Heroin vom Staat Böse Droge, gutes Medikament

Moralisch fragwürdig? Zu teuer? Kick auf Krankenschein? Mitnichten. Die staatlich kontrollierte Abgabe von Heroin an schwerstsüchtige Junkies ist der einzig richtige Weg, meint SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem. Das wahre Problem an der Diskussion sind Ignoranz und Dummheit.

Hamburg - Manchmal geht die Politik seltsame Wege. 2002 wurde in sieben deutschen Städten eine 30 Millionen Euro teure Studie gestartet, um die Wirksamkeit eines vielversprechenden Präparats an schwer kranken Patienten zu testen. Bei einem positiven Ergebnis sollte die Substanz als Medikament zugelassen werden. Ein ganz normaler Vorgang in der Medizin: Jeder Arzt ist froh, verschiedene Behandlungsmöglichkeiten zur Wahl zu haben. Nicht jeder Patient reagiert in der gleichen Weise auf ein Medikament. Deshalb werden auch unterschiedliche Antibiotika verschrieben.

In diesem Fall waren die Erfolgsaussichten von Beginn an sehr hoch; in anderen Ländern wie England, der Schweiz und den Niederlanden hatten ähnliche Studien zu positiven Ergebnissen geführt, und das Medikament hatte sich dort auch schon in der medizinischen Praxis bewährt. Tatsächlich war die Studie ein voller Erfolg, das neue Präparat bewirkte bei einem signifikant höheren Teil der Patienten eine Besserung ihres Krankheitsbildes als in der Vergleichsgruppe, die mit dem herkömmlichen Mittel behandelt wurde. Die zuständige Behörde empfahl daraufhin die Zulassung als Medikament.

So weit, so normal. Aber bei dem Präparat handelt es sich um Diamorphin, ein synthetisches Heroin, die Patienten sind schwerstabhängige Junkies und eine Zulassung als Medikament bedarf einer Änderung des Betäubungsmittelgesetzes. Das weckt Widerstände. Unionspolitiker wollen das Modellprojekt Heroinsubstitution für Schwerstabhängige beenden und die Zulassung für Diamorphin als Medikament zu den Akten legen.

Rückfall in die drogenpolitische Steinzeit droht

Eine Entscheidung, die wohl bei keinem anderen Medikament und bei keiner anderen Krankheit so getroffen worden wäre. "Ethisch unverantwortlich" nennt deshalb auch der Leiter der Studie, Christian Haasen, eine Beendigung des Programms. "Es bedeutet, den Patienten die einzige wirksame Behandlung, die wir kennen, zu verweigern." Diamorphin wird unter ärztlicher Aufsicht an schwerstabhängige Junkies abgegeben, an langjährig Süchtige, bei denen alle anderen Behandlungsmethoden in der Vergangenheit erfolglos geblieben waren. Bei mehr als 70 Prozent von ihnen hat sich eine deutliche Besserung des Gesundheitszustandes eingestellt, psychisch und körperlich, und die soziale Integration hat sich massiv verbessert. Viele hatten sogar wieder eine Arbeit gefunden. Ein Wert, der weit über dem der Methadonbehandlung liegt.

Nach Ende des Projekts würde innerhalb weniger Monate wohl der größte Teil der durch Heroinsubstitution stabilisierten Junkies wieder in die Kriminalität zurückfallen, in soziale Verelendung und körperlichen Verfall. Die ethischen Probleme dieser Entscheidung haben auch evangelische und katholische Kirchenvertreter erkannt. In einem offenen Brief plädieren die evangelischen Kirchenkreise Bonn und Bad Godesberg, das katholische Stadtdekanat Bonn sowie eine katholische Initiative aus Gera für die Fortführung der Studie.

Suchtmediziner und der allergrößte Teil der Drogenpolitiker aller Parteien sind sich einig, dass Heroinsubstitution ein wirksames und notwendiges Mittel in der Behandlung von Opiatabhängigkeit darstellt. Nicht alle Süchtigen kommen mit Methadon klar, genauso wie nicht jeder Patient auf Aspirin anspricht.

