Bahndamm nach Sylt Hindernis Hindenburg

Der Hindenburgdamm nach Sylt ist eine der bekanntesten Bahnstrecken Deutschlands. Die Benennung nach dem früheren Reichspräsidenten ist jedoch umstritten. Nun entbrennt die Debatte erneut.

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Manchmal rutscht auch Andreas Tietze noch das Wort Hindenburgdamm heraus. "Da haben Sie mich erwischt", sagt der grüne Landtagsabgeordnete aus Schleswig-Holstein. Dabei kämpft er für eine Umbenennung der Bahnstrecke nach Sylt. Nach der jüngst in Lübeck beschlossenen Umbenennung des Hindenburgplatzes haben er und sein sozialdemokratischer Parlamentskollege Martin Habersaat nun erneut Sylt-Damm oder Sylter Damm als neuen Namen für Deutschlands wohl bekannteste Bahnstrecke gefordert, die Reichspräsident Paul von Hindenburg am 1. Juni 1927 eröffnete.

Grund für die Forderung: Hindenburgs Rolle unter anderem bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Doch es gibt Widerstand. Historiker Uwe Danker spricht von einer "generellen Löschmode", die die historische Auseinandersetzung nicht fördere. Er plädiert im Fall Hindenburg für mehr Differenzierung. Dessen Rolle in den Zwanzigerjahren sei anders zu bewerten als sein Verhalten Jahre später bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Der Professor und Direktor am Seminar für Geschichte und Geschichtsdidaktik der Europa-Universität Flensburg sagt: "Eine Umbenennung ist ein Herrschaftsakt und eine politische Frage."

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Hindenburgdamm: Sylts Nabelschnur

Im Fall des Hindenburgdamms ist sie besonders heikel. Für Spötter ist er bloß der Gleisanschluss einer Sandbank, für Sylter und Gäste der Luxusinsel jedoch ist er eine fragile Lebensader - und fast jeder in Deutschland hat den Namen für die Streckenkilometer 217 bis 226 durchs Wattenmeer bereits gehört. Würde der Damm umbenannt, könnte das ein Signal für den Umgang mit Hindenburgstraßen und -plätzen in ganz Deutschland sein.

Grünen-Politiker Tietze, der selbst 25 Jahre auf der Insel gelebt hat, spricht bereits vom Sylt-Damm. Der Name könne auch dem Tourismus guttun, findet er. Außerdem heiße das Bauwerk, das rund 1500 Arbeiter von 1923 an dem Meer abtrotzten, auf Sylt ohnehin nur Damm. "Da spielt Hindenburg keine Rolle."

"Hassmails und Beschimpfungen"

Die Reaktionen auf seinen Vorstoß bestärken Tietze noch. "Ich bekomme seit zwei Tagen rechtsradikale Hassmails und Beschimpfungen und das macht mich hellhörig", sagt er. Wenn die Namensdebatte so etwas auslöse, dann gebe es ein viel größeres Problem.

Eine Umbenennung, so Tietze, habe in Kiel gut funktioniert. Nach nur wenigen Jahren spreche dort niemand mehr vom Hindenburgufer am Landtag, sondern nur noch von Kiellinie. Der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, Tobias Koch, ist da skeptischer. Mit einem neuen Namen sei "nichts gewonnen, aber die Chance der lehrreichen Auseinandersetzung mit der Geschichte vertan."

Historiker Danker zufolge muss bei Hindenburg zwischen den Zeitpunkten der Benennung unterschieden werden. "1933/34, im Kontext der Machtübernahme der Nationalsozialisten benannte Plätze, wären heute umzubenennen, weil die Benennung für Hindenburgs aktive Rolle als Totengräber der Weimarer Republik erfolgte", sagt der Forscher, der selbst auf Sylt geboren ist. 1927 jedoch, so Danker, sei Hindenburg als Nachfolger Friedrich Eberts erst seit zwei Jahren Reichspräsident gewesen - und "überraschend verfassungstreu".

"Zu diesem Zeitpunkt hat er eine integrative Rolle gespielt und das rechte Spektrum an die Republik herangeführt", sagt Danker, dessen Mutter Hindenburg als Blumenmädchen noch mit auf Sylt empfangen hatte. Er würde den Namen beibehalten - und auf den Bahnhöfen in Westerland und Niebüll eine einordnende Tafel aufstellen. Dabei gelte es aber auch, darauf hinzuweisen, "dass Hindenburgs Kriegsherrenrolle, insbesondere im Sommer 1918, als er und Erich Ludendorff noch einmal Hunderttausende Opfer in Kauf nahmen, eine ethisch extrem grenzwertige war."

Hitler und Hindenburg 1933 in Tannenberg
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Hitler und Hindenburg 1933 in Tannenberg

SPD-Politiker Habersaat sieht in der Bezeichnung dagegen eine Ehrung für eine Persönlichkeit, die er gerne beenden möchte. Die Frage, wer wofür zu ehren sei, dürfe jede Generation neu diskutieren.

Für den Bürgermeister "kein Thema"

Die Deutsche Bahn wiederum hält sich in der Debatte erstaunlich zurück. Ihr zufolge heißt der Hindenburgdamm offiziell gar nicht Hindenburgdamm. "Die einzigen Eisenbahnbauwerke, die offiziell getauft werden, sind Tunnel", sagte eine Bahn-Sprecherin. Intern heiße das im Volksmund so genannte Bauwerk lediglich Strecke 1210. Tietze findet, der Konzern mache es sich damit zu einfach: "In Katastrophenschutzplänen und Präsentationen der Deutschen Bahn wird auch von Hindenburgdamm gesprochen."

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Soll der Hindenburgdamm umbenannt werden?

Laut dem nordfriesischen Historiker Thomas Steensen geht die Bezeichnung auf den früheren Generalbahndirektor Julius Dorpmüller zurück. Der später als NS-Verkehrsminister auch an der Deportation von Juden beteiligte Eisenbahner habe den Damm beim Festakt auf Sylt nach Hindenburg benannt. Auch deshalb hatte Steensen bereits vor knapp zwei Jahren eine Umbenennung gefordert.

Auf Sylt selbst übrigens, so Inselbürgermeister Nikolas Häckel, ist die Frage nach einem neuen Namen bislang "überhaupt kein Thema". "Das ist eine Diskussion, die von außen angestoßen wird."

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