und werden diese weiterführen. Generell raten wir als Caritas allen katholischen Einrichtungen zu einem offenen Umgang mit den Betroffenen. Die Einrichtungen sollen offensiv damit umgehen und - wo möglich - den ehemaligen Heimbewohnern Einsicht in ihre Akten gewähren. Die Einsicht in die eigene Akte ist ein wichtiger Teil der persönlichen Aufarbeitung. Ich lege den Einrichtungen ans Herz, auch nach Ablauf von Fristen heute noch vorhandene Akten aufzubewahren und Einsichtnahmen zu ermöglichen.

SPIEGEL: Hängen die Schrecken der Heimerziehung mit kirchlichen Erziehungsvorstellungen zusammen?

Neher: Ich glaube nicht, dass es zur Systematik katholischer Einrichtungen gehört hat. Es muss noch genauer geprüft werden, ob möglicherweise konfessionelle Prägungen einen ohnehin praktizierten Erziehungsstil weiter verschärft haben. Wir werden deshalb der wissenschaftlichen Erforschung dieser Zeit mehr Raum geben und sind im Gespräch mit Hochschulen und Caritas-Experten, um wissenschaftliche Arbeiten über diese Zeit und die Folgen der Heimerziehung anzuregen. Wir schlagen auch vor, auf Konferenzen und anderen Veranstaltungen aktiv mit diesem Thema umzugehen

SPIEGEL: Viele beklagen sich, dass sie in den Heimen als 14- bis 21-Jährige arbeiten mussten, kaum entlohnt und ohne Anmeldung bei der Sozialversicherung.

Neher: Arbeitsverhältnisse in den Heimen wurden in der Regel erst nach 1972 als sozialversicherungspflichtig behandelt. Für die Zeit davor ist das in der Tat ein Problem. Wir plädieren dafür, nach Absprache und Prüfung mit der BfA und anderen Rentenversicherungsträgern, alle Möglichkeiten zu erkunden, dass solche nachgewiesenen Arbeitszeiten aus den früheren Jahren ebenfalls entsprechend berücksichtigt werden.

SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung für den harten Stil der Nonnen und Brüder in den Erziehungsheimen der fünfziger und sechziger Jahre?

Neher: Nach dem Kriegsende hat sich die Pädagogik gegenüber den zwanziger und dreißiger Jahren in den Heimen zunächst kaum verändert. Erst Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre kam es wirklich zu einer Revolution in der Erziehung in Deutschland. Einer der Punkte, die wir selbstkritisch sehen ist, dass häufig die Schwestern und Brüder ohne fachspezifische Qualifikation in den Heimen arbeiteten. Viele Erfahrungen, die von den Kindern und Jugendlichen gemacht wurden, liegen auch an einer Überforderung der Heimleiter und Erziehenden. Bei allen Bemühungen der überwiegend engagierten Mitarbeitenden in diesen Jahren hat es zu lange gedauert, bis eine qualifizierte Arbeit im Interesse der Kinder Fuß gefasst hat.

SPIEGEL: Die Betroffenen verlangen ein Wort der Entschuldigung.

Neher: Ich kann das Empfinden von Unrecht verstehen und wünsche mir, dass die Auseinandersetzung darüber in einem breiten Rahmen geschieht. Ich denke etwa daran, dass minderjährige, schwangere Mädchen, die damals teilweise zwangsweise eingewiesen wurden, dies heute zu Recht als Unrecht empfinden. Allerdings haben diese Zwangseinweisungen staatliche Stellen veranlasst. Ich halte für wichtig, dass in den jeweiligen Einrichtungen im individuellen Gespräch Entschuldigungen ausgesprochen werden.

Das Interview führte Peter Wensierski

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.