Aus medizinischer und ethischer Sicht gibt es keine Argumente gegen die Zulassung von Heroin als Medikament. Daher suchen einige konservative Politiker, in vorderster Front die CSU-Bundestagsabgeordnete Maria Eichhorn und der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn, Hilfe in ideologischen Parolen aus der drogenpolitischen Steinzeit und in der ökonomischen Keule. Moralisch fragwürdig und vor allem zu teuer, heißt es.

Aber Parolen wie "Der Staat als Dealer" oder "Kick auf Krankenschein" sind nur ideologische Phrasen, die Tatsachen verschleiern und Vorurteile zementieren. Eine Zulassung von Diamorphin als Medikament bedeutet nicht, wie Spahn gern lapidar anklingen lässt, die Legalisierung von Heroin. Im Gegenteil, sie stellt ein wirksames Instrument in der Behandlung der Sucht und damit auch in der Eindämmung von Schwarzmarkt und Beschaffungskriminalität dar. Und Substitution hat nichts mit Kick auf Krankenschein zu tun, Substitution ist Teil einer Behandlung einer zutiefst schmerz- und leidvollen Krankheit. Niemand fordert, dass jemand, der sich am Wochenende zudröhnen will, Heroin vom Arzt bekommt.

Kosten als Totschlagargument

Schlicht falsch ist auch die Behauptung, Heroin auf Krankenschein würde die Ausstiegsmotivation der Süchtigen empfindlich senken. Die Erfahrungen in der Schweiz haben gezeigt, dass der Anteil derer, die sich im Laufe einer Heroinsubstitution zu einem Entzug und damit einem drogenfreien Leben entscheiden, hoch ist. Genauso unwahr Spahns Behauptung, der Einsatz von Methadon sei ähnlich erfolgreich wie der von Diamorphin. Nicht nur, dass die Studie das Gegenteil belegt - die Zielgruppe für die Heroinsubstitution sind doch gerade die Süchtigen, bei denen die Behandlung mit Methadon schlicht nicht angeschlagen hat.

Bleibt das Totschlagargument der Kosten: Sicher, Heroinsubstitution ist teurer als Methadon. Die Mehrkosten resultieren aus der intensiveren Betreuung der Patienten. Aber da sie auch deutlich erfolgreicher ist, relativieren sich die Summen - mittelfristig machen die Einsparungen für das Gesundheits- und Gemeinwesen durch die soziale und gesundheitliche Stabilisierung der Süchtigen die Mehrkosten wett. In der Schweiz wurde daraus die Konsequenz gezogen, dass Krankenkassen und Kommunen die Kosten der Behandlung teilen. Und die Schweiz ist nicht für verschwenderische Finanzpolitik bekannt.

Ein Problem ist wohl, dass Heroinabhängige immer noch in weiten Teilen von Politik und Gesellschaft als Patienten zweiter Klasse, als willensschwache Sozialversager angesehen werden. Würde jemand auf die Idee kommen, einem Krebspatienten, der auf die herkömmliche Chemotherapie nicht anspricht, eine nachweislich wirksame, alternative Behandlung zu verweigern, nur weil sie teurer ist? Eher nicht. Ein weiteres Problem ist die Stigmatisierung von Heroin, eine "böse" Droge als "gutes" Medikament ist für viele schwer vorstellbar. Außerdem haben Junkies keine Lobby - anderen Süchtigen, die Krankenkassen und Gesellschaft belasten, den Rauchern, ist es jahrelang gelungen, mit Hilfe der Industrie das öffentliche Ausüben ihrer Sucht und die Schädigung der Gesundheit anderer als eine Art Persönlichkeitsrecht durchzusetzen.

Manchmal ist das Problem allerdings auch Ignoranz und schlicht Dummheit: Gruselig wird es, wenn Maria Eichhorn verkündet, es sei sinnvoller, die Kosten der Herointherapie einzusparen und das Geld in die Cannabis-Prävention zu stecken. Sicher, Prävention ist wichtig, aber die Haltung hinter dieser Aussage fragwürdig. Zu Ende gedacht hieße das nämlich auch: Lasst uns die teuren Behandlungskosten zum Beispiel für Krebspatienten über 60 einsparen und das Geld lieber in die Schutzimpfung von Kindern investieren. Eine Politikerin, die sich auf christliche Werte beruft, sollte so eine Haltung überdenken.