EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm "Frömmigkeit ist ein Zukunftsmodell"

Bis 2060 verlieren die christlichen Kirchen in Deutschland die Hälfte ihrer Mitglieder - so eine Studie der Uni Freiburg. Wie will die EKD gegensteuern? Der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm gibt Antworten.

Heinrich Bedford-Strohm: "Liebe und Hoffnung"
Daniel Karmann / DPA

Heinrich Bedford-Strohm: "Liebe und Hoffnung"

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Im Auftrag der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland haben Forscher der Universität Freiburg untersucht, wie sich die Mitgliederzahlen und die Steuereinnahmen der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland entwickeln. Das Ergebnis: Bis 2060 werden die Mitgliederzahlen etwa um die Hälfte zurückgehen. Die Kirchensteuereinnahmen werden 2060 nur für die Hälfte der 2017 möglichen Ausgaben reichen.

Wie will die evangelische Kirche (EKD) auf die negative Entwicklung reagieren? Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hat die Fragen von SPIEGEL ONLINE schriftlich beantwortet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ratsvorsitzender, warum treten Menschen aus der evangelischen Kirche aus?

Heinrich Bedford-Strohm: Die Weitergabe des Glaubens von der einen auf die nächste Generation ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Menschen entscheiden heute aus Freiheit, ob sie einer Religionsgemeinschaft angehören wollen. Und wenn ja, welche es ist. Dass wir heute nicht mehr allein aus Konvention Kirchenmitglied sind, sondern aus Freiheit und bewusstem Willen, ist ja auch gut. Wenn Menschen aus der Kirche austreten, gehört das zu dieser Freiheit. Ich möchte, dass wir als Kirche so einladend und gewinnend sind, dass die Menschen gern bei uns mitmachen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das erreichen?

Bedford-Strohm: Die Menschen müssen wieder stärker spüren, welche Kraft von der Botschaft Jesu Christi ausgeht. Die Liebe und die Hoffnung, von der wir sprechen, müssen wir selbst viel mehr ausstrahlen und aus den Mauern der Kirchen raustragen. Ich nenne das ganz altmodisch eine geistliche Erneuerung. Frömmigkeit - davon bin ich überzeugt - ist kein Auslaufmodell, sondern ein Zukunftsmodell.

SPIEGEL ONLINE: Viele Gläubige treten aus, weil sie das Kosten-Leistungs-Verhältnis von gezahlter Kirchensteuer und erhaltener "Dienstleistung" im Ungleichgewicht sehen. Gleichzeitig sind Seelsorge und eine nachhaltige Verwurzelung in den Gemeinden durch kirchliche Strukturreformen und Sparmaßnahmen gefährdet. Wie wollen Sie dieses Dilemma lösen?

Bedford-Strohm: Ich habe einen anderen Eindruck. Viele Menschen wollen mit ihrer Kirchensteuer einen bewussten Beitrag dazu leisten, dass wir in unserer Gesellschaft besser zusammenleben. Die Zukunft der Kirche entscheidet sich nicht an Mitgliedschaftszahlen oder Finanzkraft, sondern an ihrer Ausstrahlungskraft. Meine bayerische Landeskirche befindet sich mitten in einem großen Reformprozess "Profil und Konzentration", der 2017 begonnen hat. Unter breiter landesweiter Beteiligung hat die Landessynode jetzt die neue strategische Ausrichtung der Arbeit in der Landeskirche beschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Offenbar für beide Kirchen gilt, dass vermögende Steuerzahler seltener austreten als Gläubige mit weniger Geld. Denkt die EKD über Steuererlässe für Wenigverdienende nach?

Bedford-Strohm: Die Kirchensteuer geht vom Solidargedanken aus. Jeder soll einen Beitrag zur Finanzierung der kirchlichen Aufgaben leisten, der seiner finanziellen Leistungsfähigkeit angemessen ist. Dieser Grundgedanke trägt auch in Zukunft. Über die konkrete Ausgestaltung kann man immer nachdenken. Insbesondere bei jungen Menschen ist beim ersten verdienten Geld die Kirchensteuer einfach ein schwieriges Thema.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann sich die Kirche von der Steuer unabhängiger machen und zu Geld kommen?

Bedford-Strohm: Niemand sollte unterschätzen, wie viele segensreiche Aktivitäten für Kirche und Gemeinwesen insgesamt durch die Kirchensteuer möglich sind. Sie ist eine historisch gewachsene Form des Mitgliedsbeitrags, aber auch andere Wege der Finanzierung wie etwa das Fundraising, das es ja auch jetzt schon in der Kirche gibt, haben ihre Berechtigung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen wird die EKD aus den neuen Zahlen ziehen?

Bedford-Strohm: In den kommenden Jahren müssen die laufenden regionalen Reformprozesse noch konsequenter verbunden werden. Das betrifft etwa die Beteiligung junger Menschen oder die Digitalisierung. Da müssen wir noch viel besser werden. Wir dürfen allerdings nicht den Fehler machen, die Erwartung an Programme zur Mitgliedergewinnung zu überhöhen. Nicht alles ist planbar und machbar. Alle gemeinsam sind wir Kirche und wollen mit fröhlichem Gottvertrauen die Zukunft gestalten.



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