Hochwasserkatastrophe Bangen in Passau, Hoffen in Rosenheim

Das Hochwasser im Süden und Osten Deutschlands hat dramatische Höchststände erreicht: Passau zittert vor weiter steigenden Pegeln, auch in Sachsen und Thüringen bleibt die Situation kritisch. In Rosenheim sank das Wasser.


Passau - In den Hochwassergebieten Deutschlands und der Nachbarländer ist die Anspannung weiter riesig. Passau wurde von den heftigsten Überschwemmungen seit 1501 heimgesucht. Laut Angaben der bayerischen Behörden stieg der Pegel auf mehr als 12,60 Meter und übertraf damit die Rekordflut von 1954. Normal für die Jahreszeit wäre ein Pegelstand bis zu 4,50 Metern.

Und es regnet weiter. Geschäfte und Gaststätten liefen voll mit Wasser, Straßen und Gassen werden zu Kanälen. Ein Gefängnis mit etwa 60 Insassen musste evakuiert werden. 35 Häftlinge kamen in die JVA Straubing und 24 nach Landshut, wie das Bayerische Justizministerium mitteilte. Ein Gefangener, dessen Entlassung ohnehin einen Tag später anstand, konnte vorzeitig gehen. Die Polizei unterstützte die Haftanstalten beim Transport der Gefangenen.

Wo Inn und Ilz in die Donau fließen, wurden große Areale überflutet. Mehr als 20 Boote hielten die Versorgung der Menschen in vom Wasser eingeschlossenen Gebäuden aufrecht. In Teilen der Altstadt musste der Strom abgedreht werden. Da eine Verunreinigung der Brunnen droht, mussten die Stadtwerke die Trinkwasser-Versorgung einstellen.

Passau vor und während des Hochwassers - klicken Sie auf das Wisch-Bild:

In der Nacht soll sich die Situation in Passau leicht entspannen, für den morgigen Dienstag allerdings wird wieder eine Verschärfung der Lage erwartet.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will gemeinsam mit Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) die Stadt besuchen und sich ein Bild von der dramatischen Lage machen. Sie stellte den Opfern des Hochwassers in Deutschland Hilfe in Aussicht: "Der Bund wird auch schauen, was wir helfen können, genauso wie die Länder", sagte sie am Montag in Berlin.

Die bayerische Staatsregierung will die Folgen der Hochwasserkatastrophe in Passau und Südostbayern mit einem Hilfsprogramm von 150 Millionen Euro lindern. Das beschloss der Krisenstab in München. Laut Angaben von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wurden sie von 650 Bundeswehr-Soldaten unterstützt, weitere 350 Soldaten sollen noch dazukommen.

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Hochwasser: Fluten haben Passau im Griff
Am Dienstag wird das Hochwasser auch Thema im bayerischen Landtag. Zudem wird die Regierung von Ministerpräsident Horst Seehofer ein Sofortprogramm auflegen, um den betroffenen Menschen zu helfen. Die Grünen dagegen machten die bayerische Landesregierung für das Hochwasser mitverantwortlich. Die hohen Pegelstände seien auch auf das "Versagen der Staatsregierung bei der Landesplanung, beim Hochwasser- und Klimaschutz" zurückzuführen", erklärte die Grünen-Fraktion im Landtag.

Rosenheim atmet auf

Während Passau Angst vor weiteren Überschwemmungen hat, zeigt sich der Katastrophenschutz in Rosenheim vorsichtig optimistisch. Der Pegelstand der Mangfall sei von 4,94 Meter auf etwa 4 Meter gesunken, sagte ein Sprecher des örtlichen Katastrophenschutzes. Auch am Standort Feldolling seien die Pegelstände von 3,23 Meter auf 2,20 Meter zurückgegangen. Der überspülte Deich am Auerbach in Oberwöhr zeige keine sichtbaren Schäden. Die Trinkwasserversorgung ist laut den Stadtwerken Rosenheim im gesamten Stadtgebiet in einwandfreier Qualität gewährleistet.

