Heimkinder in Deutschland SOS im Kinderdorf

Die Zahl der Heimkinder wächst seit Jahren stark an. Plätze und Personal sind knapp - darunter leidet die Qualität der Betreuung. Experten warnen vor einem wachsenden Risiko für Übergriffe.
Junge in Kinderheim

Junge in Kinderheim

Foto: Ralf Hirschberger/ picture alliance / Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa

Es ist nur ein kurzer Moment, der erahnen lässt, dass Leon* viel durchgemacht hat. Als der kleine Junge gefragt wird, ob er Ingrid Heim liebhabe, hört er mit dem Spielen auf und umklammert ihre Beine. Hat er Angst, dass er sie bald wieder verlieren könnte? Die 49-Jährige, die seit mehr als 13 Jahren im SOS-Kinderdorf im oberbayerischen Dießen arbeitet, streichelt ihm sanft durch die Haare. Leon beruhigt sich sofort.

SOS-Kinderdörfer nehmen vor allem Jungen und Mädchen auf, die auf absehbare Zeit nicht mehr zu ihren leiblichen Eltern zurückkönnen. Und das ist immer öfter der Fall. "Die Anzahl der von den Jugendämtern angefragten Plätze übersteigt die Kapazitäten unserer Einrichtung deutlich", sagt Christoph Rublack, der in Dießen den Bereich der Kinderdorffamilien leitet.

Auch anderswo in der Republik sind die Kinderheime voll. Die Zahl der Jungen und Mädchen, die von den Behörden in ihre Obhut genommen werden, ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, zuletzt auch durch viele minderjährige Flüchtlinge.

Ein Teil der Kinder und Jugendlichen kommt bei Pflegefamilien unter - Ende 2016 waren dies mit rund 74.100 laut Statistikbehörde 36 Prozent mehr als noch 2008. Schneller wuchs im gleichen Zeitraum jedoch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in Heimen und betreuten Wohngruppen leben müssen - von gut 58.700 auf 95.582 (plus 63 Prozent).

Kinder landeten heute schneller im Heim als noch vor einem Jahrzehnt, sagt Michael Böwer, Professor für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen: "Die Jugendämter wollen sich absichern und nicht riskieren, dass sich Fälle wie der Tod von Kevin wiederholen."

2006 starb in Bremen der zweijährige Kevin, totgeprügelt vom Ziehvater. Zu spät hatte die zuständige Behörde entschieden, das Kind aus dem Zuhause herauszuholen. Polizisten fanden die Leiche des Jungen im Kühlschrank. Diverse Todesfälle misshandelter Kinder hatten im vergangenen Jahrzehnt bundesweit Aufsehen erregt. Seither schauen die Behörden genauer hin, sie nahmen 2016 fast doppelt so viele Kinder wegen Anzeichen von Misshandlung aus ihren Familien als noch ein Jahrzehnt zuvor.

Gut 17.500 Mal begründeten die Behörden 2016 eine Inobhutnahme mit einer Überforderung der Erziehungsberechtigten - so oft wie noch nie seit mindestens 1995.

Vor allem ärmere Familien würden heute leichter einwilligen, dass ihre Kinder ins Heim kämen, sagt die Bildungssoziologin Ursula Rabe-Kleberg. Ende 2015 kamen laut Bundesamt für Statistik 57 Prozent der Minderjährigen, die in einem Heim oder einer betreuten Wohngruppe leben, aus Familien, die zumindest zum Teil von Hartz IV oder Sozialhilfe lebten.

"Geschrien und gebissen"

Da ist etwa Philipp* im SOS Kinderdorf Dießen. "Als der Junge mit vier Jahren zu uns kam, hatte er erst nur geschrien und gebissen", erzählt Ingrid Heim. An seinem Geburtstag hatten die Behörden das Kind der wohnungslosen Mutter weggenommen. Sie sei überfordert gewesen.

Heim, die manche Kinder tatsächlich "Mama" nennen, lebt mit ihrem Partner selbst in einem der SOS-Häuser. Eigene Kinder hat sie nicht, doch sie weiß, wie sie das Vertrauen der Jungen und Mädchen gewinnt - geht etwa oft auf Augenhöhe mit ihnen, wird nicht laut. Bei Philipp hatte sie Erfolg. "Mittlerweile besucht er die Grundschule und schreibt gute Noten", sagt die Pädagogin. Auch die leibliche Mutter trifft der Junge wieder.

Fast vier von zehn alleinerziehenden Frauen und Männern sind auf Hartz IV angewiesen. Manche Kleinfamilie zerbricht daran. Kinder und Jugendliche, die nur bei einem Elternteil leben, landen öfter in staatlicher Obhut. Nur bei jedem fünften Heimkind, bei dem der Familienstatus bekannt ist, leben Mama und Papa noch zusammen.

Natürlich hätten auch früher nicht nur Waisenkinder in den SOS-Dörfern gelebt, sagt Leiter Rublack. "Doch wir spüren, dass es in Deutschland immer mehr arme Jungen und Mädchen gibt." Die materiellen Schwierigkeiten gehen ihm zufolge häufig mit familiären einher. Bei weniger als zwei Prozent der Kinder und Jugendlichen, die in Heimen leben, sind beide Elternteile verstorben.

