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03. Februar 2007, 14:23 Uhr

Helden des 11. September

Todkrank - und im Stich gelassen

Amerika hat sie als Helden verehrt. Doch heute sind viele Feuerwehrleute, Polizisten und Sanitäter, die nach den Terror-Anschlägen vom 11. September halfen, sterbenskrank – und sie fühlen sich im Stich gelassen. Ihre Therapien sind teuer, und die finanzielle Unterstützung der Regierung ist gering.

New York - 13 Tabletten schluckt Marvin Bethea täglich. Seit der Rettungssanitäter unter den Trümmern des World Trade Centers verschüttet wurde, leidet er unter Asthma und Depressionen. Seit drei Jahren kann er wegen seiner Beschwerden nicht mehr arbeiten. Sieben Mal musste Bethea in dieser Zeit ins Krankenhaus. Dennoch zählt sich der 47-Jährige nicht zu den schlimmsten Fällen. "Ich gehöre zu den Glücklichen, die eine Krankenversicherung haben", sagt er. Anderenfalls müsste er selbst monatlich 1100 Dollar aufbringen, um seine Arzneien zu bezahlen.

Feuerwehrmänner am 11. September: Heute sind viele krank und kurz vor der Pleite
AP

Feuerwehrmänner am 11. September: Heute sind viele krank und kurz vor der Pleite

Teure Behandlungen trieben einige seiner Leidensgenossen in den Ruin, erzählt Bethea, der sich in einer Organisation für eine staatliche Kostenübernahme einsetzt. "Ich kenne einen Herrn, der an das College-Stipendium seines Kindes herangehen musste, weil er kein Geld mehr hatte." Manche Familien brächen auseinander, wenn wegen der teuren Arzneien für die Spätfolgen des Einsatzes am Ground Zero das Geld ausgehe, sagt Bethea.

Viele Feuerwehrleute, Polizisten und Sanitäter, aber auch unzählige Anwohner von Ground Zero, leiden heute unter schweren Lungenkrankheiten. Dass ein Zusammenhang zwischen dem Einsatz an den Trümmern des World Trade Centers und Lungenkrankheiten besteht, hatte im September die Autopsie eines 34-jährigen Polizisten erstmals offiziell bestätigt.

25 Millionen Dollar reichen nicht

Von der Politik – die sie einst als Helden feierte – fühlen sich die Kranken im Stich gelassen. 25 Millionen Dollar hat Präsident George W. Bush vor einigen Tagen für ein Behandlungsprogramm des New Yorker Mount-Sinai-Krankenhauses versprochen, das speziell für die Behandlung von Beschwerden entwickelt wurde, die mit dem 11. September zusammenhängen. Viel zu wenig, meinen Betroffene. Die versprochene Summe entspricht nach Angaben der Klinik gerade mal einem Zehntel des jährlichen Bedarfs. Und das Geld für die teure Behandlung der Leiden können viele Betroffene selbst nicht aufbringen.

Bethea war in den vergangenen zwei Jahren schon zwölf Mal in Washington, um sich in der Hauptstadt für seine Leidensgenossen einzusetzen. Bushs Hilfszusage ist für ihn nur ein zaghafter Anfang. Die Frustration sei groß, nachdem gut fünf Jahre nach der Katastrophe immer noch nicht viel für die Helfer von damals getan worden sei, sagt er. "Ich weiß die 25 Millionen zu schätzen", fügt er hinzu. "Aber sie sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein".

Auch Ceasar Borja kämpft für mehr Unterstützung der Einsatzkräfte vom 11. September. Sein Vater, der als Polizist bei den Aufräumarbeiten am Ground Zero half, starb vergangene Woche an einem Lungenleiden - mit gerade einmal 52 Jahren. Nun durfte der 21-jährige Borja sein Anliegen bei Präsident Bush persönlich vorbringen. "Ich habe ihm gesagt, wie die Finanzierung ausgeweitet werden muss, und das nicht nur für die Helden und Heldinnen die vor Ort waren", erzählt er. Auch andere Betroffene wie Anwohner mit Spätfolgen müssten Hilfe bekommen. "Für jeden sollte gesorgt sein und die US-Regierung soll die Kosten komplett übernehmen", fordert Borja. Doch auch wenn Bush die Einsatzkräfte vom 11. September bei dem Termin noch einmal als Helden ehrte - Borjas Forderung blieben unerfüllt.

Catherina Hours, AFP

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