Auch die Pumpwerke in Aisingerwies und Oberwöhr funktionierten wieder dank Notstromaggregaten. "Ein bis zwei Tage wird die kritische Situation aber noch anhalten", sagte Stadtbrandrat Hans Meyrl. Inzwischen konnte die Zugverbindung nach München wieder aufgenommen werden. Auch erste Maßnahmen zur Straßenreinigung haben begonnen.

Sachsen-Anhalt in Angst

Auch Sachsen-Anhalt droht ein weitaus schlimmeres Hochwasser als bei der sogenannten Jahrhundertflut 2002. "Wir haben es mit Wassermassen zu tun, die wir noch nie zu bewältigen hatten", sagte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) in Halle. 2002 seien die Überflutungen von der Elbe und Mulde gekommen. Jetzt strömten in kurzer Zeit extreme Wassermassen - von Ost, West, Nord, Süd - auch von der Weißen Elster ins Land. Ein Ende sei nicht absehbar, daher sei mit weiter steigenden Pegelständen zu rechnen.

Zwar habe man seit 2002 Deiche saniert und erneuert - allerdings nicht überall, da Genehmigungsverfahren zu lange gedauert hätten, räumte Haseloff ein. Um die Situation zu entschärfen, soll Wasser aus Sachsen-Anhalt in eine Leipziger Auenlandschaft geleitet werden.

Die Stadt Halle sieht sich vom schlimmsten Hochwasser seit 70 Jahren bedroht. Hier fließt die Weiße Elster in die Saale, die bereits jetzt einen Wasserstand von über 7 Metern hat. Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) hatte am Nachmittag Katastrophenalarm ausgerufen. Seither werden im Wettlauf mit der Zeit Deiche mit Sandsäcken und einem mobilen System verstärkt, um Teile der Altstadt, der Plattenbausiedlung Halle-Neustadt und die Bundesstraße 80 vor Überflutung zu schützen. Es werde mit einem Wasserstand von 7,50 Meter für die Saale gerechnet. Das letzte Hochwasser gab es 2011 in Halle mit 6,93 Meter für die Saale.

Mecklenburg-Vorpommern wappnet sich

Nach dem sintflutartigen Regen in Sachsen und Thüringen wappnet sich Mecklenburg-Vorpommern gegen eine Elbeflut. Dem Umweltministerium zufolge soll die Elbe am Unterlauf zwischen Dömitz und Boizenburg zum Wochenende hin merklich anschwellen wird. Im Sommer 2002 war die Flutwelle der Elbe knapp zwei Wochen nach dem Starkregen im Erzgebirge in Mecklenburg-Vorpommern angekommen.

Zehnausende Helfer im Einsatz

Insgesamt sind etwa 4000 Helfer vom Bund seit Samstag in den deutschen Hochwassergebieten im Einsatz. Dazu gehören 1400 Soldaten, etwa 2000 Kräfte des Technischen Hilfswerks (THW) und 600 Bundespolizisten. Sie unterstützten die Hilfskräfte in Sachsen, Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Sie kümmern sich um Aufbau und Sicherung von Deichen mit Sandsäcken, überwachen die Katastrophengebiete aus der Luft, bieten Betroffenen Unterkunft und Verpflegung sowie Begleitung und erste medizinische Versorgung.

Die Fluten bedeuten für die Feuerwehren den größten Einsatz seit dem Hochwasser 2002. Fast 28.000 Feuerwehrmänner und -frauen seien seit dem vergangenen Wochenende in den ost- und süddeutschen Hochwassergebieten im Einsatz, teilte der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) mit.