Der Trend zur staatlichen Erziehung ist nicht billig: Rund 4,9 Milliarden Euro kostete die Erziehung in Heimen oder einer sonstigen betreuten Wohnform im Jahr 2016 - doppelt so viel wie ein Jahrzehnt zuvor. Mehrere Tausend Euro im Monat bekommen Heimbetreiber pro Kind von den Behörden. Dennoch wäre Experten zufolge weit mehr Geld nötig, damit Heimkinder später auch nur ansatzweise dieselben Chancen hätten wie die aus intakten Familien.

SOS-Kinderdorfmütter verdienen als Erzieherinnen übertariflich. Doch seit Deutschland Hunderttausende Kita-Plätze aus dem Boden stampfte und zugleich die Zahl der Heimplätze steigt, bewerben sich auch in Dießen weniger Erzieher. Vor 15 Jahren seien auf eine ausgeschriebene Stelle im Schnitt 80 Interessenten gekommen - jetzt seien es noch fünf, so Rublack: "Noch finden wir aber sehr gute Leute."

Anderswo haben sie weniger Glück. Es fehle "zunehmend Personal, das bereit und qualifiziert ist, in Wechselschichten, am Wochenende und mit Nachtbereitschaften zu arbeiten", warnte bereits 2016 der Brandenburger Landesverband privater Kinderheime. Auch die kirchlichen Träger klagen über einen zunehmenden Mangel an Erziehern und Pädagogen. "Vor allem auf dem Land ist das nötige Personal kaum noch zu finden", sagt Stephan Hiller, Geschäftsführer des Bundesverbands katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen. Man habe deshalb bereits Gruppen schließen müssen.

"Schlechte Bezahlung, miese Arbeitsbedingungen"

Bundesweit waren bei der Arbeitsagentur Mitte 2017 gut 1500 offene Jobs in Kinderheimen gemeldet. Tatsächlich fehlten Tausende Stellen, da viele Träger offene Jobs wegen mangelnder Vermittlungsaussichten gar nicht mehr meldeten, heißt es bei der Bildungsgewerkschaft GEW. Zwar sei der Erziehermangel auch dem massiven Kita-Ausbau geschuldet. "Doch die schlechte Bezahlung und die miesen Arbeitsbedingungen haben den Beruf des Heimerziehers für viele gut ausgebildete Pädagogen unattraktiv gemacht", sagt Norbert Hocke, der bei der GEW bis 2017 über drei Jahrzehnte den Bereich Jugendhilfe und Sozialarbeit geleitet hat.

Die Personalsituation sei in vielen Kinderheimen "katastrophal", so Hocke. Die offiziellen Schlüssel gingen an der Realität vorbei. Fortbildungen, Urlaub, Krankheiten oder kurzfristige Beschäftigungsverbote wegen Schwangerschaften würden "so gut wie nicht berücksichtigt". Dass immer mehr Kinder und Jugendliche teils auch ohne Fluchthintergrund nicht oder nur unzureichend Deutsch sprechen, stellt die Pädagogen vor zusätzliche Herausforderungen.

Der wachsende Arbeitsdruck erhöht laut Hocke das Risiko, dass es zu Verfehlungen oder gar Übergriffen gegenüber Kindern komme. Kinderheime müssen zudem Rabe-Kleberg zufolge zunehmend "auch Mitarbeiter behalten, von denen sie wissen, dass sie nicht geeignet sind". Sie würden schlicht keinen Ersatz finden.

Forscher Böwer geht von einer steigenden Zahl an Überbelegungen aus - den Jugendämtern fehlt, wie Hocke und ein ehemaliger Behördenmitarbeiter berichten, oft die Zeit zu überprüfen, wie es in den jeweiligen Heimen eigentlich zugeht. Auch bei der Heimaufsicht fehlt häufig Personal.

"Ernstes Problem"

In Norddeutschland mussten vor einigen Jahren mehrere Häuser privater Betreiber wegen der dort mutmaßlich herrschenden Zustände dichtmachen - etwa eine Einrichtung im Landkreis Dithmarschen. Ein Gutachten für das Sozialministerium hatte dort im Jahr 2015 von einer "Betreuungspraxis" gesprochen, die auf "Einschüchterung, Zwang und Unterwerfung" ausgerichtet gewesen sei. Die endgültige Aufklärung ist noch nicht abgeschlossen. Auch in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg gab es in jüngerer Vergangenheit mehrere Skandale.

Nur Einzelfälle? Kinder- und Jugendhilfeforscher Böwer untersuchte in 14 Einrichtungen, ob deutsche Heime und Wohngruppen genug tun, um Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche zu verhindern. Das traurige Ergebnis der laut Böwer repräsentativen Studie: Nur ein kleiner Teil habe "wirklich umfassende Maßnahmen ergriffen". Er spricht von einem "ernsten Problem".

Private und kirchliche Träger wie etwa die Diakonie verweisen dagegen auf vielfältige Schutzmaßnahmen. Aus Sicht von Gewerkschafter Hocke ist eine Ursache der Misere, dass die Jugendämter in der Vergangenheit bei der Auswahl zu wenig kontrolliert und zu oft die für sie günstigsten Heime bevorzugt hätten. Dies habe zu einem Unterbietungswettbewerb zwischen manchen Trägern geführt. Für ihn ist klar: "Würde es um Banken und nicht um Kinder gehen, hätte der Staat längst reagiert."

*Name geändert
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