Keine Entwarnung in Österreich

Die Wassermassen von Donau und Inn haben eine Schneise der Verwüstung auch durch Österreich gezogen. In den Gemeinden an der Donau herrschte Katastrophenalarm. Auch das Militär war im Einsatz. "Die Lage spitzt sich weiter zu, wir sind noch lange nicht über dem Berg. Wir können noch nicht absehen, welche neuen Katastrophen uns noch ereilen", warnte Vizekanzler und Außenminister Michael Spindelegger (ÖVP).

Während sich die Lage in Salzburg, Tirol und Vorarlberg langsam entspannte, sollte im Osten des Landes das Schlimmste noch kommen. In Niederösterreich und an den Donau-Auen rund um Wien bangten die Menschen, ob der neue, nach 2002 entwickelte Hochwasserschutz den Fluten standhalten wird.

Anders als in Tschechien dürfte die österreichische Hauptstadt wohl verschont bleiben: In Wien entlastet das in den siebziger Jahren ausgehobene Großprojekt "Neue Donau" die Stadt von den Fluten.

Tschechien trauert um sechs Tote

In Tschechien regnet es weiter heftig. Die Zahl der Hochwasser-Toten ist auf sechs gestiegen. Tausende mussten bereits ihre Häuser verlassen. Die höchste Warnstufe 3 galt an rund 50 Orten.

Landesweit hätten mehr als 7000 Menschen ihre Häuser verlassen müssen, teilte die Feuerwehr mit. Rund 20 Eisenbahnstrecken und 150 Landstraßen waren nach Behördenangaben gesperrt. In Prag blieben Schulen und U-Bahn geschlossen. Die tschechische Regierung hatte am Sonntag den Notstand für fast alle Regionen des Landes ausgerufen.

Experten des nationalen Wetterdienstes sagten weiter steigende Pegelstände an Elbe und Moldau in den kommenden zwei Tagen voraus. Die Elbe könnte demnach im Laufe des Dienstags in Usti (Aussig) auf einen Stand von bis zu 10,8 Metern steigen. Das sei eine extreme Gefährdung. In Decin (Tetschen), Usti, Hrensko und Terezin (Theresienstadt) wurden Evakuierungen angeordnet.

Angespannt war die Lage auch an der Moldau in Prag. Die Feuerwehr hat mobile Hochwasserbarrieren errichtet, um die Prager Altstadt zu schützen. Den Höchststand erwarteten die Behörden auch hier erst am Dienstag.

Die detaillierte Wettervorhersage finden Sie hier.

ala/hen/dpa/AFP

insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
eaglefighter 03.06.2013
1. Und das ist alles seit Jahren bekannt !
Flussbegradigung etc pp also Menschengemacht ! Aber für viele ist Fußball und Vergnügen wichtiger !
mini4711 03.06.2013
2.
www.hochwasser2013.de Hilfeportal Piratenpartei Deutschland
der_stille_beobachter 03.06.2013
3.
Zitat von sysopDPADas Hochwasser im Süden und Osten Deutschlands hat dramatische Höchststände erreicht: Passau zittert vor weiter steigenden Pegeln, auch in Sachsen und Thüringen bleibt die Situation kritisch. In Rosenheim sank das Wasser. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hochwasser-anspannung-in-passau-entspannung-in-rosenheim-a-903584.html
So langsam kann man über dieses Gebaren der Grünen nur noch den Kopf schütteln...
ex_t_kunde 03.06.2013
4. Klimaskeptiker
Die Menschen vor Ort tun mir Leid. Umso unverstaendlicher dass es so genannte "Klimaskeptiker" gibt, die auch dieses Hochwasser als eine Verschwoerung abtun und behaupten, die Bilder seien lediglich in Photoshop entstanden und nicht durch zuviel Regen...
hugo1000 03.06.2013
5. Für die Regenfälle, und das Hochwasser kann man,
die CSU wohl nicht verantwortlich machen. für die Ideenlosigkeit, und das Nichtstun seit dem letzten Hochwasser aber sehr wohl.
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